Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

ZÜRICH/ Opernhaus: WERTHER von Jules Massenet 4. Vorstellung der Wiederaufnahme

05.07.2026 | Oper international

Jules Massenet: Werther • Opernhaus Zürich • Vorstellung: 04.07.2026

(4. Vorstellung • Wiederaufnahme am 14.06.2026 • Premiere am 02.04.2017)

«Hoffentlich irgendwann mal viel Vergnügen!»

Die Formulierung «Alles, was jetzt zählt, entsteht hier, live und unmittelbar», ist Teil der Begrüssungsansage am Opernhaus Zürich. Dass dies nicht nur eine beliebige Floskel ist, zeigt sich bei der vergangenen Vorstellung von «Werther» am Opernhaus Zürich, als wenige Takte nach dem Prélude die Musik abbricht.

cossi
Foto © Toni Suter

Das rote Licht am Dirigentenpult geht an und da der Vorhang unten bleibt, ahnt man schon, was nun kommt. Die Ansage des Abenddienst bestätigt die Vermutung, dass der Vorhang nicht will, bittet das Publikum im Saal zu bleiben, denn es gehe sicher bald weiter, und schliesst mit dem leicht fatalistischen, aber höchst sympathische vorgebrachten Wunsch «Hoffentlich irgendwann mal viel Vergnügen!». Dieses Vergnügen beginnt dann nach gut 35 Minuten.

Das erwähnte Vergnügen ist auch deutlich grösser als in der Wiederaufnahme, denn, wie zu erwarten, hat sich das Geschehen im Graben und auf der Bühne «eingependelt». Marco Armiliato dirigiert das Orchester der Oper Zürich, das beseelt und wunderbar klangschön musiziert, mit dem für ihn typischen Elan und, da dieses in grosser Besetzung antritt, klingt das Orchester immer noch mächtig. Aber nicht mehr ganz so mächtig, das Fehlen der «douceur», die doch einen mindestens einen Teil der Gattung Drame lyrique ausmacht, ist nicht mehr ganz so schmerzhaft. Alice Lapasin Zorzit hat den Kinderchor der Oper Zürich, die SoprAlti der Oper Zürich und den Zusatzchor der Oper Zürich tadellos vorbereitet. Auch in dieser Produktion trägt der Statistenverein am Opernhaus Zürich seinen Teil zum Gelingen bei.

Den Werther von Jonathan Tetelman charakterisieren noch immer ein packende Bühnenpräsenz, ein viriles Timbre und eine strahlende, sichere Höhe. Diese positiven Eigenschaften stehen aber im Schatten eines tenoralen «Prachtgehabes», eines «Ich bin Tenor und das muss jeder merken und hören». Gerade im französischen Fach dürfte die Stimme um einiges schlanker geführt erwartet werden. Anna Goryachova überzeugt als Charlotte mit einem sensibel geführtem, frei strömendem, warmem Mezzosopran und bewegender Bühnenpräsenz. Sie hat die Technik und das Stilbewusstsein fürs französische Fach. Chelsea Zurflühs Sophie hat sich gegenüber der Wiederaufnahme deutlich verbessert. In den Höhen verliert die Stimme aber weiterhin an Volumen, wird dünner, ist nicht mehr so leicht geführt und will auch nicht so frei strömen wie in den unteren Lagen. Aksel Daveyan gibt mit kräftigem, agilem, in manchen Momenten fast tenoral geführtem Bariton. Valeriy Murga gibt den Amtmann mit tadellos fokussiertem, sauber geführtem, agilem Bass und guter Bühnenpräsenz. Martin Zysset als Schmidt und Evan Gray als Johann überzeugen in den Rollen der «Hausfreunde» mit grosser Spielfreude und gut geführten, farbenreichen Stimmen rundum. Guram Margvelashvili als Brühlmann und Thalia Cook-Hansen als Käthchen ergänzen mit ihren Auftritten das Ensemble.

Unter dem Gesichtspunkt, dass sie das Werk nicht beeinträchtigt, hebt sich die Inszenierung Tatjana Gürbacas schon über den Durchschnitt unserer Tage. Wobei das aber noch lange kein Qualitätsmerkmal ist. Wozu auch eine stilistisch passende Ausstattung, wenn es doch Gelsenkirchner Barock auch tut (Bühnenbild und Lichtgestaltung: Klaus Grünberg)? Wozu zeitgenössische Kostüme, wenn man die Altkleider-Sammlung hat (Kostüme: Silke Willrett)? Der trichterartige Wandschrank mag zwar (in Sachen Lautstärke) «sängerfreundlich» sein, verunmöglicht mit seiner minimalen Tiefe aber alles, was eine Personenführung ermöglichen könnte.

In Abwandlung der eingangs erwähnten Ansage denk man sich: «Hoffentlich irgendwann mal wieder Vergnügen!»

Weitere Aufführung: Fr. 10. Juli 2026, 19.30.

06.07.2026, Jan Krobot/Zürich

 

Diese Seite drucken