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ZÜRICH/ Opernhaus: NORMA. Wiederaufnahme mit Maria Agresta

20.06.2019 | Oper


Maria Agresta als Norma. Foto: T+T Fotografie Toni Suter

Zürich Opernhaus: „NORMA

Wiederaufnahme «Norma» mit Maria Agresta – besuchte Aufführung vom 20.6.2019

Im Jahre 2015 hatte sich bereits Maria Agresta als Norma in der ästhetischen Inszenierung vom Robert Wilson präsentiert. Bei der erneuten Wiederaufnahme hat die italienische Sopranistin nun das eingelöst, was sie vor vier Jahren angekündigt hatte. Zuerst ist da mal eine schöne, rein intonierende Stimme. Als Muttersprachlerin ist sie natürlich im Italienischen zu Hause und es ist eine Freude, ihrer idiomatischen Diktion zuzuhören. Da sind keine Vokalverfärbungen festzustellen, Doppelkonsonanten werden zur Betonung des dramatischen Ausdrucks verwendet und die klar artikulierten Konsonanten folgen der «Klangrede» Bellinis auf das Idealste. Dazu kommt ein perfektes Legato, ohne zu irgendwelchen Verwaschungen oder Verschleifungen der Tonproduktion zu greifen. Manches wunderbare Kopf-Piano ist zu bestaunen, die Spitzentöne sind brillant – ich zählte vier hohe c’s! – und die Koloraturen werden exakt gesungen. Vor allem aber vermochte die Künstlerin, in der speziellen Personenführung Bob Wilsons doch mit geballter Energie und fabelhafter Körperhaltung die Würde, den Stolz, Rachegefühle und dann wieder die Verletztheit, die Zartheit, die Vergebung und die Liebe zum Ausdruck zu bringen. Eine fabelhafte Leistung!

Ihr zur Seite war Anna Goryachova eine ebenso elegante wie schön singende Adalgisa. Mit ihrem grosskalibrigen Mezzosopran war sie nicht ganz «bellini-nesk», konnte aber doch durch eine hervorragende Stimmführung und ein gutes Stilgefühl, eine Adalgisa von Format neben die Norma von Maria Agresta stellen. Die beiden Duette waren auch ein einziger Ohrenschmaus! –  Leider war Michael Spyres als Pollione eine Enttäuschung. Seine baritonal gefärbte Stimme passt nun wirklich nicht in diese Partie, zumal die Höhe nur mit Kraft und mit wenig Körperverankerung produziert wurde. Es wird ein Rätsel bleiben, weshalb Spyres den Pollione in stetem Forte sang. Sehr gut, wenn auch etwas persönlichkeitsarm, war Ildo Song als Oroveso, der mit erzenen Basstönen die beiden Soli beeindruckend sang. Irène Friedli machte aus der Clotilde mit Geschmack, was möglich war und Thobela Ntshanyana als Flavio auf seinen helltimbrierten Tenor aufmerksam. Der Chor (Einstudierung: Ernst Raffelsberger) war gut unterwegs und die Philharmonia unter der Leitung ihres Chefs Fabio Luisi musizierte engagiert, manchmal etwas gar laut (es klang öfters mehr nach Verdi als nach Bellini), aber langweilig war es nie.

Die Inszenierung von Robert Wilson mit seiner feinen Lichtregie und der edlen, zurückhaltenden Personenregie fand auch nach bald zehn Jahren seit ihrer Premiere grossen Zuspruch des Publikums. Auch mich hat sie überzeugt!

John H. Mueller

 

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