26.9.2026 OPERNHAUS ZÜRICH: TANNHÄUSER
Selbstfindende Statuenzerstörung

Im Juni dieses Jahres fand die Premiere der bereits jetzt wiederaufgenommenen Produktion des isländischen Regisseurs Thorleifur Örn Arnarsson (Bühnenbild: Erna Mist; Kostüme: Teresa Vergho) statt, die versucht, das Geschehen um den Sängerwettstreit als innere Reise des Hauptdarstellers zu deuten, als Pilgerfahrt in das eigene Ich quasi – ein grundsätzlich durchaus spannender Ansatz, der allerdings nur teilweise aufgeht. Zu vieles bleibt verworren oder als Stückwerk im Raum stehen. Tannhäuser ist in vielen Szenen mit seinen eigenen Avataren (Chor und/oder Statisterie) konfrontiert, Elisabeth ist zunächst statuengleich eine bloße Fiktion, ehe sie sich selbst zum Leben erweckt und im dritten Akt wiederum das Versteinerungsschicksal wählt. Einen coolen – an Tobias Kratzer gemahnenden – Moment hat die Sängercrew rund m Wolfram, wenn sie am Ende des ersten Akts mit einem Fahrzeug offenbar getrieben von übermäßigem Alkoholkonsum (in) das Geschehen crasht. Im ersten Akt der Venusberg kühl, die Göttin dominant, im zweiten Akt herrscht bunte Partylaune mit Luftballons, im dritten Aufzug der regietheaterobligatorische Schneefall (wahrscheinlich um die Kälte der Seelen zu verdeutlichen), dann allerdings schöne Bilder mit Glassplittern, wechselnder Beleuchtung und sich langsam ins Bühnenrund formierenden Comprimarii – am Ende zerschlägt Tannhäuser die Elisabeth-Statue, der Vorhang fällt, und es ist zappenduster.
Von der musikalischen Seite gibt’s durchwegs Erfreuliches zu berichten: Der frischgebackene Chef des RSO Markus Poschner zeigt einen schmissigen, temporeichen Wagner, das Orchester der Oper Zürich geht gut mit, der Klang ist insgesamt dumpfer als in anderen Häusern, einzig die Holzbläser schwächeln beizeiten, insbesondere am Beginn des dritten Aktes. Elegisch aber durchwegs die tristen Momente von Elisabeth und Wolfram.
Zwischen reißerisch und verhalten – je nach Notwendigkeit – der Chor und die SoprAlti der Oper Zürich, immer ein warmer runder Klang, eindrücklich der hörbar blendend einstudierte Pilgerchor.
Der US-Amerikaner Eric Cutler ist zweifelsohne einer von wenigen Künstlern, die heutzutage den zwischen hehrer Liebe und drängender Leidenschaft irrenden Sänger geben können, ohne dass es zu hörbaren Abnützungserscheinungen während des immens langen Einsatzes kommt: Die Stimme ist stark und höhensicher, hin und wieder schleicht sich das eine oder andere Vibrato hinein, bei der Romerzählung bemüht er sich um Gestaltung, Schmelz oder Wärme kommen dabei nicht auf.
Seine Elisabeth ist die Schwedin Christina Nilsson, ebenso wie er gerade in der Salzburger Ariadne beschäftigt: Eine schöne runde, silbrige Stimme, gleichermaßen zu Piani und Attacken fähig, ohne Schärfen, schafft sie es trotz des etwas schwierigen Regiekonzepts, eine menschliche Figur auf die Bühne zu bringen, die im zweiten Akt nach einer jubelnden Hallenarie ihrem untreuen Liebsten recht forsch die Leviten liest, um im dritten Akt sehr in sich gekehrt wieder zu erstarren. Weitere wichtige Engagements mögen bald folgen. Von dieser Künstlerin will man definitiv mehr hören.
Der weibliche Gegenpol ist mit der US-Amerikanerin Rachael Wilson als Venus stimmstark besetzt. Ihren attackenreichen bruchlosen Mezzo vermag sie bei all ihren Auftritten blendend einzusetzen. Wärme erwartet man von einer Göttin ohnehin nicht.
Andrè Schuen agiert als Wolfram fast zu männlich dominant, jedenfalls völlig anders als man klischeehafterweise den versponnenen unglücklich Liebenden zu sehen bekommt. Er ist Teil einer mit ausladenden Fellmänteln ausstaffierten Herren-Community, die auf der Wartburg definitiv das Sagen hat. Stimmlich verströmt er edel-kernigen Baritonglanz, der Abendstern gelingt wunschkonzertmäßig.
Christof Fischesser ist ein erfahrener Landgraf, der sängerisch den Männerbund gut im Griff hat, Thalia Cook-Hansen lässt als junger Hirte aufhorchen.
Ein schwungvoller Abend, der dort und da zum Nachdenken anregt.
Sabine Längle

