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ZÜRICH / Tonhalle: EIN DEUTSCHES REQUIEM von Johannes Brahms. Memento der Menschlichkeit

16.01.2016 | Konzert/Liederabende

Zürich: Brahms „Ein deutsches Requiem“ – Tonhalle, 15.1.2016

Memento der Menschlichkeit  

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Bernard Haitink. Copyright: Todd Rosenberg

Der im nahen Luzern wohnhafte Maestro Bernard Haitink beehrt uns in Zürich immer wieder mit grossartigen Konzert-Erlebnissen. So letzthin mit einem reinen Beethoven-Abend (Solist: Igor Levit!). Nun musizierte der niederländische Dirigent mit dem blendend disponierten Tonhalle-Orchester (Konzertmeisterin: Julia Becker) und der renommierten Sing-Akademie (Einstudierung: Tim Brown) das einzigartige Requiem von Johannes Brahms. „Ein deutsches Requiem“ nannte Brahms sein geistliches Werk. Die Texte hatte er aus seiner ihm seit seiner Kindheit vertrauten Luther-Bibel entnommen und  wohl in der Vertrautheit mit dem Tode seiner verstorbenen geliebten Mutter vertont. Brahms komponierte die Texte nicht nur, er hob sie in eine ganz ungewohnte, fast privat-intime Atmosphäre des bekennenden Protestanten. Kein übermässiges Sentiment floss da ein – da war der Hamburger viel zu verschlossen und wohl kaum eitel. Sondern innigste Bekenntnisse und Einsichten in die grossen Geheimnisse führten seine Feder, aus der ein Werk von knapp 70 Minuten entfloss, das man wahrlich als „inspiriert“ bezeichnen muss. Schon vom ersten Einsatz der tiefen Streicher und dem Chor „Selig sind…“ tönt zwar eine ernste Grundstimmung, aber auch eine Verheissung, eine Erlösung an.

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Camilla Tilling. Copyright in photo properties

Bernard Haitink liess die sieben Sätze weniger als Einzelteile in sich abgeschlossen als vielmehr als musikalische Einheit musizieren. Die gemässigten Tempi, weder besonders schnell noch langsam, basieren sie auf einem durchgehenden Puls, der dieser Interpretation diese direkte Wirkung verschaffte, ohne je mit extrovertierter Emphase durchtränkt zu werden. So betteten sich auch die Solisten in dieses ganz natürlich wirkende Gesamtkonzept ein. Christian Gerhaher brachte weniger die fast prophetischen Aufrufe, zu denen er absolut fähig war, als vielmehr die fragende menschliche Existenz zum Ausdruck. Es war ein Bitten, kein Flehen. Gerhaher sang mit einer ungewöhnlich klaren Diktion, die aber nie die Gesangslinie unterbrach, sondern mit ihr Eins wurde. Schon das „Herr, lehre doch mich!“ machte ungemein betroffen: Da war ein Mensch, der sich in seiner beschränkten Existenz sieht und Fragen stellt, die ihm wohl nur der Glaube beantworten kann. Eine Verheissung ist da das Sopran-Solo, das wie ein Sonnenstrahl aus einer andern Welt in die dunkle Grundierung des Brahms’schen Werkes fällt. Camilla Tilling fand dazu die beseelten Töne ihres klar fokussierten Silber-Soprans. Sehr schön, wie sie die langen Phrasen binden konnte und ohne jeden Drücker dieses wunderbare Stück Musik (wenn man dem so sagen darf) sang. Und den ganzen Apparat hielt Bernard Haitink mit einem künstlerischen Willen und einer Ehrlichkeit in seinem Bann, die heutzutage selten geworden sind. Wir danken es ihm zutiefst!

John H. Mueller

Weitere Aufführungen: 16.1., 19.30 und 17.1., 17 Uhr, jeweils Tonhalle Zürich

 

 

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