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ZÜRICH/ Opernhaus: VIVA LA MAMMA. «Stille ist aller Laster Anfang»

17.04.2023 | Oper international

Gaëtano Donizetti: Viva la mamma • Opernhaus Zürich • Vorstellung: 16.04.2023 nachmittags

(2. Vorstellung • Wiederaufnahme/Zürcher Premiere am 14.04.2023 • Premiere am Theater am Stadtgarten in Winterthur am 08.05.2021)

«Stille ist aller Laster Anfang»

Nach der Premiere in Winterthur kommt die Produktion zum 60. Geburtstag des Internationalen Opernstudios nun auf die Bühne des Zürcher Opernhauses. Auf dem Besetzungszettel sind weiterhin Mitglieder des IOS, aber auch gestandene Sänger vertreten.

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Foto © Herwig Prammer

«Stille ist aller Laster Anfang» gibt sich Gaëtano (Donizetti) Rechenschaft, als La Musica ihn ermahnt, doch endlich sein Werk zu vollenden. Das passt zu ihm, der immer tätigen Musikpumpe, dem Graphomanen, der wie Schubert oder Reger nicht eine Stunde ohne Musik verbringen konnte. Komponieren ist für ihn eine innere Notwendigkeit. Obwohl er fiebert, ist Gaëtano entschlossen das lange liegengebliebene Werk, die vor gut 14 Jahren am 20. April 1831 am Teatro Canobbiana in Mailand uraufgeführte Farsa in due atti «Le convenienze ed inconvenienze teatrali» («Bräuche und Missbräuche am Theater») zu vollenden. Die drei Gestalten, die durch La Musicas Inspiration zum Leben erwacht sind, ihn aber schon länger im Traum verfolgten, haben einen Teufel heraufbeschworen. Diesem zwingt er die Rolle der Mamm’Agata auf, die drei Figuren macht er zum Poeten, Dichter und Maestro. Die Probe des Römerstücks «Romulus und Ersilia» und damit die amüsante Lehrstunde in Sachen Operngeschichte kann beginnen. Das Publikum lernt nun die «Bräuche und Missbräuche», die liebenswürdig dargestellten Macken der einzelnen Beteiligten, der stolzen Primadonna und ihres nervtötenden Ehemann, der Seconda Donna und des Tenors, des Komponisten und des Librettisten kennen. Der Impresario sollte die ganze Truppe in Zaum halten. Jeder Sänger ist bestrebt in bestem Lichte dazu stehen, will die schönsten und wichtigsten Nummern und wird von seiner Entourage hemmungslos unterstützt. Viele der Wünsche und Forderungen prasseln auf den Komponisten ein, der seinen Frust dann beim Librettisten ablädt. Letztlich scheitert die Probe und Gaëtano ist am Ende: vom Teufel erhält er keine Verlängerung mehr.

Mit ihrer ersten Opernregie hat Mélanie Huber noch Mühe, sich, was die Oper angeht, vom modernen Sprechtheater und der freien Stückentwicklung, bei der sich die formalen Fragen erst im Lauf des Probenprozesses klären, zu lösen. Die Notwendigkeit bei einem gerade in seinen Dialogen so zeitgebundenen Stück eine eigene Fassung (Neueinrichtung des Librettos und Textfassung von Stephan Teuwissen) zu erstellen, sei unbestritten. Zwischen einer «Anpassung der Dialoge» und einer «Neueinrichtung des Librettos und der Textfassung» besteht aber doch ein Unterschied: Wenn sich Huber die Freiheit nimmt, das Stück gleich noch um eine Figur (Fritz Fenne als Gaëtano Donizetti), eine Ouvertüre (Sebastian Androne-Nakanishi) und das Privileg einer Kofferarie von der Primadonna auf verschiedene Solisten zu erweitern (lobend zu erwähnen ist, dass die eingefügten Arien im Programmheft vermerkt sind), nimmt sie eine Freiheit in Anspruch, die das Musiktheater nur den Anhängern des Regietheaters bietet. Und wenn sich Huber eine Ouvertüre wünscht und diese nicht an den Anfang stellt, hat das ebenfalls regietheatrale Züge. Von den klaren Strukturen, von denen sie im Programmheft äussert, sie gefielen ihr, bleibt nicht viel übrig. Zugegeben sei aber auch, dass Huber, was die Gunst des Publikums angeht, Erfolg hat. Dazu tragen auch das schlichte, geschmackvolle Bühnenbild von Nora Johanna Gromer, die wunderbar schrägen Kostüme von Lena Hiebel und die Lichtgestaltung von Hans-Rudolf Kunz bei.

Anna Aglatova gibt Daria, die Primadonna, nach kurzer Akklimatisierung mit sauber geführtem, wohlklingenden Sopran. Pietro Spagnoli ist Procolo, ihr Ehemann. Rollendebütant Ambrogio Maestri ist als Luigias Mutter Mamma Agata schlicht ein Ereignis. Hier kann er sein komödiantisches Talent voll ausspielen und dank seinem Stimme, die ohne Probleme den hintersten Winkel des Hauses erreicht, ist er dabei nicht aufs Singen beschränkt. Bravissimo! Deniz Uzun gibt mit prächtigem Mezzo die Luigia und Andrew Owens ist als Guglielmo ideal besetzt. La musica ist bei Adriana Bignagni Lesca in besten Hände (Stimme). Aksel Daveyan als Il maestro, Stanislav Vorobyov als Il poeta und Amin Ahangaran als Il direttore ergänzen das Ensemble.

Es spielt mit etwas gar dominantem Blech das Musikkollegium Winterthur, die musikalische Leitung des Abends hat Adrian Kelly.

Gute Unterhaltung!

Weitere Aufführungen: Fr. 21. April 2023, 20.00; So. 23. April 2023, 19.00.

16.04.2023, Jan Krobot/Zürich

 

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