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Zweimal 1914: WIEN 1914 / SCHÖNE TAGE 1914

05.01.2014 | buch

 

BuchCover Wien 1914  BuchCover Jelinek, Schoene Tage 1914

Edgar Haider
WIEN 1914
Alltag am Rande des Abgrunds
304 Seiten, Verlag Böhlau, 2013

Gerhard Jelinek
SCHÖNE TAGE 1914
Vom Neujahrstag bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges
320 Seiten, Amalthea Verlag, 2013

Vor hundert Jahren konnte man sich über die Geburt einer Erzherzogin freuen, große Habsburger-Festspiele ins Auge fassen (kein Geringerer als Max Reinhardt sollte sie leiten) und hundert Jahre zum Wiener Kongress zurückblicken. Die Prophezeiung, dass ab Ende Juli 1914 die Welt untergehen würde, wäre den Menschen damals undenkbar erschienen. Und doch gibt es heute, hundert Jahre danach, nur ein Thema: Was damals, 1914 in Wien, seinen Anfang nahm. Der Anfang vom Ende des „alten Europa“. Der Erste Weltkrieg. Der Beginn einer gänzlich anderen Welt.

Es wird dazu noch viele Bücher geben, und es ist nicht zu vermeiden, dass sie ähnliche Ansätze wählen. Dennoch ist es, wie das Beispiel zweier Werke zum Thema „Wien 1914“ zeigt, überaus sinnvoll, mehreres zu einem Sachverhalt zu lesen. Was sich wiederholt, wird ja doch aus anderer Perspektive dargestellt. Und immer wird ein Autor Aspekte finden, die der andere ausklammert.

Der Historiker Edgar Haider teilt seinen „Alltag am Rande des Abgrunds“ in einzelne Kapitel und sieht, wie es heute üblich ist, die Epoche der ausklingenden Monarchie in fast jeder Hinsicht düster, was durchaus seine Berechtigung hat (wenn nicht der parallele Autor Gerhard Jelinek vergleichsweise eher den „letzten Glanz der Märchenstadt“ schildern würde). Interessant übrigens, dass beide Autoren immer wieder das – überaus schwankende – Wetter beschwören: Auch das zeugt natürlich für die Stimmung der Tage, Wochen, Monate „davor“…

In abwechselnden Artikeln werden von Haider der scheinbare Glanz und das reale Elend gegenüber gestellt: Noch hält die Person des greisen Kaiser Franz Joseph das Imperium zusammen, noch fürchten die meisten, was nach ihm kommt. Zwar wenden sich viele, um den Absprung nicht zu verpassen, bereits dem „Belvedere“ zu, wo Thronfolger Franz Ferdinand auf seine Stunde wartet und allerlei Pläne hat, die die Struktur der Monarchie umwälzen sollten (vor allem den „Trialismus“ mit den Tschechen), aber dass dieser Franz Ferdinand vermutlich keinen Stein auf dem anderen lassen würde, machte vielen auch Angst. Immer noch aber „funktionierte“ ein althergebrachter, großteils feudaler Alltag mit Fasching, Ostern, Praterfreuden, 1. Mai, Blumentag und der für die Reichen ganz selbstverständlichen „Sommerfrische“. Auch Wien spielte den Wagner’schen „Parsifal“, der nach seiner Sperre durch Bayreuth nun endlich in die Welt gehen konnte, Autos fuhren und am Flugfeld von Aspern bewunderte man Flugversuche… Sorglose Zeiten?

Die Armen waren sehr arm und lebten in den Vorstädten in elendigen Verhältnissen. Im Parlament war richtige „Arbeit“ unmöglich, weil sich die einzelnen Fraktionen durch Obstruktion außer Kraft setzten. Die Kirche klammerte sich an ihre Macht und die Frauenrechtlerinnen rüttelten nicht nur daran. Schmutz und Staub waren das Großstadtübel, viel Altes musste dem Neuen weichen, wobei manches, wie die Herausforderung „Stadtbahn“, dann auch sehr gut gelöst wurde.

Alles in allem ein komplexes Bild eines guten halben Jahres Wien-Alltag, in dem nichts Außerordentliches geschah – bis am Sonntag, am 28. Juni 1914, gegen 2 Uhr Nachmittag allerorten die Telefone zu läuten begannen und sich in Windeseile die Nachricht verbreitete, der Thronfolger und seine Frau seien in Sarajevo ermordet worden. Ein Gerücht, das bald zur Gewissheit wurde.

Wie sein Kollege Jelinek schildert auch Haider das Attentat selbst nicht, nur die Stunden davor (bei ihm war es das Thronfolgerpaar, das tags davor unbehelligt gemeinsam Einkäufe im Basar getätigt hatte, bei Jelinek war es angeblich der Thronfolger allein gewesen – das Netz der Überlieferung ist undurchsichtig geknüpft). Interessant ist danach nur eines: Wie lange Zeit hindurch nach dem Attentat – nichts geschah. Wie schnell man nach der Ermordung des unbeliebten Mannes zu Business as usual zurückkehrte. Dass daraus ein Krieg entstehen könnte, lag keinesfalls unausweichlich in der Luft. Und doch kam er. Und dann war nichts mehr wie zuvor.

Gerhard Jelinek, erfahrener TV-Journalist, geht das Thema chronologisch an, von Tag zu Tag bis zur Katastrophe. Wobei er von einer Welt ausgeht, die sich in Sicherheit wiegte, die Wachstum, Wissen, Wirtschaft und Wohlstand auf ihr Banner geschrieben hatte. Die Nachwelt hat es leicht, das Pulverfass Wien zu erkennen, wo Adolf Hitler und Josef Stalin einander über den Weg hätten laufen können – aber wer war damals Hitler, wer war Stalin? In die Zukunft sehen, ist eine dem Menschen vorenthaltene Eigenschaft. Nachher weiß man es immer besser – und tut sich leicht damit…

Mit einem „schönen Wintertag“, wie Arthur Schnitzler in seinem Tagebuch schrieb, begann am 1. Jänner das Jahr 1914, alle wollten nur Gutes von dem Jahr erwarten, der Wettlauf um die erste „Parsifal“-Aufführung außerhalb Bayreuths (Wien beteiligte sich nicht, zog erst am 14. Jänner in der Hofoper nach) war wichtiges Thema auf den Kulturseiten, der royale Klatsch blühte, als Erzherzogin Zita am 3. Jänner ihr zweites Kind, die Tochter Adelheid (Sohn Otto gab es schon) zur Welt brachte. Doch wer waren damals schon Erzherzog Karl und Gattin Zita? Die Welt erwartete in Franz Ferdinand einen Kaiser Franz II., und Karl würde vermutlich in drei Jahrzehnten zum Zug kommen, konnte man realistischerweise erwarten. Dessen Sohn Otto würde dann 1973 die 700-Jahr-Feier der Königskrönung von Stammvater Rudolf von Habsburg ausrichten… So sahen die Erwartungen 1914 aus.

Im Gegensatz zu Edgar Haider, der mit seinen Schilderungen und Überlegungen ganz in Wien bleibt, schwärmt Jelinek nach Europa aus, geht auch Einzelpersonen nach – wie dem Dichter Robert Musil beispielsweise, der in Berlin einen Job suchte, während er sich in Wien krank schreiben ließ, und dann, als er fündig geworden war, in der Technischen Hochschule, wo er als Bibliothekar beschäftigt war, einfach kündigte… Eines von vielen Einzelschicksalen, die natürlich helfen, ein buntes Mosaik des Zeitalters zusammen zu setzen.

Jelinek zitiert in seinem Buch besonders gerne die Tagebuchschreiber, und da erweisen sich zwei als besonders ergiebig: Der Jurist und Politiker Josef Redlich, der mitten im Geschehen stand und dennoch zu klarsichtiger Analyse fähig war, und der Dichter Arthur Schnitzler, von dem Ähnliches zu sagen ist (mit dem Jelinek allerdings nicht sehr sorglich umgeht, sonst hätte er dessen Sohn Heinrich nicht auf Seite 221 zu des Dichters Bruder gemacht – und vor allem hätte er nicht, wenn er die Kriegbegeisterung bedeutender österreichischer Schriftsteller schildert und kritisiert, darauf vergessen zu erwähnen, dass Schnitzler von Anfang an unerbittlicher Kriegsgegner war und sich nie in die Propaganda-Maschinerie einspannen ließ).

Während im Parlament wieder einmal nichts weitergeht, aber die erste „Elektrische“ nach Pressburg fährt, überlegt die Wiener Stadtverwaltung den Anschluss der Stadt an das 20. Jahrhundert und plant damals schon eine U-Bahn (!), 64 Jahre, bevor sie dann tatsächlich kam. Berlin bereitet die Olympischen Spiele 1916 vor, Kriegswaffen werden gekauft, Kriegsschiffe kreuzen, tatsächlich ist Europa bis an die Zähne gerüstet. Als ob man nur auf den Vorwand wartete, all diese Waffen einzusetzen – während andererseits große Geschäfte gemacht werden (nicht nur mit diesen Waffen), auf die auch niemand verzichten will.

Bei Jelinek begegnet man der Wiener Creme de la Creme in Kultur, Politik und Militär, erfährt aber auch von dem bedauernswerten Wilhelm Fürst zu Wied, der als Marionette der Großmächte in die Rolle eines Fürsten von Albanien gedrängt und in die einzige wirkliche Unruheregion Europas geschoben wird: den Balkan. Als ob hier noch etwas zu retten wäre. Als ob von hier nicht das Pulverfass hochginge. Aber das weiß man immer erst nachher. Man liest ein Buch über die Ereignisse von 1914 mit dem Wissen, was aus allem dann geworden ist…

Kino, Auto, Flugzeug. Hitler, Hötzendorf, die Zustände in England, Geschäfte zwischen Frankreich und Russland, das Panorama der Zeit geht hier über Wien hinaus, manches führt zurück und weist auf heute: Vier Prozent Zinsen für Spareinlagen. Steuern, die im Vergleich zu unseren unglaublich milde sind. Bahnen innerhalb der Monarchie, die auch nicht länger brauchen als wie heute. In manchen Dingen scheinbar „goldene Zeiten“.

Duelle werden eingeschränkt, aber nicht verboten. Rudolf Steiner hält Vorträge über esoterische Lebensanschauung und Nudisten postulieren neue Lebensformen. Man spottet über die Frauenrechtlerinnen und zerbricht sich zeremoniell den Kopf, wie die Gattinnen von hohen Militärs anzusprechen seien. Carl Michael Ziehrer bietet ein neues Erfolgsstück mit Girardi („Das dumme Herz“, heute vergessen), Alice Schalek berichtet über ihre Weltreisen und hat Lust, Josef Redlich zu verführen (und Karl Kraus liegt auf der Lauer, sie in den „Letzten Tagen der Menschheit“ dann als Kriegsberichterstatterin zu diffamieren, wenn der Sommer 1914 seine Folgen gezeitigt hat).

Ein noch unbekannter spanischer Maler namens Picasso gefällt den Wienern weniger als ihre große Tina Blau (das mag in Einzelfällen noch heute so sein). Alma Mahler will Oskar Kokoschka los werden, weil er ein so lästiger Liebhaber ist, und die Zeitungen werben für Hautcreme. In Paris wird der Chefredakteur des „Figaro“ von einer Frau ermordet, die Rache für ihren von der Zeitung verfolgten Ehemann nimmt. Oberst Redl setzt seinem Leben sein Ende (dabei hätten ihn die Russen später, als es dann Krieg gibt, so gut gebrauchen können).Kaiser Wilhelm II. kommt zu Besuch und neigt sich wohl schon eher Franz Ferdinand zu als Kaiser Franz Joseph, dessen Hinscheiden jedermann in absehbarer Zeit erwartet… In diesem Jahr tummeln sich Adolf Loos, Sigmund Freud, Egon Schiele, Gustav Klimt und Künstler in Mengen  in Wien, Adolf Hitler wird  25 Jahre alt und selbst Alfred Polgar hält Georg Büchner anlässlich von dessen 100. Geburtstag für überschätzt (aber Alban Berg empfängt von dessen Stück die Anregung zu seiner „Wozzeck“-Oper)…

Es ist ein buntes, reichhaltiges Bild, das hier gemalt wird, nur auf die Festivitäten anlässlich von „100 Jahre Wiener Kongress“ vergisst das Buch: Fürstin Pauline Metternich hat sie gestaltet, hat doch ihr berüchtigter Großvater einst hier in Wien zu einer Neuordnung Europas beigetragen, die seither einigermaßen gehalten hat.

Bertha von Suttner stirbt am 21. Juni in Wien, immer noch in Sorge um den Weltfrieden (wie recht sie hat). Es herrscht prachtvolles Sonnenwetter, ein „Jahrhundertsommer“. Eine Woche später fallen die Schüsse von Sarajevo. Und dann die Zeit der Ungewissheit. War Kaiser Franz Joseph, der nach der Ermordung von Franz Ferdinand wieder in seine Ischler Sommerfrische zurückkehrte, tatsächlich „zum Krieg bereit“, wie hier unterstellt wird? Oder waren es die Kriegstreiber, die eine Tragödie, die diplomatisch hätte bereinigt werden können, mutwillig zum Krieg hochschaukelten?

Wir werden in diesem Jahr noch viel darüber lesen – und viele verschiedene Meinungen dazu hören.

Renate Wagner

 

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