Gaëtano Donizetti: Roberto Devereux • Opernhaus Zürich • Vorstellung: 17.02.2023
(4. Vorstellung • Premiere am 05.02.2023)
Sternstunde des Belcanto
Die vierte Aufführung der laufenden Roberto Devereux-Serie wurde zu einer Sternstunde des Belcanto. Zu verdanken ist dies in erster Linie Elena Moşuc, aber auch, so ehrlich muss man dann auch sein, dem Dirigenten Enrique Mazzola.

Foto © Toni Suter
Elena Moşuc musste lange warten (für Engagements sind bekanntlich nicht nur die vokalen Fähigkeiten entscheidend, sondern auch, wie es die NZZ einmal auf einen früheren Intendanten bezogen formulierte, mit welchen Agenten der Intendant Golf spielt), bis sie mit der Rolle der Elisabetta I. ihren Ring, ihre Tudor-Trilogie, vollenden konnte. Aber nun ist es soweit und ihre Interpretation der Rolle ist jetzt umso stärker von der emotionalen Durchdringung geprägt, von grösser Vollkommenheit, als dies vielleicht zu einem früheren Zeitpunkt der Fall gewesen wäre. Nach dem Einspringen vom Sonntag und den damit verbundenen Proben klingt die Stimme nun, auch wenn erneut geprobt wurde, ausgeruhter und frischer. Diese zusätzlichen Proben haben offenbar zu einer weitgehenden Verständigung mit Enrique Mazzola (musikalische Leitung) geführt, denn er lässt Moşuc nun die Zeit, die sie braucht, um die Rolle mit der ihr eigenen, unerreichbaren Musikalität und Perfektion zu gestalten. Bereits in der Auftrittsarie fasziniert Moşuc mit der gewohnt stupenden Technik in allen Lagen und rasanten Koloraturen, ganz so, wie man sie kennt. Mit ihrer gewaltigen Bühnenpräsenz lässt sie schon hier die Zerrissenheit der Königin erkennen. Im folgenden Duett mit Devereux zeichnet sich bereits das ganze Drama dieser Oper ab und widerspiegelt sich in der Interpretation beider Sänger, deren Stimmen zu einer traumhaften Einheit verschmelzen. Nach der Pause steigert sich Moşucs Interpretation ungebremst weiter in Wut, Enttäuschung und Trauer. Mit einem fulminanten «Va!» beginnt die Final-Szene des zweiten Akts, die Verkündung des Todesurteils. Im dritten Akt erscheint Elisabetta als gebrochene, alternde Königin, die sich krampfhaft an die Liebe zu Devereux (symbolisiert durch dessen Schwert) klammert. Für die grosse Schlussszene der Elisabetta klettert sich nocheinmal auf den Felsen, der die Macht ihres Amtes symbolisiert, um dann unter der Last der Macht zusammenzubrechen. Hier ereignet sich wieder einer dieser unbeschreibbaren Momente totaler und absoluter Ruhe im Zuschauerraum, in dem man die Luft knistern und die Geräusche der Strasse hört.
Grundlage der Inszenierung von David Alden ist wieder der riesige, leere Marmorraum als Klammer für alle drei Werke der Tudor-Trilogie. Für jedes Werk gibt es dann eine eigene Installation, so hier ein Fels und ein halbrundes, architektonisches Gebilde, das um sich selbst gedreht werden kann, um offene und geschlossene, öffentliche und private Räume zu zeigen. Diese Trennung gelingt nicht durchgehend, was der Inszenierung im Grossen und Ganzen kein Abbruch tut. Alden und sein Ausstatter Gideon Davey (Bühnenbild und Kostüme) arbeiten wie auch schon bei den beiden anderen Opern der Tudor-Trilogie genau dem Libretto entlang und erzählen die Geschichte klar und verständlich. Die Kostüme der Solisten sind alle streng von der Renaissance inspiriert. Die Galerie mit Porträts von Elisabeth (am architektonischen Element) spielt auf die historische Rolle Elisabeths I. an, die ganz gezielt mit der Macht der Bilder arbeitete, denn damals galt immer noch weitgehend, dass es Herrschaft nur dort gab, wo sich auch der Herrscher befand. Entsprechend sind die Bilder für die letzte Szene abgehängt, da Elisabeth gegen Ende ihre Regentschaft das Zeigen von Porträts ihrer Person (aus Altersgründen) verboten hatte. Bei den weiteren Versatzstücken wie auch den Kostümen des Chors tauchen immer wieder (dezent) auch neuzeitliche Elemente auf.
Konstantin Shushakov gibt den Duca di Nottingham mit frei strömendem, sauber geführten und angenehm kernigem Bariton. Seine Stimme harmoniert hervorragend mit der von Anna Goryachova, die mit ihre weichen, warmen Mezzosopran als zwangsverheiratete Waise mit grosser Glaubwürdigkeit überzeugt. Mit betörend wohlklingendem Tenor, schier endlosem Atem und guten Höhen singt Stephen Costello, der sich bestens in die Riege der Solisten einfügt. Andrew Owens als Lord Cecil, Brent Michael Smith als Sir Gualtiero Raleigh, Aksel Daveyan als Page Gregory Feldmann als Vertrauter Nottinghams und Francesco Guglielmino als Henker ergänzen das Ensemble.
Die Philharmonia Zürich spielt weiterhin hoch konzentriert mit wunderbar, weichem Klang und trägt, solange man sie lässt, die Sänger durch den Abend. Der Chor der Oper Zürich trägt seinen Teil zur Sternstunde bei. Die szenische Unterstützung liegt in den Händen des Statistenverein am Opernhaus Zürich.
Eine Sternstunde des Belcanto!
Weitere Aufführungen:
Mi. 22. Feb. 2023, 20.00; So. 26. Feb. 2023, 19.30;
Sa. 04. März 2023, 20.00; Di. 07. März 2023, 19.00; Fr. 17. März 2023, 19.00.
19.02.2022, Jan Krobot/Zürich

