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ZÜRICH/ OpernhausM MATTHÄUS-PASSION von Johann Sebastian Bach. Im Rahmen von Zürich Barock

27.03.2026 | Konzert/Liederabende

Johann Sebastian Bach: Matthäus-Passion • Opernhaus Zürich • Konzert: 26.03.2026

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Im Rahmen von Zürich Barock

Inszenierung: Johann Sebastian Bach

Die Aufführung der Matthäus-Passion durch das Ensemble Pygmalion unter musikalischer Leitung von Raphaël Pichon ist die Sternstunde der ersten Ausgabe des Festivals «Zürich Barock».

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Foto © Gaetan Bally

Bachs Matthäus-Passion überschreitet mit ihrer Anlage, dem doppelten Chor und dem doppelten Orchester, den liturgischen Kontext der oratorischen Passion als musikalischem Hauptereignis des Kirchenjahres bei Weitem und stellt alles in den Schatten, was die Bürger Leipzigs sich bis dahin als gottesdienstliche Musik vorstellen konnten. Man bedenke, dass der Gottesdienstbesucher zwischen Teil 1 und 2 nicht wie das Konzertpublikum eine Pause hatte, sondern noch einer vermutlich gut einstündigen Predigt folgen musste. «In Beybehaltung guter Ordnung in den Kirchen, die Music dergestalt einzurichten, dass sie nicht zu lang währen, auch also beschaffen seyn möge, damit sie nicht opernhaftig herauskomme, sondern die Zuhörer vielmehr zur Andacht aufmuntere» laut ein Passus des Vertrags, den Bach 1723 bei seiner Anstellung durch den Leipziger Rat unterschrieb. Das Ziel, die Zuhörer zur Andacht aufzumuntern, hat Bach übererfüllt: das aber mit einer sehr «opernhaftig[en]» Einrichtung, da er nicht nur Formen der Oper (Arie, Rezitativ, Choral) nutzt, sondern ebenfalls, wie auf einer Opernbühne, den Raum sinnstiftend in die Anlage miteinbezieht. Die Matthäus-Passion wurde in der feierlichen Karfreitagsvesper des Jahres 1727 in der Leipziger Thomas-Kirche erstmals aufgeführt und diese Kirche hat zwei einander gegenüberliegende Emporen, auf den jeweils ein Chor und ein Orchester aufgestellt waren, die so miteinander in Dialog treten konnten. So wurden die Zuhörer zur Andacht ermuntert, in dem sie aus einem zur Formel erstarrten Karfreitagsritus herausgerissen wurden. Schon 1721 fragte Bachs Zeitgenosse Gottfried Ephraim Scheibel in seiner Abhandlung «Zufällige Gedancken von der Kirchenmusic, wie sie heutiges Tages beschaffen ist»: «Ich weiss nicht, woher die Opern allein das Privilegium haben, dass sie uns die Tränen auspressen sollen. Warum geht das nicht in den Kirchen an?». Inhaltlich entspricht die Matthäus-Passion der «guten Ordnung in den Kirchen»: formal und stilistisch geht sie weit mit den aus der Oper bekannten Mitteln über diese hinaus.

Raphaël Pichon inszeniert die Matthäus-Passion ganz im Sinne ihres Schöpfers Johann Sebastian Bach und erreicht mit dem Ensemble Pygmalion eine Wirkung, die so atemberaubend ist, wie sie bei der Uraufführung 1727 empfunden worden sein dürfte. Es gibt zwei Chöre und zwei komplette Orchester, die wie vorgesehen miteinander in Dialog treten. Die verschiedenen Formen der Oper, Arie, Rezitativ und Chor, aber auch der der Selbst-Identifikation der Gemeinde dienende Choral werden stilistisch perfekt ausgeführt. Darüber hinaus treten die von Chorsolisten interpretierten Rollen jeweils «auf der richtigen Seite» auf, ohne dass die dadurch entstehende Bewegung Unruhe verursachen würde. Einziges «szenisches Element» sind zwei schmale Holzpflöcke, die den Solisten als Sitzgelegenheit dienen. Ein Bühnenbild oder Kostüme fehlen nicht im Geringsten.

Das Orchester des Ensemble Pygmalion unter musikalische Leitung von Raphaël Pichon musiziert höchst inspiriert mit strahlendem, wunderbar vollem, resonanzreichem und immer gut durchhörbarem Klang. Besonderes Lob verdienen die Continuo-Gruppen wie die solistisch hervortretenden Instrumentalisten. Nicht minder eindrücklich der Chor des Ensemble Pygmalion (unterstützt durch den Kinderchor der Oper Zürich und die SoprAlti der Oper Zürich), der mit grosser, differenzierter Klangwucht, aber auch wunderbaren Piani auftrumpfen kann.

Stéphane Degout gibt den Jesus mit gut geführtem, wohlklingendem Bass und guter Präsenz. Julian Prégardien als Evangelist: Das ist einer der Auftritte, die dem Opern-Liebhaber ein Leben lang in Erinnerung bleiben. Prégardien hat die Rolle dermassen verinnerlicht, dass er hier zu den ganz, ganz Grossen gehört, die frei gestalten können und voll in ihrer Rolle aufgehen. Dieser Evangelist ist nicht «nur» ein trocken berichtender Erzähler, sondern tief bewegend. Die Stimme vereinigt in idealer Weise Helle, Höhensicherheit und Kraft in sich. Textverständlichkeit und Textausdeutung sind so mustergültig wie sie nur sein können. Christian Immler gibt den Pilatus mit kernigem, manchmal fast baritonal klingendem Bass. Die übrigen Rollen sind alle aus dem Chor des Ensemble Pygmalion besetzt. Die Soprane Julie Roset, Armelle Cardot und Maïlys de Villoutreys, die Alte Lucile Richardot und Paul-Antoine Bénos-Djian, der Tenor Zachary Wilder und die Bässe Paul-Emile Burgevin, Geoffroy Buffière und Ilia Mazurov bewegen sich mit klanglicher und stilistischer Perfektion absolut auf Augenhöhe mit den erstgenannten Solisten.

Eine absolute Sternstunde!

31.03.2026, Jan Krobot/Zürich

 

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