Sergej Prokofjew: Romeo und Julia • Opernhaus Zürich • Vorstellungen: 29.05. und 10.06.2026
Ballett von Cathy Marston nach der gleichnamigen Tragödie von William Shakespeare
(2. und 8. Vorstellung • Premiere am 23.05.2026)
Unterkühltes Verona
Mit dem Ballett «Romeo und Julia» von Cathy Marston nach der gleichnamigen Tragödie von William Shakespeare hat das Opernhaus Zürich wieder ein grosses, klassisches Handlungsballett im Repertoire. Marston stellt eine eigene Sicht der berühmten Geschichte zur Diskussion, die das Publikum zu überzeugen scheint.

Foto © Carlos Quezada
Während der «Romeo und Julia»-Stoff der Opernbühne (1825 Felice Romani nach italienischen Quellen und 1867 Jules Barbier und Michel Carré nach Shakespeare) und dem Konzert-Podium (1839 Hector Berlioz) bereits im 19. Jahrhundert zugänglich gemacht wurde, dauerte es bis zum ersten abendfüllenden Ballett über Shakespeares Tragödie bis 1938.
Die Anregung zu Sergej Prokofjews Ballett in drei Akten «Romeo und Julia» (op. 64) ging 1934 vom Staatlichen Akademischen Opern- und Balletttheater (ab 1935 Kirow-Theater, ab 1992 Mariinski-Theater) in St.Petersburg (damals Leningrad) aus. Vom Frühling 1935 an arbeiteten der Komponist, Sergej Ernestowitsch Radlow (Regie), Adrian Iwanowitsch Piotrowski (Dramaturgie) und Leonid Michailowitsch Lawrowski (1905-1967; Choreographie) intensiv an der Komposition, die Prokofjew im Herbst des gleichen Jahres abschloss. Trotz erster Durchlauf-Proben im Oktober 1935 kam es zu keiner Uraufführung in St.Petersburg: die Verantwortlichen empfanden die Musik zu schwierig, gegen den Tanz komponiert. Unter unklaren Umständen zeigte das Moskauer Bolschoi-Theater Interesse. Aber auch hier kam es zu keiner Aufführung, da Prokofjew nach heftiger Kritik von Lawrowski und der als Julia vorgesehenen Galina Ulanova die Partitur zurückzog. Wohl angesichts der Schwierigkeiten einer Aufführung hatte Prokofjew die Musik seiner Partitur in den «Suiten Nr. 1 und 2 aus «Romeo und Julia»» (op. 64, 1936) und in «Zehn Stücke aus «Romeo und Julia»» (op. 75, 1937) weiterverwendet. Diese Bearbeitungen waren so erfolgreich, dass sich das Kirow-Theater um 1939 doch noch zur Aufführung entschloss. Heute kaum noch nachzuvollziehen ist, wie und über wen der Kontakt mit dem Brünner Landestheater zustande kam. War es bei einem Aufenthalt Prokofjews im Januar 1935 in Prag durch Quido (auch Guido) Arnoldi (1896-1958), den Dirigent der Uraufführung und Chefdirigent des Brünner Landestheaters? Oder über den Tänzer und Choreographen der Uraufführung Ivo Váňa-Psota (1908-1952), seit 1928 Ballett-Direktor des Landestheaters und ab 1932 als Tänzer beim Ballett de Russe Monte Carlo in Monte Carlo? Wie dem auch sei, am 30. Dezember 1938 kam es zur Uraufführung im Brünner Theater am Wall (heute Mahen-Theater) durch das Ballett des Landestheaters Brünn. Diese erste Produktion stand aber unter keinem guten Stern: Bedingt durch den Einmarsch des Deutschen Reichs in die Reste der Tschechoslowakei am 15. März 1939 bedingt, erlebte sie nur 7 oder 8 Folge-Aufführungen und wurde mit der Eindeutschung der Spielpläne abgesetzt. Daher blieb die durch den Lauf der Zeiten minimalst dokumentierte Uraufführung im Schatten der St. Petersburger Erstaufführung vom 11. Januar 1940 so unbeachtet, dass die Sowjetunion noch lange nach dem Zweiten Weltkrieg, unterstützt von den Gastspielen von Kirow- und Bolschoi-Theater in Westeuropa, die St. Petersburger Erstaufführung als Uraufführung für sich reklamieren konnten.
Bis John Cranko am 2. Dezember 1962 am Württembergischen Staatstheater zu Stuttgart seine Choreographie von «Romeo» und Julia» vorstellte, blieb Lawroskis Choreographie durch den Film und Gastspiele von Kirow- und Bolschoi-Theater in Westeuropa prägend. Während Lawrowskis Choreographie als «historisierendes Ballettpanorama» in der Tradition des dramatischen Handlungsballetts (und natürlich des kulturellen Kalten Kriegs) steht, war Crankos Choreographie durch leichte Farben und Sonne statt der Schwere eines Historien-Panoramas und eine Straffung des Librettos geprägt. Kurz gesagt: Mit Crankos Choreographie als Gegensatz zu Lawrowskis Arbeit (und der sowjetischen Tradition) fasste Prokofjews «Romeo und Julia» endgültig Fuss auf westeuropäischen Bühnen.
Cathy Marston (Choreografie und Inszenierung) passt ihre Arbeit der Zürcher Bühne an und hat die Nummern der originalen drei Akte mit Prolog und Epilog in zwei Akte zusammengefasst und eine Blumenverkäuferin als Erzählerin ergänzt. Marston arbeitet stark mit Kontrasten: Der erste Akt spielt nun auf dem hellen Blumenmarkt in Verona («Die Blumen, …, stehen für die Schönheit der jungen Liebe von Romeo und Julia, aber auch für deren Endlichkeit.»; Zitate aus dem Programmheft), der zweite in einem fast leeren, schwarzen Raum (Ausstattung: David Fleischer). In ihrem Bestreben die Geschichte anders, als mit den gängigen «Romeo und Julia»-Requisiten zu erzählen («Vielleicht funktioniert das Ganze auch ohne Degenkämpfe und Gift-Flacon? Neben den Blumen wird deshalb ein Spiegel der wichtigste Gegenstand auf der Bühne sein. Er geht zu Bruch, als Mercutio von Tybalt in das Glas gestossen wird. Die Spiegelscherben werden nicht nur zu Waffen, sondern auch zu einem Hypnotikum, das bei Julia eine todesähnliche Trance herbeiführt, und zu Todesbringern für die beiden Liebenden.»), geraten ihr die Kontraste etwas zu stark. Im Vergleich mit dem konzentrierten zweiten Akt wirkt der Erste, trotz der farbenfrohen Ausstattung und der Streichung einzelner Nummern (7. Der Herzog gebietet Einhalt, 8. Zwischenspiel, 18. Gavotte, 22. Volkstanz, 25. Tanz mit Mandolinen, 27. Die Amme gibt Romeo einen Brief, 31. Ein weiterer Volkstanz, 48. Morgenständchen; Szenarium: Cathy Marston, Edward Kemp), fast etwas überlang. Die szenische wie die tänzerische Umsetzung wirken teilweise recht unterkühlt.
Karen Azatyan gibt einen gradlinigen, undurchsichtigen, diskreten Romeo. Seine Verliebtheit will leider in beiden Vorstellungen nicht wirklich klar werden. Ayaha Tsunaki überzeugte als selbstbewusste, grazile Julia mit perfektem Spitzentanz und überzeugender Emotionalität. Esteban Berlanga gibt einen überzeugenden Tybalt. Der Tod Mercutios, den seine Freunde anfänglich gar nicht wahrnehmen, oder wahrnehmen wollen, ist in beiden Vorstellungen (Erik Kim am 29.05.2026, Sean Bates am 10.06.2026) ein Höhepunkt des Abends. Benvolio ist hier eine Benvolia, die Breanna Foad höchst aktiv mit einer manchmal fast dominant wirkenden szenischen Bühnenpräsenz tanzt. Inna Bilash als Angelica, Brandon Lawrence als Lorenzo, Sean Bates am 29.05.2026 und Wei Chen am 10.06.2026 jeweils als Paris, Jesse Fraser als Lord Capulet, Yun-Su Park als Lady Capulet, Ruka Nakagawa als Blumenfrau und Sujung Lim als Rosalind ergänzen das Ensemble.
Langanhaltender, begeisterter bis frenetischer Applaus des Publikums.
Weitere Aufführungen Saison 2025/2026 (annähernd ausverkauft): Di. 23. Juni 2026, 19.00; Fr. 26. Juni 2026, 19.00.
Weitere Aufführungen Saison 2026/2027 (Beginn des allgemeinen Vorverkaufs am 20.06.2026):
Fr. 20. Nov. 2026, 19.00; Fr. 27. Nov. 2026, 19.30; So. 29. Nov. 2026, 13.00; So. 06. Dez. 2026, 20.00;
So. 13. Dez. 2026, 14.00; Sa. 19. Dez. 2026, 19.00; Sa. 26. Dez. 2026, 19.30; So. 27. Dez. 2026, 20.00.
15.06.2026, Jan Krobot/Zürich

