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ZWEI HERREN IM ANZUG

30.03.2018 | FILM/TV, KRITIKEN

Filmstart: 6. April 2018
ZWEI HERREN IM ANZUG
Deutschland / 2018
Drehbuch und Regie: Josef Bierbichler
Mit: Josef Bierbichler, Simon Donatz, Martina Gedeck, Irm Hermann, Philipp Hochmair, Catrin Striebeck u.a.

Man sieht so viele Filme – aber wie viele beeindrucken schon „nachhaltig“, wie das moderne Wort heißt, wie viele wird man mit Sicherheit nicht vergessen? Nun, die „Zwei Herren im Anzug“ von Josef Bierbichler beispielsweise.

Deutsche Geschichte des vorigen Jahrhunderts,  am Beispiel einer bayerischen Wirtshausfamilie zwischen dem Ersten Weltkrieg und den Achtziger Jahren. Gnadenlos, aber keinesfalls billig demagogisch. Mit Verständnis dafür, wie Menschen jeweils in ihrer Zeit denken. Und wie sich das Denken und Agieren mit den Veränderungen der Zeitenläufte ändert – und wie schwer es ist, mit dem Wandel umzugehen. Es gibt in der Geschichte keine Entschuldigung für evidente Schuld. Das Gezeigte ist brutal und dabei seltsam ausgewogen. Meisterlich.

Josef Bierbichler, der heuer 70 wird, ist kostbares Urgestein des deutschen Theaters und des deutschen Films. 2011 schrieb er den Roman „Mittelreich“, der zweifellos viel Biographisches aus seiner Familie enthält. Er hat das Buch schon auf die Bühne gebracht und jetzt auch verfilmt. Und in vieler Hinsicht einen wichtigen Beitrag zum Thema Deutschland beigesteuert. Keinen schönen notabene.

Die Ausgangssituation ist klassisch – nach dem Begräbnis der Mutter bleiben Vater und Sohn zurück. Einer der Anlässe, wo man sich wieder einmal sieht, auch wenn man längst entfremdet ist. Einer der Anlässe, wo man sich erinnert. Es ist 1984, und Josef Bierbichler (der in diesem Film mehrere Generationen verkörpert) sitzt als Seewirt Pankraz mit seinem Sohn Semi (gespielt von Bierbichlers leiblichem Sohn Simon Donatz) am Wirtshaustisch. In einer Schachtel sind Fotografien. Das Wirtshaus der Familie stand schon im Ersten Weltkrieg. Die ersten Rückblenden sind Schwarzweiß. Die Bilder werden farbig, als sie es wirklich wurden – den dreißiger Jahren. Ursprünglich, krude, stark sind sie immer. Bierbichler macht sich nichts vor über die bayerisch-deutsche Geschichte und die Menschen. Und über die Veränderungen – wenn es die Bindung an Land und Besitz heute nicht mehr gibt, die den jetzigen Pankraz einst von einer Wagner-Sänger-Karriere abgehalten haben, weil der Vater ihn (als der Bruder als Folge des Ersten Weltkriegs überschnappte) vor die Wahl stellte: Besitz oder Karriere.

Die Erinnerungen laufen weitestgehend chronologisch, lassen aber ein „Loch“ im Zweiten Weltkrieg – um dieses ganz am Ende zu füllen. Weil man sich offenbar um das Verbrechen des Mordes, den man eigenhändig begangen hat, so lange es geht drücken will – bis es eben nicht mehr geht.

Anderes, das unter den Tisch gekehrt wurde, kommt durch den Sohn heraus – die dunklen Seiten der bayerischen Frömmigkeit, die nicht nur alle Schulkinder vor dem einzigen Fernsehapparat versammelt, wenn Papst Johannes XXIII. inthronisiert wird (mit der irrational grotesken Himmelfahrt einer alten Magd). Dass der Pater im Internat den jungen Semi missbraucht hat (beklemmende Szenen mit Philipp Hochmair), wollte die Familie nicht wissen. Und welche Rolle hat die Mutter (Martina Gedeck) gespielt, die oft stärker war als der Vater?

Der Erste Weltkrieg, die Zwischenkriegszeit mit dem aufkommenden Nationalsozialismus und seinen Ritualen und seinem Antisemitismus, der Zweite Weltkrieg, die Nachkriegszeit – wo bei einem peinlichen Fest im Wirtshaus Catrin Striebeck einen schaurigen Auftritt als „Hitler“ hinlegt, bevor ein Sturm fast das Haus zerstört… Bierbichler packt alles hinein, auch wenn es kraftvoll pathetisch wird, er hat als Filmemacher ungeheure Kraft. Auch die Bösartigkeit des Alltags, die Sturheit der verbohrten Köpfe wird gezeigt (in Irm Hermann und Sarah Camp als den Schwestern von Pankratz, die seiner Frau möglichst das Leben schwer machen). Und doch – auch die Menschen, die sich die Welt, in der sie lebten, nicht aussuchen konnten, haben es schwer. Bierbichler gibt es hart, aber nicht billig.

Nur eines bleibt offen, oder vielleicht ist man nur zu dumm, das Gleichnis zu kapieren: Die beiden Herren im Anzug (Johan Simons und Peter Brombacher), die am Rande des Sees sitzen und am Ende, nach zweieinviertel ungemein packenden Kinostunden, ins Wasser gehen – was bedeuten sie? Der Pressetext, der auch von einer „wuchtigen Familiensaga“ spricht (das ist es nicht wirklich, denn die Geschichte hat keine Größe), interpretiert, dass den Menschen des Geschehens „zwei Herren im Anzug Gesellschaft (leisten), die Vater und Sohn zwar unbekannt sind, ihnen aber gleichwohl als Stichwortgeber dienen…“ Ach ja? Was hat man da übersehen und überhört?

Renate Wagner

 

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