Liederabend Juan Diego Flórez • Opernhaus Zürich • 05.12.2022
«Seul sur la terre»
Auf seiner aktuellen Tournee macht Juan Diego Flórez mit einem Liederabend Halt am Opernhaus Zürich. Am Klavier begleitet ihn mit Vincenzo Scalera eine Koryphäe seines Fachs.

Foto © Manfred Baumann
Schon beim ersten Titel, der Arie des Paride «O del mio dolce ardor» aus «Paride ed Elena» von Christoph Willibald Gluck (1714-1787), lässt sich feststellen, dass des Sängers Stimme von mal zu mal besser wird. Und das Zürcher Publikum durfte ihn ja schon einige Male erleben, sei es in Liederabenden, sei es in Vorstellungen. Weiterhin unerreicht ist seine ruhige, freie, höchst sensible Tongebung. Bei «Amarilli, mia bella» von Giulio Caccini (1551-1618) flicht er von ihm bis anhin selten zu hörende fein abgedunkelte Farben ein. «Vittoria, mio core!» von Giacomo Carissimi (1605-74) ist von jugendlichem Eifer und Übermut geprägt. Damit zeigt Flórez wie rasch und vollständig er sich dem Hintergrund der interpretierten Stücke anzupassen vermag. Mit «L’esule», «La lontananza» und «Bolero» von Gioachino Rossini (1792-1868) ist Florez nun bei einem der kKomponisten, für dessen Repertoire er bekannt ist, angelangt. «Une bagatelle» für Klavier solo aus den «Péchés de vieilesse» ist eine kurze Pause für den Tenor. «Si ritrovarla, io giuro», die Arie des Don Ramiro aus Rossinis «La Cenerentola», wird zu einem ersten, umjubelten Höhepunkt.
Im zweiten Teil des Abends geht es gleich mit Höhepunkten weiter. «A te, o cara», Arie des Lord Arturo Talbot, aus «I puritani» von Vincenzo Bellini (1801-1835), zählt auf Grund ihrer hohen Tessitura zu den schwierigsten Tenor-Arien überhaupt. Die lyrische Emphase, der aus dem Text extrahierte und motivierte Wohlklang, von den hoch musikalischen Verzierungen ganz zu schweigen, gibt es bei keinem anderen Sänger zu finden. Die beiden Donizetti-Arien, die Arie des Carlo «Linda si ritirò» aus «Linda di Chamounix» und die Arie des Dom Sébastien «Seul sur la terre» aus «Dom Sebastien, Roi du Portugal» bringen nocheinmal eindrücklich zu Gehör, dass Flórez im Moment «seul sur la terre» ist. «Brezza del suol natio… Dal più remoto esilio… Odio solo ed odio atroce», die Szene, Kavatine und Cabaletta des Jacopo aus Verdis «I due Foscari» und «Torna ai felici dì», Romanze des Roberto aus Puccinis «Le Villi» stehen für die sorgfältige Weiterentwicklung von Flórez Stimme. Gerade diese sorgfältige Entwicklung von Stimme und Repertoire ist ebenfalls «seul sur la terre». Die Stimme hat ihre herrliche Farbe, Leichtigkeit und Eleganz behalten und dunkle Schattierungen und Schmelz dazugewonnen. Mit der «Romanze ohne Worte in F-Dur» von Giuseppe Verdi (1813-1901) und dem «Albumblatt (Klavier solo)» von Giacomo Puccini (1858-1924) war Vincenzo Scalera am Piano um die Pausen für den Solisten besorgt.
Mit sieben Zugaben bedankte sich Florez beim Publikum: Zu einer neapolitanischen Canzone, «Core n’grato» und «Cucurrucucú Paloma» begleitete sich Florez selbst auf der Gitarre. «La donna è mobile», «Pourquoi me reveiller», «Dein ist mein ganzes Herz» und «Nessun dorma!» nahmen Applaus und Begeisterung jedesmal mehr zu.
Ein Abend, wie ihn nur Juan Diego Flórez bieten kann: Einzigartig oder eben «seul sur la terre»!
Liederabende der Saison 2022/2023:
Stéphanie d’Oustrac; Carrie-Ann Matheson, Klavier; Do 12 Jan 2O23, 19.3O.
Javier Camarena; Ángel Rodríguez, Klavier; Mi 1 Feb 2O23, 19.OO.
Asmik Grigorian; Lukas Geniušas, Klavier; Mo 13 Mär 2O23, 19.OO.
Aleksandra Kurzak und Roberto Alagna; Marek Ruszczynski, Klavier; Mo 15 Mai 2O23, 19.3O.
Sabine Devieilhe; Mathieu Pordoy, Klavier; Mo 12 Jun 2O23, 19.OO.
06.12.2022, Jan Krobot/Zürich

