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ZÜRICH/ Opernhaus: ROMEO UND JULIA“, Stream im Mai 2020

24.05.2020 | Ballett/Tanz

 


Ballett Zürich: Romeo (William Moore), Julia (Katja Wünsche). Copyright: Foto: Gregory Batardon

Opernhaus Zürich: „ROMEO UND JULIA“, Stream im Mai 2020

Mit welch einem Wirbel und welch rasanter, freudvoller Munterkeit beginnt das weltweit beliebte Ballett „Romeo und Julia“ bei der Wiederaufnahme im Mai 2019 am Opernhaus Zürich! Dirigent Michail Jurowski bringt Sergej Prokofjews Ballettmusik zum Leuchten. Die Damen in eleganten schwarzen Roben und die ebenfalls fein gewandeten Herren (Kostüme: Emma Ryott) tun voller Schwung und mit lächelnden Gesichtern das Ihre. Alles funkelt trotz der dunkel-stählernen Bühne, eingerichtet von Christian Schmidt.

Das fast einzige Mobiliar ist eine Ballettstange in der rechen Ecke, an der einige Jugendliche unter den Augen ihrer fitten Übungsleiterin –  Elena Vostrotina (!) – proben. Sie selbst legt einige gekonnte Nummern mit hoch aufschwingenden Beinen aufs Parkett und agiert kaum als Julias fürsorgliche Amme. Eine der Kleinen absolviert die Übungen am besten und ist offensichtlich der Tanzlehrerin Liebling. Zur Belohnung streift sie ihr ein rotes Kleidchen über.  

In diesem schlichten Flatter-Outfit geht Julia sogleich zum Ball, den die Familie Capulet veranstaltet und gesellt sich brav zu ihren aufwändig gekleideten Eltern, dem Grafen Capulet (Lucas Valente) und seiner Gattin (Eva Dewaele), die recht jugendlich wirken. Neben den beiden wartet Graf Paris (Jan Casier), der erfolgreich um Julias Hand angehalten hat.  

Er stupst auf die Nase der Kleinen – laut Shakespeares Drama ist sie erst 13 – verhält sich aber andererseits so, als sei sie bereits sein Eigentum. Der Choreograf Christian Spuck verleiht ihm so gesehen eine negative Note und macht damit die Liebe verständlich, die die Kindfrau Julia angesichts von Romeo völlig überrumpelt.

Wie könnte sie auch den strahlenden Augen von Romeo widerstehen! Wie ein Blitz aus heiterem Himmel scheint ihn, der eigentlich schon eine andere hat, die Liebe zu diesem Mädchen getroffen zu haben. Selten wird das so überzeugend dargeboten.


Ballett Zürich: Romeo (William Moore), Julia (Katja Wünsche). Copyright: Monika Rittershaus

Mit der aus Dresden stammenden Katja Wünsche und dem Briten William Moore sind hier zwei Stars überzeugend tätig. Sie stürzen nicht aufeinander zu, sondern agieren zurückhaltend, zwei junge Leute, verwirrt von ihren Gefühlen. Wunderbar dann der erste Pas de deux, aus dem die kleine Julia jedoch ab und zu ängstlich flüchtet. Insgesamt entsteht eine berührende Mischung aus geheimer Furcht und zunehmendem Feuer. Auch im Verlauf blättern die beiden ihr Inneres auf und bieten weit mehr als tänzerische Glanzleistungen.

Diese besondere Harmonie von Katja Wünsche und William Moore kommt nicht von Ungefähr. Beide gehörten jahrelang zum renommierten Stuttgarter Ballett. Sie kennen sich, und dass sie sich mögen und gerne zusammen tanzen, ist unübersehbar und beglückend. Seit der Premiere von „Romeo und Julia“ im Jahr 2012 gestalten sie diese Rollen.

Auch Zürichs Ballettchef Christian Stuck hat in Stuttgart seine Wurzeln, war dort ab 1995 zunächst als Tänzer engagiert und avancierte 2001 zum Hauschoreografen. Rund 10 Jahre lang hat Stuck das Stuttgarter Ballettgeschehen geprägt, hat aber auch anderenorts mit seinen Arbeiten beeindruckt. 2012  folgte er dem Ruf nach Zürich und nahm Katja Wünsche und William Moore gleich mit. Er wusste, was er an ihnen hat.  

Ihre große Klasse beweisen die beiden nun mit jeder Faser ihres Körpers, mit ihren Blicken und jedem Muskel ihrer Gesichter. Wie war ich vor Jahren enttäuscht, als ich eine alte Aufnahme mit den legendären Stars Rudolf Nurejew und Margot Fonteyn im Fernsehen sah. Perfekte Technik, Virtuosität sondergleichen und Nurejews berühmte Sprungfolgen. Doch die Gesichter der beiden blieben unbeweglich. Das geht heutzutage nicht mehr. Selbst beim Ballett sollte eine Rolle auch gelebt werden, um glaubwürdig zu sein.

Am 10. April 2020 bewies übrigens ein Stream der Metropolitan Opera mit Gounod’s „Roméo et Juliette – eine Aufnahme vom 21. Januar 2017 mit Diana Damrau als Julia und Vittorio Grigolo als Romeo – wie hinreißend sich diese Partien  singen und spielen lassen. Selbst bei konzertanten Aufführungen wird es zunehmend so gehandhabt.

Gerade der Vergleich mit der Opernversion des Werkes macht deutlich, wie vieles die Tänzerinnen und Tänzer allein mit ihrem Körper, ihren Bewegung und ihrem Minenspiel ausdrücken müssen! Wie unsicher und glücklich zugleich begegnet Julia – nun im weißen Nachtgewand – dem Romeo, nachdem er in dunkler Nacht zu ihr empor geklettert ist. Erst nach der heimlichen, durch Pater Lorenzo im mehr als schlichten Ambientevollzogenen Trauung schmiegen sich die beiden Liebenden aneinander.

In diesem Zusammenhang sei ein Blick in meine Heimatstadt Berlin erlaubt. Beim Staatsballett Berlin haben im Februar 2012 Nadja Saidakova und Mikhail Kaniskin in der John Cranko-Choreografie das Schicksal von Romeo und Julia bestens beglaubigt. Im Mai 2018 hatten die Startänzerin Polina Semionova (nun Gastsolistin) und Ivan Zaytsev, Erster Solotänzer am Mikhailovsky Theater in St. Petersburg, in einer Choreografie von Nacho Duato diese Rollen inne.  

Polina Semionova war darstellerisch wie stets total überzeugend und tanzte traumhaft. Ivan Zaytsev, zwar technisch bestens, ließ jedoch Emotionen vermissen. Nur wenige Aufführungen folgten, da Duatos Nachfolger – die seit 2016 plötzlich installierte Doppelspitze Johannes Öhman und Sasha Waltz – sämtliche Duato-Choreografien sofort entsorgten. Inzwischen – durch den plötzlich verkündeten Wechsel von Öhman nach Stockholm – entsorgen sich beide zum Jahresende nun selbst. So kann’s gehen. Ein neuer Ballettchef fürs rd. 90-köpfige Staatsballett Berlin ist noch nicht in Sicht.


Ballett Zürich: Romeo (William Moore), Julia (Katja Wünsche). Copyright: Monika Rittershaus

Umso mehr habe ich die gestreamte Aufführung vom Opernhaus Zürich bewundert, denn dort stimmte einfach alles. Höchst staunenswert auch die Präzision der die Bühne füllenden Degengefechte zwischen den jungen Leuten aus den beiden verfeindeten Familien. Wie in einem Mantel-und-Degen-Film wurde äußerst temporeich und in Echtzeit gefochten, so als gerieten heutige Clans aneinander, hier aber ohne Verletzte.

Zunächst jedenfalls, bis die Feindschaft zwischen den Capulets und Montagues die Oberhand gewinnt. Daniel Mulligan als Romeos Freund Mercutio, der den (hier finsteren)  Tybalt (Tigran Mkrtchyan) mit seinen Scherzen ständig provoziert und schließlich, tödlich getroffen, tanzend dahinstolpernd mit einem Grinsen stirbt, ist offensichtlich auch ein Ausnahmetalent. Christopher Parker als Benvolio macht ebenfalls einen guten Job.

Nach Mercutios Tod greift bekanntlich Romeo, der eigentlich die Fehde schlichten wollte, selbst zur Waffe und tötet Tybalt. Als Verfolgter eilt er todunglücklich zur geliebten Julia. Sie verzeiht ihm, doch nur ein harter Tisch dient als spartanisches Liebeslager. Romeo muss fliehen, herzzerreißend der Abschied der beiden.

Noch übler die Initiative der Eltern, um das „gefallene Mädchen“ schnellstens unter die Haube zu bringen. Die brutal und herzlos agierende Mutter lässt sich von Julia nicht erweichen, der Vater auch nicht, und Graf Paris als Bräutigam greift sogleich grob zu. Mit Müh’ und Not erreicht Julia eine kleine Bedenkzeit.

Sie wendet sich Hilfe suchend an Pater Lorenzo, der sie zuvor mit Romeo getraut hatte. Den spielt Filipe Portugal. Mit schwarzer Sonnenbrille, die seine Augen verdeckt, wirkte er von Anfang an eher wie ein Geheimagent als ein gütiger Gottesmann. Julia braucht neuen Mut, um ihm zu vertrauen. Sein und der Amme Rat, nach Romeos Flucht nun doch den Grafen zu heiraten, lehnt sie ab.

Dann doch lieber des Paters Fläschchen mit dem Zaubertrunk ergreifen. Julias qualvolle Angst vor diesem Gebräu und ihr verzweifeltes Dennoch gehören zu den Höhepunkten, die die Zuschauer/innen auch von Ferne mitzittern lassen. Selbst als Stream-Version oder gerade deshalb.


Ballett Zürich: Romeo (William Moore), Julia (Katja Wünsche). Copyright: Monika Rittershaus

Denn ganz dicht fährt die Kamera an Julias verquältes Gesicht und die vor Todesangst zitternden Hände heran. Starke unvergessliche Bilder. So genau lässt sich das und manch anderes im Opernhaus nicht sehen, auch nicht weit vorne sitzend. Dennoch bleibt ein Wunsch offen: Ein live-Gastspiel von „Romeo und Julia“ mit Katja Wünsche, William Moore und Christian Stucks Supertruppe in Berlin!     

Ursula Wiegand

 

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