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ZÜRICH/ Opernhaus: SIMON BOCCANEGRA (5, Vorstellung – diesmal mit George Petean auch als Darsteller

27.12.2021 | Oper international

Giuseppe Verdi: Simon Boccanegra • Opernhaus Zürich • Vorstellung: 26.12.2021

(5. Vorstellung • Wiederaufnahme am 12.12.2021)

Sensibel gezeichnete «tinta musicale»

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Foto © Monika Rittershaus

Mit Marco Armiliato hat ein Genuese die musikalische Leitung des Abends und so ist schon im Preludio zu hören, mit welcher Sensibilität er die «tinta musicale» des «Simon Boccanegra» zu zeichnen vermag. Die Philharmonia Zürich folgt ihm höchst aufmerksam mit leidenschaftlichem Spiel und schon bald ist zu sehen mit wieviel Freude im Graben musiziert wird, wie gut die Stimmung ist. Die Philharmonia spielt einmal mehr einen grossartigen Abend und so wird eine der intensivsten Opern Verdis zu prallem Leben erweckt. Wer aufmerksam zuhört wird entdecken, dass die Oper gar nicht so düster ist, wie es seit einer halben Ewigkeit kolportiert wird (und wohl von denen, die in der Pause gegangen sind, empfunden wurde). Aber genauso seit einer halben Ewigkeit wird dem «Simon Boccanegra» zum Verhängnis, dass man sich von ihm nicht passiv überwältigen lassen kann, dass seine literarische Vorlage zur Gattung des Schicksalsdrama gehört (gleicher Autor wie bei «Il trovatore», dessen Libretto ähnlich wenig verstanden wird) und dass er im Schatten von Werken wie dem «Maskenball», «Don Carlos» und «Aida» steht. An der Rezeption des «Simon Boccanegra» konnte die 1881 erfolgte Überarbeitung (die auch hier gespielt wird) der Urfassung von 1857 (bis in die 1870er-Jahre gespielt) nicht viel ändern: immerhin wurde der «Simon Boccanegra» zu einer wenn auch selten gespielten Konstante des Verdi-Repertoires und wird von denen, die ihm einmal erlegen sind, gerade in so sensiblen Aufführungen wie dieser, mit Freude erwartet.

Als Simon Boccanegra war an diesem Abend wieder George Petean zu erleben, der mit wunderbar frei strömendem Bariton, fast endlosem Atem und bester italienischer Gesangskultur eine mustergültige Interpretation bot, denn Petean, für Ludovic Tézier eingesprungen, zeigte, nachdem er die letzte Aufführung vom Bühnenrand aus sang und Regisseur Andreas Homoki, der Intendant des Hauses, die szenische Darstellung übernahm und Petean so eine Einweisung erhielt, wie sie besser kaum sein kann,  einen szenischen Auftritt von ungemein packender Intensität (wie von Verdi verlangt eine leidenschaftliche, feurige und stolze Seele). Nicht minder beeindruckend war die Leistung von Christof Fischesser als Jacopo Fiesco, der schon bei der Stream-Premiere in der vergangenen Saison dabei war. Auch seine Stimme strömte frei mit wunderbaren Tiefen und die Verkörperung der Rolle war so intensiv, dass, als er im Prolog zur Phrase «E tu, Vergin, soffristi» die unterhalb des Madonnenbilds stehende Kerze wegschlug, diese zum ersten Mal ausging. Seine Darstellung hat das von Verdi verlangte «Unerbittliche» und «Prophetische». Jennifer Rowley gibt wohl dosierter Dramatik die Amelia Grimaldi (wie von Verdi verlangt) als ruhiges, bescheidenes und zurückgezogen lebendes Mädchen. Ihre Stimme trägt bis in dem letzten Winkel des Hauses und bleibt dabei immer verständlich.

Otar Jorjikia sang den Gabriele höhensicher und mit viel Schmelz. Weniger wäre vielleicht mehr, denn die immer nur kurzen, heiser klingenden Momente waren wieder zahlreicher. Nicholas Brownlee gab ein kräftigen, dämonischen Paolo Albiani, dessen «Verwandtschaft» mit Jago bei seinen Interpretationen im Lauf dieser Serie immer deutlicher wird. Brent Michael Smith begeistert weiterhin als herrlich sonorer Pietro. Bożena Bujnicka als Magd Amelias und Savelii Andreev als Hauptmann der Armbrustschützen ergänzen das Ensemble.

Der grosse Vorteil der Inszenierung des Hausherrn Andreas Homoki ist ihre Nachvollziehbarkeit. Homoki inszeniert – soweit unter den Corona-Bedingungen, unter denen die Produktion entstand, möglich – eng am Libretto und hat, auch wenn «Simon Boccanegra» ähnlich schwierig wie «Tosca» aus dem zeitlichen Zusammenhang zu lösen ist, die Zeit der Handlung vom Mittelalter in die Jahre 1895 und 1920 verlegt. Gut gemeint, aber für die Mehrheit des Publikums verwirrend, ist das Auftreten der jungen Amelia Grimaldi im gleichen weissen Kleid, in dem Boccanegra ihre tote Mutter in Fiescos Palast findet. Wenig vorteilhaft ist das Einheitsbühnenbild (Ausstattung: Christian Schmidt) auf der Drehbühne: die dauernde Bewegung widerspricht der Statik der Handlung, die Umbauten gehen immer noch relativ laut von statten und das 1. Bild des 1. Akts wird völlig verschenkt: statt im Garten der Grimaldi bei Genua findet es am Küchentisch der Bediensteten (die Herrschaft speist im Piano Nobile, aber da könnte Gabriele nicht so einfach durchs Fenster auftreten) im Palast statt, wodurch die Abwechslung im Bühnenbild (bei der Umarbeitung wollte Boito die Szene in einen Salon der Grimaldi verlegen, was ihm Verdi aber verweigerte) verloren geht.

Der Chor der Oper Zürich wird, um die Entstehungsbedingungen der Produktion abzubilden, weiterhin elektronisch übertragen und erfolgreich vom Statistenverein am Opernhaus Zürich auf der Bühne vertreten.

Letzte Aufführung in dieser Saison: Donnerstag, 30. Dezember, 19.30.

 26.12.2021, Jan Krobot/Zürich

 

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