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ZUGUAMBÉ: Musik aus dem Kloster Santa Cruz de Coimbra 1650 Capella Sanctae Crucis; Weltersteinspielungen – harmonia mundi Nova #3

10.11.2017 | cd

ZUGUAMBÉ: Musik aus dem Kloster Santa Cruz de Coimbra 1650 Capella Sanctae Crucis;  Weltersteinspielungen – harmonia mundi Nova #3

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In der höchst verdienstvollen Serie harmonia#nova, die jungen Musikern ein Forum für ein erstes Erscheinen auf dem internationalen Tonträgermarkt bietet, das unter herkömmlichen kommerziellen Kriterien sonst so wahrscheinlich nicht zustande gekommen wären, ist unter anderen eine exzellente CD mit portugiesischer geistlicher und säkularer Musik des 17. Jahrhunderts erschienen. Produzenten sind in erster Linie die jungen Talente selbst. Das Traditionslabel harmonia mundi hilft mit seinem Renommee, und den bekannt hohen Standards in Bezug auf Technik, Edition und Promotion. 

Für die Künstler des für ihre Musik nur so vibrierenden Ensembles Capella Sanctae Crucis und deren künstlerischen Leiter Tiago Simas Freire ist diese Konstellation ein Glücksfall, wie er selbst sagt. Das engagierte, musikwissenschaftlich tätige Ensemble wurde gegründet, um die Aufführungspraxis und polyphone Musik Portugals zu studieren. Daraus hat sich ein großes multidisziplinäres Projekt für Alte Musik entwickelt, das am Zentrum für klassische und humanistische Studien an der Universität Coimbra angesiedelt ist und als Partner das Konservatorium in Lyon und die Jean Monnet Universität nennen darf. Die Musiker der Capella Sanctae Crucis genossen ihre Ausbildung an so unterschiedlichen Orten wie Lyon, Den Hague, Amsterdam, Genf und Porto.

Das musikalisch in jeder Sicht ganz außergewöhnliche Album ist ausschließlich der Aufführung bisher unveröffentlichter Manuskripte aus den Archiven des Heiligen Kreuz Klosters von Santa Cruz in Coimbra gewidmet. Die auf der CD vorgestellt Auswahl ist in Form einer imaginären Messe präsentiert.  Sie enthält höchst unterschiedliche Stücke an Vokal- und Instrumentalmusik, wobei die Unterscheidung zwischen liturgischer und säkularer Funktion oft nur schwer herstellbar und afrikanische Einflüsse unüberhörbar sind. Auffällig ist die bunte, abwechslungsreiche Instrumentierung, flötendes Vogelgezwitscher, iberische Harfe, Barockgitarre und Dudelsack inklusive. Besonders bewegen die achtstimmigen teils a capella gesngenen Madrigale, die in ihrer Freiheit und klanglichen Exotik, ja klangmalerischen polyphonen Pracht, bisweilen durchaus weltlich anmuten.

Der Hörer kann am Ende verstehen, dass die Musiker ihrer mit Herzblut gesungenen und gespielten Aufnahme den Titel ,Zuguambé‘ verpasst haben. Er kommt aus der afrikanischen Westküste und bedeutet einen erstaunten Ausruf, eine Verwunderung angesichts der Schönheit und Offenheit des Repertoires. Auf wienerisch könnte dieses Wort wahrscheinlich mit „Na prack“ oder „Na pfau“ übersetzt werden. Musiziert wird auf jeden Fall herrlich und con animo. Wächst da mit Tiago Simas Freire auf der iberischen Halbinsel ein zweites Alter Musik Genie à la Jordi Savall heran? Diese erste CD wäre des bester Beweis!

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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