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ZÜRICH: TURANDOT – die Powerfrau.

23.12.2015 | Oper

Zürich: Turandot Wiederaufnahme, besuchte Aufführung 22.12.2015

Turandot, die Powerfrau

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Nina Stemme. Copyright: Judith Schlosser

Die aus dem Jahre 2006 stammende Inszenierung von Giancarlo del Monaco hat sich über die seither verstrichenen neun Jahre erstaunlich gut gehalten. Die Zeitreise von Caláf im Sinne von „Indiana Jones“ ist eindrücklich (Bühnenbild und Kostüme: Peter Sykora) und verleiht dem an sich pompösen Werk einen Anstrich von ironischer Distanzierung. Um es gleich vorwegzunehmen: Der verstärkte Chor (Einstudierung: Jürg Hämmerli) hat seine Sache wirklich vorzüglich gemacht. Sowohl die Forte-Stellen als auch die Piano-Passagen (sehr schön der Mond-Chor) waren vorzüglich gesungen! Die Philharmonia stand unter Leitung des erfahrenen Operndirigenten Alexander Joel und betonte zeitweise manchmal gar sehr die Lautstärke, was aber durchaus zu dieser gross angelegten Chor-Oper passt und entsprechend Eindruck machte. Umso berückender waren von magischem Reiz die  „Nachtseiten“, wie der Anfang des 3. Aktes – da hat Debussy schon mal vorbeigeschaut (!). – Die Besetzung war durchweg neu aufgegleist.

Als Prinzessin stellte Nina Stemme, die ganz im hochdramatischen Fach etabliert ist, eine richtige Powerfrau dar. Weniger war sie die von Eis umgürtete, als vielmehr eine willensstarke Frau, die in sich selbst gefangen ist. Nina Stemme singt diese vertrackt schwere Partie mit Kraft und Ausdauer, setzt die hohen Töne wie einst Birgit Nilsson an, aber es bleibt doch noch immer ein Rest von Kraftaufwand und Willen, was aber Nina Stemme sehr gut in ihre Interpretation integrieren konnte. Sehr schön war ihr Stimmklang nach dem Kuss, wo wieder das weiche, dunkle Timbre der Sängerin zum Vorschein kam. Fabelhaft war ihr Schlusston auf „Amor!“ Eine sehr gute Leistung dieser Sängerin, die mit Recht an der Spitze der heutigen Hochdramatischen steht.

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Nina Stemme, Riccardo Massi. Copyright: Nina Schlosser

Ihr Calaf war der für Zürich neue Tenor Riccardo Massi, der eine sichere Technik sein eigen nennt, alle hohen Töne gut drauf hat, aber wenig Schmelz in der Stimme und Ausstrahlung besitzt. Er wirkt wie zufällig in die Situation hineingestellt und löst die Rätsel mittels eines Labtop. Heutzutage wäre das sicher ein I-phone oder Tablet… Alexandra Turniceru war mit lyrischem Sopran und – in der Figur fast zu elegant – die liebende Sklavin Liù. Nach einer eher blassen Gestaltung der ersten Arie „Signore, ascolta!“ steigerte sie sich grandios zu ihrer Todesarie „Tu che di gel sei cinta“. Als Timur bewunderten wir einmal mehr den Prachtsbass von Wenwei Zhang – übrigens dem einzigen echten Chinesen auf der Bühne… Sehr gut besetzt war das Minister-Trio mit den beiden Tenören Ivan Thirion und Dmitry Ivanchey und dem mit geschmeidigem Bariton hervorstechenden Pavel Petrov (der auch den „Turandot“-Ruf des Prinzen von Persien sang). Die „Alt-Gedienten“ Oliver Widmer und Martin Zysset verkörperten und sangen höchst respektabel den Mandarin respektive den Kaiser.

Das Haus war brechend voll und das Publikum erfreute sich an einer gelungenen Inszenierung, einer ausgewogenen Wiedergabe und vor allem an der genialen Musik Puccinis. Aber immer wird das Alfano-Finale, das in Zürich wiederum in einer anderen Version gespielt wird, nie ganz befriedigen. Aber das ist nun mal halt „aso“…

John H. Mueller

 

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