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ZÜRICH_ LIEDERABEND PIOTR BECZALA – eine Stimme wie Samt und Seide

22.12.2015 | Konzert/Liederabende

Zürich: Liederabend Piotr Beczala – – 21.12.2015

Eine Stimme wie Samt und Seide

 


Piotr Beczala. Copyright: DI. Dr. Andreas Haunold

Es mutet schon fast wehmütig an, als wir nach längerer Abwesenheit des Sängers die Stimme von Piotr Beczala wieder im Opernhaus Zürich hören durften. Der Tenor, der 1997 in Zürich seine Laufbahn wohl überlegt und nicht übereilig gestartet hatte, wurde vom Zürcher Publikum und den Herbeigereisten mit einem herzlichen und schon stürmischen Begrüssungsapplaus willkommen geheissen. Er gab einen Liederabend; seine Partnerin am Flügel war die hoch musikalische und pianistisch souveräne Sarah Tysman. Und dass Liedgesang auch sein „Ding“ ist, bewies Piotr Beczala mit Könnerschaft, Musikalität, sympathischer Ausstrahlung und vor allem mit einer vorzüglich geschulten Tenorstimme von betörendem, samtenem Timbre. Auch gewann der Sänger auf der ganzen Linie mit Legato-Gesang und der unsentimentalen und ehrlichen Interpretation von Liedern in Originalsprachen. Im ersten Teil des Liederabends hörten wir eine fast zu sehr zurückhaltend gestaltete „Dichterliebe“, in welche Gedankenwelt von Heinrich Heine aber, wie es schien, Beczala vermutlich noch nicht ganz eingedrungen war. So vermisste man so ziemlich jeden Anflug von Humor – oder besser gesagt – die bittere Ironie, die diesen Zyklus so einzigartig macht. „Ein Jüngling liebt‘ ein Mädchen…“ war völlig ernst gesungen, ebenso auch die anderen Lieder. Beczala sang diese Lieder quasi „Eins zu Eins“. Damit wurde der Sänger zwar stimmlich und musikalisch dieser Musik mehr als gerecht, aber gerade Lieder im deutschen Fach verlangen doch noch mehr Zuwendung zu den Worten, deren Ausdeutung und auch Farbgebung. Auch befremdet zeitweise die Betonung der Schlusssilben (bspw. Trä-nen, Ei-ne), auch werden dabei die deutschen Vokale (vor allem die e-s) zu offen gesungen. Dieser Schönheitsfehler dürfte aber leicht zu beheben sein. Sonst war aber kaum ein Akzent zu hören – eine grosse Leistung für den vielsprachig begabten Sänger. Sarah Tysman begleitete streckenweise etwas neutral die Schumann-Lieder, so hielt sie die Spannung im ergreifenden solo-pianistischen Nachspiel nicht ganz aufrecht.  

Nach der Pause sang Piotr Beczala Lieder seines Landsmannes Mieczyslaw Karlowicz (1876-1909), wobei die Stimme richtig aufblühte und ein wunderschöner Kern, umgeben vom Samt des Timbres, zum Tragen kam. Beim Lied „Am Fuss meines Bettes“ – natürlich auf Polnisch gesungen – endete der Tenor auf einem lang gehaltenen Kopfstimme-Ton, wie wir es wohl nur noch von Nicolai Gedda gehört haben. Die „Zigeunermelodien“ von Antonin Dvorak, tschechisch gesungen, sind ja schon längst Bestandteil des Repertoires bei Liederabenden, und eine Wiederbegegnung mit diesen im Volksgut verankerten Melodien ist immer wieder beglückend – zumal wenn sie so fabelhaft gesungen werden. Wir erinnerten uns dabei an Piotr Beczalas Interpretation des Prinzen in der „Rusalka“ (vor ein paar Jahren am Opernhaus Zürich mit der wunderbaren Krassimira Stoyanova). „Als die Mutter mich noch lehrte singen“ hat ja das, was die Engländer als „haunting tune“ bezeichnen würden – denn noch lange klingt diese wehmütige und doch versöhnliche Melodie nach. Die wohl typisch slawische Tongebung durch den Sänger passte hervorragend zum Duktus dieser Lieder. Das Programm beschloss Beczala mit vier Liedern von Sergej Rachmaninow, russisch gesungen, wo Beczala dann seinen tenoralen Höhenstrahl, der jedoch nie schneidend oder grell klingt, wahrlich „verschenken“ konnte. Das Publikum dankte es ihm – und er selbst dem Publikum mit vier Zugaben, darunter Strauss „Zueignung“ und das neapolitanische Volkslied „Catarí! Catari!“. Sehr schön dann zum Schluss aus Schuberts „Schöner Müllerin“ das Lied „Mein!“, das die Pianistin Sarah Tysman, die ihm eine aufmerksame und kollegiale Duo-Partnerin am Flügel war, ganz fabelhaft begleitete. Wann dürfen wir Piotr Beczala wieder im Opernhaus Zürich hören?

John H. Mueller    

 

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