Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

ZÜRICH/ Opernhaus: L’OLIMPIADE von G.B.Pergolesi. Premiere. Spätfolgen der Pandemie

14.03.2022 | Oper international

Giovanni Battista Pergolesi: L’Olimpiade • Opernhaus Zürich • Premiere: 12.03.2022

Spätfolgen der Pandemie

Das Orchestra La Scintilla steht in diesen Tagen im Grosseinsatz: zwei Premieren und zwei Konzerte innerhalb einer Woche hat es mit beeindruckender Energie und unablässiger Spielfreude bewältigt. Die zweite dieser Premieren, Pergolesis «L’Olimpiade», ist ganz von der Pandemie bestimmt.

lenb
Foto © Herwig Prammer

Als die Produktion im März 2020 in die entscheidende Phase kam, die Besetzung war engagiert, das Bühnenbild (Christian Friedländer) entworfen und die Proben sollten beginnen, begannen die Pandemie und der erste Lockdown. Regisseur David Marton sass in Budapest fest, wie viele andere Künstler auch, seine Engagements eins ums andere aufgeschoben oder gescheitert. Proben wären nur mit Maske und Abstand möglich gewesen und so entschied Marton das ursprüngliche Konzept einer Opern-Inszenierung aufzugeben. Er hoffte, wie er im Programmheft beschreibt, in der «Null-Situation» zu neuen Ideen zu kommen. Das Resultat dieser ungewollten «Klausur» war nun, verspätet durch den zweiten Lockdown, am Opernhaus Zürich zu erleben.

Marton ist auf die Idee gekommen Pergolesis Musik, konkret die Arien aus «L’Olimpiade» zu kombinieren und dazu einen «Dokumentarfilm» (Schnitt: David Marton, Schnitt und Kamera: Sonja Aufderklamm; «dokumentarische Sequenzen» würde das Resultat besser umschreiben) zu drehen. Um einen Zeitbezug herzustellen, filmte er nach dem ersten Lockdown alte Menschen, die im Lockdown besonders unter den Einschränkungen zu leiden hatten. Die Verbindung der Musik mit den Bildern ist marginal, die Mitwirkenden erzählen aus ihrem Leben und dem Alltag im Altersheim. Die sehr gewagte These, das Erzählen von Geschichten sein insbesondere im Barock nicht die Hauptaufgabe scheitert hier in aller Deutlichkeit. Opernarien sind an ein Handlungsmoment, eine Situation oder ein szenisches Gegenüber gebunden. Die Begründung der These mit der Existenz von Kofferarien oder dem freien Umgang mit der Werkgestalt scheitert an der Kenntnis der Musikgeschichte: Sinn und Zweck der Kofferarien war allein die Virtuosität des Sängers herauszustellen und der historisierende Umgang mit dem Werk im Sinne einer Unveränderlichkeit ist eine Errungenschaft des späten 19. Jahrhunderts. Wenn die gleiche Arie in ernsten wie komischen Werken verwendet wurde, geschah dies nicht mit dem gleichen Text und war einfach möglich, da die Hörgewohnheiten noch wesentlich freier waren: so erfolgte zum Beispiel die Verknüpfung von Dreivierteltakt und froher Stimmung erst nach dem Belcanto mit der Strauss-Dynastie. Die behauptete emotionale Aufladung der Bilder durch die Musik und umgekehrt ist eine sehr subjektive Sache, die massgeblich von der Beeinflussungsbereitschaft des Betrachters abhängt. Die «dokumentarischen Sequenzen» werden auf bühnenfüllender Leinwand gezeigt und wirken kaum bearbeitet. Was die Morgentoilette oder das Beobachten startender Flugzeuge an der Startbahn mit Pergolesis Musik zu tun haben, muss jeder selbst entscheiden.  Marton spricht im Programmheft vom Entstehen von Ideen, denen man in anderen Situation, also ohne Pandemie, wohl nicht gefolgt wäre. Das scheint sehr plausibel.

Das Orchestra La Scintilla unter musikalischer Leitung von Ottavio Dantone bringt Pergolesis Musik unerhört frisch, lebendig und farbenfroh zu Gehör. Besonderen Eindruck machen an diesem Abend die Oboen, Hörner und Trompeten.

Carlo Allemano gibt den Clistene mit kernigem, gepflegtem Tenor. Die Überraschung des Abends ist die amerikanische Sopranistin Joélle Harvey, die am Opernhaus Zürich debütiert. Sie singt die Arien der Aristea mit wunderbar vollem, klarem, frischem Sopran. Lauren Snouffer als Argene kontrastiert mit ihrem hellen Sopran gut mit dem etwas dunkleren Material von Anna Bonitatibus als Licida. Vivica Genaux gibt die Megacle mit einem in den höheren Lagen rasch scharf klingenden Mezzo. Thomas Erlank fühlt sich Aminta hörbar wohl. Die Altistin Delphine Galou überzeugt in der Rolle des Alcandro.

Musikalisch überzeugt der Abend.

Weitere Aufführungen: Mittwoch 16. März, 19.00 und Samstag 19. März, 19.00.

14.03.2022, Jan Krobot/Zürich

 

Diese Seite drucken