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ZÜRICH/ Opernhaus: WERTHER von Jules Massenet

15.06.2026 | Oper international

Jules Massenet: Werther • Opernhaus Zürich • Wiederaufnahme: 14.06.2026

(Premiere am 02.04.2017)

Opas Schrankwand und Omas Stoffe

Die Wiederaufnahme von Massenets «Werther» bringt ein Haus- und vier Rollendebüts. Nicht alle gelingen gleichermassen überzeugend. Für die Ausstattung stehen Opas Schrankwand und Omas Stoffe Pate.

werth
Foto © T+T Fotografie / Toni Suter + Tanja Dorendorf

Tatjana Gürbacas Inszenierung ist im Vergleich mit ihren anderen Zürcher Arbeiten erfreulich untypisch: Die Verortung ist mit gutem Willen ohne weiteres erkennbar und es gibt keine gegen die Musik choreographierte Bewegungsorgien, die Vorgaben des Werks sind nicht sinnlos verändert. Kurz: Kein übermässig dominantes Konzept drängt Geschichte und Musik in den Hintergrund. Opas Schrankwand steht (mit gut zwei Metern Raumtiefe ausgesprochen sängerfreundlich) für die biedermeierliche Enge Wetzlars und für die Kostüme (zumindest der Damen) standen Omas Stoffe Pate (Bühnenbild und Lichtgestaltung: Klaus Grünberg; Kostüme: Silke Willrett). Diese «Beschaulichkeit» (oder «Spiessigkeit») dürften für die meisten einfacher (und wahrscheinlich auch emotionaler) nachvollziehbar sein als eine zeittypische Ausstattung. Die «reduzierte» Ausstattung ermöglicht eine Fokussierung auf die Emotionen. Die Kollektive wie die Solisten müssen diese aber auch nutzen.

Marco Armiliato (Musikalische Leitung), der für einmal nicht wie gewohnt im Frack antritt, animiert das in grosser Besetzung angetretene Orchester der Oper Zürich zu animiertem, differenziertem Spiel. Was fehlt, und das ist man bei Armiliato als versiertem Sänger-Begleiter eigentlich nicht gewohnt, ist das Austarieren der Lautstärke, auf die es bei diesem Stück und einer so grossen Orchester-Besetzung besonders ankommen würde. Es wird beseelt und klangschön, über dem Forte allerdings klanggewaltig, musiziert; aber Rücksicht auf die Sänger? Fehlanzeige. Zum Glück können die Solisten mit dem, was da aus dem Graben kommt, weitestgehend mithalten. Aber auch bei den Pianostellen fehlt die «douceur», die doch einen mindestens einen Teil der Gattung Drame lyrique ausmacht. Das «drame» ist übermächtig, das «lyrique» wird vernachlässigt. Alice Lapasin Zorzit hat den Kinderchor der Oper Zürich, die SoprAlti der Oper Zürich und den Zusatzchor der Oper Zürich tadellos auf ihre anspruchsvollen Aufgaben vorbereitet.

«Startenor» Jonathan Tetelman debütiert als Werther am Opernhaus Zürich. Dabei wird er seinem Ruf als vielversprechender Spinto-Tenor voll und ganz gerecht. Nur: Sind die Qualitäten dieses Stimm-Typs in dem Mass, wie Tetelman sie zweifelsohne hat, die, die hier angebracht sind? Eine packende Bühnenpräsenz, ein viriles Timbre, ein blendendes Aussehen und eine strahlende, sichere Höhe sind kaum je fehl am Platz. Temperament und Draufgängertum wollen in diesem Rahmen aber wohldosiert sein und da patzt Tetelman. «Tenorales Prachtgehabe» (mit dem Hauptgewicht auf Lautstärke) dominiert seine Rollen-Interpretation und lässt hier nötige Schlankheit der Stimmführung vermissen. Anna Goryachova gibt die Charlotte mit warmem, tadellos geführtem Mezzosopran. Die Darstellung der «jugendlichen Hausmutter» gelingt ihr absolut glaubwürdig. In Sachen Emotionen hat sie an diesem Abend eindeutig die Nase vorn. Chelsea Zurflüh, von 2021 bis 2023 Mitglied des Internationalen Opernstudios, kehrt ans Opernhaus Zürich zurück und debütiert als Sophie. Nach der Pamina am Royal Opera Covent Garden London und der Marie («La fille du régiment») an der Bayerischen Staatsoper München ist dies das dritte grosse Rollendebüt der jungen Schweizerischen Sopranistin in dieser Saison. Die Stimme ist gut geführt und in den unteren und mittleren Lagen reich an Farben und Volumen. In den Höhen verliert die Stimme an Volumen, wird dünner und ist nicht mehr so leicht geführt, dass doch die Frage aufkommt, wie sie in der kommenden Saison in Basel Lucia («Lucia di Lammermoor») und Marie bewältigen wird. Aksel Daveyan, von 2022 bis 2024 Mitglied des Internationalen Opernstudios am Opernhaus Zürich und seither im Ensemble des Oldenburgischen Staatstheaters, kehrt als Albert (Rollendebüt) ans Opernhaus Zürich zurück, wo er in der kommenden Saison als Sonora in «La fanciulla del west» auftreten wird. Mit kräftigem, wachem, in manchen Momenten fast tenoral geführtem Bariton kann er Werther problemlos Paroli bieten. Valeriy Murga debütiert als Le Bailli mit perfekt fokussiertem, sauber geführtem, agilem Bass und wunderbarer Bühnenpräsenz. Martin Zysset als Schmidt und Evan Gray als Johann überzeugen in den Rollen der «Hausfreunde» mit grosser Spielfreude und gut geführten, farbenreichen Stimmen rundum. Guram Margvelashvili als Brühlmann und Thalia Cook-Hansen als Käthchen ergänzen mit ihren Auftritten das Ensemble.

Eine Wiederaufnahme mit noch nicht genutztem Potential.

Weitere Aufführungen: Fr. 19. Juni 2026, 19.00, Mi. 01. Juli 2026, 20.00, Sa. 04. Juli 2026, 19.30, Fr. 10. Juli 2026, 19.30.

16.06.2026, Jan Krobot/Zürich

 

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