ZÜRICH / ZÜRCHER OPERNHAUS: DIE ZAUBERFLÖTE von W.A.MOZART
„Der Vogelfänger bin ich ja“ … Papageno hat ganze Arbeit geleistet !
Vierte Aufführung vom Sonntag, 18. Oktober 2026

Foto: Herwig Prammer
Endlich ist die grauenhafte, total missglückte Produktion der Tatjana Gürbaca auf dem Müll gelandet und durch eine frische, farbige Produktion von Daniele Finzi Pasca mit schöner Lichtgestaltung ersetzt worden. Besonders gut gelöst ist die Feuer- und Wasserprüfung. Die Bühne von Hugo Gargiulo, felsig-nächtlich in Akt 1 für das Reich der Königin der Nacht, hell und klar in Akt 2 für den Weisheits Fürsten Sarastro und dessen Gefolge passt kongruent zum Stück. Für die phantasievollen Kostüme von Giovanna Buzzi sind keine Kosten gescheut worden: sie sind schlicht wunderbar.
Papageno hat ganze Arbeit geleistet, viele Vögel eingefangen: Die drei Knaben als putzige Spatzen, Jakob Distler, Christopher McInnis und Luca Spreider des Tölzer Knabenchors singen stimmschön, homogen, engelsgleich rein. Ferner die Akrobaten als Schwalben. Leider musste der viel gelobte Yannick Debus durch Ruben Drole (als grüner Kanarienvogel), ersetzt werden, es erfolgte keine Ansage. Mozart hat Papageno mit zwei Strophen-Arien, dem Duett mit Pamina, der Todesszene und den zwei Quintetten mit Tamino und den 3 Damen musikalisch am reichsten bedacht. Papageno Drole machte es mit der Erfahrung aus einer früheren Inszenierung soweit ordentlich-nett, stimmlich blieb er jedoch allerhand schuldig, seine Stimme klang passagenweise trocken, war ein Fremdkörper neben all den aufgebotenen, jungen Stimmen. Mariam Suleiman als Krähe mit hübschem Sopran verwandelt sich in seine liebliche Papagena als … Ich plaudere es nicht aus, Papageno hat ja zeitweilig ein Schloss vor dem Mund!
Ein kurzer Rückblick: Bekanntermassen vereint die Zauberflöte musikalisch verschiedene Stile. Seria (Königin der Nacht), Freimaurer-Pathos für Sarastro, Lyrik für das hohe Paar, Volksliedgut für das niedrige Paar und so fort: das lässt viel Raum für unterschiedliche Interpretationen. Im vergangenen Jahrhundert wurde Mozarts letztes Werk meist eher ernst, bedeutungsschwer aufgeladen/interpretiert, obwohl ursprünglich als Singspiel von Schickaneder konzipiert. Die vielen gesprochenen Passagen und Papageno als Hauptrolle sind klarer Beweis dafür. Mit Harnoncourt kamen Originalinstrumente zum Einsatz. Eine leichtere, prägnante Spielweise hielt Einzug.
Die neue Zauberflöte Zürichs hält musikalische Überraschungen bereit: Forsche Tempi im Orchester (Ouvertüre und Priester Chöre), einige selten gehörte Verzierungen für die Sänger.
Pamina, die Königin der Nacht, Tamino und Sarastro sind alle vier übereinstimmend mit schlanken Stimmen besetzt. Das mag den Zuhörer von Musikkonserven, auf denen fast stets „ausladende Stimmen“ zu hören sind, je nach persönlichem Geschmack irritieren oder sogar kritisch stimmen. In dieser verspielten, gefiederten Inszenierung, in der die etwas aus der Zeit gefallenen Textpassagen oft durch Aktionen der grossartigen Akrobaten augenzwinkernd ironisiert werden, scheint mir das sehr passend. Regula Mühlemann singt technisch perfekt, ich hätte mir ab und an einen etwas breiteren Ton gewünscht. Beim Wiedersehen mit Tamino im zweiten Akt ist sie berührend und gesanglich grossartig. Der Rollencharakter von jungem Mädchen zur liebenden Frau ist bestens getroffen. Jasmin Delfs verblüfft mit blitzblanken Koloraturen, die zweite Arie gelingt grandios; im länglichen, rezitativischen Melodram vor der ersten Arie, fehlt es an Ausdruck, dramatischer Gestaltung. Magnus Dietrich überzeugt mit sehr hellem, schönem Timbre. Die Charakterisierung des Orchestermusikers, der ungewollt in die Rolle des Prinzen Tamino hineinrutscht und sich mit einem anderen Instrument auseinandersetzen muss, gelingt ordentlich, bedeutet die einzig wirkliche inszenatorische Novität. Brent Michael Smith singt seinen ersten Sarastro 6 Monate vor dem geplanten Einsatz in der April-Serie der Neuinszenierung: auch er mit schlankem Ton und Text, ohne aufgesetztes Pathos wie ehedem.
Alle übrigen Partien sind „sozusagen normal“, ebenfalls mit jungen Stimmen besetzt. Hannah McKay, Karima El Demerdasch (beide vom Internationalen Opernstudio IOS des Hauses) und Dominika Stefanska bilden ein homogenes Damen-Trio. Monostatos Nathan Haller, ungewöhnlich gewandet, singt und spielt gut. Andrew Moore ist ein würdiger Sprecher mit kräftigem Bassbariton. Es ergänzen auf gutem Niveau Salvador Villanueva als Zweiter Priester, Rafael Rojas als Erster Geharnischter und Theodore McAlindon als Zweiter Geharnischter, alle drei ebenfalls aus dem diesjährigen Jahrgang des IOS.
Der Chor der Oper Zürich / Einstudierung Klaas-Jan de Groot ist wie gewohnt eine sichere Bank mit ausgewogenem Klang aller Stimmfächer.
Zum Shootingstar der Dirigenten-Szene, Tarmo Peltokoski, der erstmals an der Oper Zürich am Pult steht (er wird 2027 die Neuinszenierung Lohengrin mit gerade mal 27 Jahren in Bayreuth leiten): Er dirigiert ein schnelles, akzentuiertes Tempo in der Ouvertüre, das Orchester der Oper Zürich folgt ihm aufmerksam, spielfreudig und mit Akkutaresse. Diese Ouvertüre hat Sogwirkung, man vermeint, sie so elektrisierend noch nie gehört zu haben.
Peltokoski und das Orchester scheinen sich prächtig zu verstehen. Erwähnenswert die
Diese Produktion ist einerseits familientauglich für kleine und „grosse KInder“ wie mich, andererseits repertoire-tauglich, da der Regisseur dem Werk kein kopflastiges Konstrukt übergestülpt hat, andere Besetzungen sich in dieser Inszenierung problemlos zurecht finden werden.
Fazit: Der ganz grosse Wurf ist diese Neuinszenierung wohl beim Publikum (noch) nicht geworden. Das hat jedoch bei der älteren Generation mit den Hörgewohnheiten aus dem vorigen Jahrhundert zu tun, denn diese Zauberflöte kommt als Singspiel und nicht wie vor Harnoncourt als grosse Kiste daher. Aber bitte, sie ist um Welten besser als die von allen Kritiken gescholtene Vorgänger-Version. Und dafür muss man heutzutage ja schon mehr als dankbar sein!
Alex Eisinger

