Charles Gounod: Roméo et Juliette • Opernhaus Zürich • Premiere: 10.04.2023
Tanzabend im Kirchgemeindehaus
Nach «Lakmé» hat nun Gounods «Roméo et Juliette» als szenische Produktion Premiere. Die Aufführung überzeugt musikalisch mit einer frischen Wiedergabe.

Foto © Herwig Prammer
Die Philharmonia Zürich ist nach «Lakmé» bestens fürs französische Fach präpariert und vermag klanglich rundum zu überzeugen. Ein besonderes Lob haben die wunderbar samtig-warmen Streicher verdient. Roberto Forés Veses (musikalische Leitung) dirigiert mit grossem Engagement. Die Koordination zwischen Graben und Bühne ist tadellos, das Lautstärken-Management hat noch Verbesserungspotential: einzelne Solisten laufen Gefahr in den Klangwogen unterzugehen. Der Chor der Oper Zürich (Choreinstudierung: Ernst Raffelsberger) besticht mit sattem Klang und grosser Spielfreude.
Benjamin Bernheim zeigt mit seiner Interpretation des Roméo, dass er im französischen Fach absolut bei sich selbst und im Moment der kaum zu bestreitend führende Tenor ist. Die Stimme sitzt perfekt und trägt im ganzen Haus – auch wenn Bernheim im hinteren Teil mit dem Rücken zum Publikum singt. Sein strahlender Tenor ist ausgesprochen agil, farbenreich und mit einem Quäntchen Metall gesegnet. Kurz gesagt: sie hat das gewisse «Etwas». Julie Fuchs als Juliette bleibt da leider zurück. Der Stimme fehlt es an diesem Abend an Fundament, sie trägt nicht und wird in den Höhen, die sie gerne mit Anlauf nimmt, rasch scharf. Die Flüchtigkeit ihrer Töne passt so überhaupt nicht zu ihrem Partner und beeinträchtigt letztlich auch ihre Bühnenpräsenz. Brent Michael Smith gibt den Frère Laurent mit wie gewohnt bestens geführtem, sonoren Bass, David Soar den Grafen Capulet. Beide überzeugen mit natürlichem Auftritt und rollengerechter Bühnenpräsenz. Yuriy Hadzetskyy als Mercutio und Maximilian Lawrie als Benvolio sind Romeos stimmlich potente, überzeugend draufgängerische Freunde. Die Überraschung des Abends ist Svetlina Stoyanova in der Hosenrolle des Stéphano. Sie lässt einen herrlich vollen, runden, frischen Mezzo erklingen. Das französische Fach scheint ihr deutlich besser zu liegen als das Italienische und so freut man sich schon jetzt auf ihre für Dezember 2023 angesetzten Auftritte in Offenbachs erst kürzlich rekonstruiertem «Barkouf». Omer Kobiljak als Juliettes Cousin Tybalt überzeugt mit strahlendem Tenor, Andrew Moore als Le Comte Paris mit eben solchem Bariton. Katia Ledoux als Gertrude, Valeriy Murga als Le Duc de Vérone und Jungrae Noah Kim als Gregorio ergänzen das Ensemble. Alison Duarte, Maarten Krielen, Davide Pillera, Roberto Tallarigo, Sina Friedli, Elena Paltracca, Alice White und Oriana Zeoli (Choreografie: Pim Veulings) führt der Besetzungszettel als Tänzerinnen und Tänzer auf.
Engagiert man Tänzerinnen und Tänzer, streicht man konsequenter Weise das Ballett, dass zur dritten Fassung (Fassung letzter Hand) dazugehört. Das ist nur eine der Unstimmigkeiten der «Inszenierung» von Ted Huffman. Dazu zählen im Weiteren die Verwendung eines Einheitsbühnenbilds, das den Kontrast privater und öffentlicher Szenen zerstört und ein nicht nachvollziehbares Management, wie der Platz auf der Bühne mit der verschiebbaren Rückwand gestaltet wird. In der Ödnis der Bühne sind die Figuren weitgehend sich selbst überlassen. Huffman erklärt im Interview im Programmheft, er sehe einen Cotillion, einen Debütantenball nachamerikanischer Tradition als Initiationsritus in die gehobene Gesellschaft, als idealen Rahmen seiner Inszenierung. Hier geht es mit den Unstimmigkeiten gleich weiter. Wieso reissen sich die Solistenbei erste Gelegenheit die Fliegen vom Hals? Das passt nun gar nicht zu einer Gesellschaft, die sich zu kleiden weiss (hoch ästhetische Kostüme: Annemarie Woods) und auf mache «Formalitäten» noch immer starkes Gewicht legt. In ihrer ausgesuchten Hässlichkeit genauso wenig passend ist die Örtlichkeit des Balls (Bühnenbild: Andrew Lieberman). Der Charme eines Kirchgemeindeshaus aus den 60ern hat mit einem Debütantenball eher weniger zu tun. Der Kritiker erinnert sich an den Ausspruch eines emeritierten Zürcher Professors für Kunstgeschichte erinnert: «Wenn es aussieht wie beim grossen schwedischen Möbelhaus, bewegen sie sich in reformierten Gefilden».
Ob sich der Aufwand einer szenischen Produktion hier wirklich gelohnt hat?
Weitere Aufführungen:
Do. 13. April 2023, 19.00; So. 16. April 2023, 19.00; Sa. 22. April 2023, 19.00;
Di. 25. April 2023, 19.00; Fr. 28. April 2023, 19.30; Do. 04. Mai 2023, 19.00;
So. 07. Mai 2023, 13.00; Sa. 13. Mai 2023, 19.00; Do. 18. Mai 2023, 19.30.
11.04.2023, Jan Krobot/Zürich

