Wolfgang Amadeus Mozart: Le nozze di Figaro • Opernhaus Zürich • Wiederaufnahme: 24.01.2026
(Premiere am 19.06.2022)
Mozart geht immer!
Mit Jan Philipp Glogers Inszenierung von «Le nozze di Figaro» hat das Opernhaus Zürich einen der Höhepunkte der vergangen Intendanz wieder im Spielplan. Die Produktion überzeugt unvermindert.

Foto © Herwig Prammer
Zu Jan Philipp Glogers Inszenierung gibt es wenig Neues zu berichten: Ihm ist eine überzeugende Aktualisierung gelungen. Gloger lässt seine Inszenierung in einer herrschaftlichen Villa der Gegenwart spielen und ersetzt des Grafen Bestreben das «Ius Primae Noctis» wieder einzuführen durch einen «Verhaltenskodex neu und verbindlich für alle». Noch vor Beginn der Aufführung wird dieser Verhaltenskodex am Portal eingeblendet und der Graf und Basilio nehmen erste Änderungen vor. Den Bock zum Gärtner macht der von Figaro schon am Anfang als Gräflein verspottete Almaviva («Se vuol ballare Signor Contino» – «Will einst das Gräflein ein Tänzchen wagen»), wenn er, nach der Streichung des Passus «Führungskräfte wahren körperliche Distanz zu allen Untergebenen» sich selbst zur Ansprechperson in Sachen sexueller Belästigung bestimmt. Gloger gelingt es perfekt die schon in Beaumarchais’ Stück («La folle journée ou Le mariage de Figaro») angelegte Instabilität der Verhältnisse, die die Figuren permanent in Überforderungszuständen festhält und den Tag, den das Stück beschreibt so zum tollen, zum verwirrten und verwirrenden, Tag macht, ohne Verlust an Plausibilität in die Gegenwart zu transferieren. Die Personifizierung dieser Instabilität ist der Page Cherubino, der zu Beginn noch ausserhalb der gesellschaftlichen Verhältnisse, und damit auch der Instabilität, steht: «Non so più cosa son, cosa faccio, or di foco, ora sono di ghiaccio» («Ich weiss nicht mehr, wer ich bin, was ich tue, mal bin ich von Feuer, mal bin ich von Eis»). So wie sich im Laufe des Stücks die Verhältnisse sich immer mehr angleichen, bis die Triebe im vierten Akt gemeinsam im Estrich ausgelebt werden, wird Cherubino wird dem Grafen immer ähnlicher. Den Ort der Handlung, die herrschaftliche Villa, hat Ben Baur (Bühnenbild) mit viel Liebe zum Detail entworfen, die diskreten Kostüme Karin Jud und das setzt Martin Gebhardt ins richtige Licht.
Für die dritte Wiederaufnahme der Produktion hat Pierre Dumoussaud die musikalische Leitung übernommen. Im hochgefahrenen Orchestergraben animiert der designierte Musikdirektor des Opéra Orchestre Normandie Rouen das Orchester der Oper Zürich zu animiertem, beseeltem, rhythmisch präzisem Spiel, das mit austariertem Wohlklang begeistert. Nicht minder überzeugend gelingen die Auftritte des von Ernst Raffelsberger einstudierten Chors der Oper Zürich.
Stéphane Degout gibt den Conte di Almaviva mit noblem, kernig-markantem Bariton und guter Bühnenpräsenz. Nach kurzen Anlauf-Schwierigkeiten gibt Rollendebütantin Jeanine De Bique mit rundem, vollen, voluminösem Sopran eine auch szenisch überzeugende Contessa di Almaviva und bestätigt den positiven Eindruck, den sie am Haus (George Benjamins «Lessons in Love and Violence») und im St.Galler «Giulio Cesare» hinterlassen hat. Bass-Bariton Andrew Moore erweist sich einmal mehr als grosse Stütze des Ensembles und gibt den perfekten Figaro, der das Regiekonzept bis ins letzte Detail verinnerlicht hat und mit überragender Bühnenpräsenz überzeugt. Die Stimme ist perfekt fokussiert und herrlich agil geführt. Nach nicht ganz idealem Start überzeugt Sandra Hamaoui als quirlige Susanna mit guter Bühnenpräsenz. Die Stimme klingt klar und zeigt sich höhensicher und so kann sie als Susanna glaubwürdig die Fäden ziehen und den Männern eine gehörige Lektion erteilen. Die Rolle des Cherubino mit Ema Nikolovska zu besetzen, ist eine diskussionswürdige Entscheidung der zuständigen Stellen. Die in den einschlägigen Quellen durchwegs als Mezzosopran beschriebene Stimme ist so hoch gelagert und so timbriert, dass diese Zuschreibung an diesem Abend nicht wirklich schlüssig erscheint, denn die Stimme klingt der einer Susanna zum Verwechseln ähnlich. Zudem passt die zurückhaltende Bühnenpräsenz, ob der Inszenierung geschuldet oder nicht, nur bedingt zum werdenden Jüngling, der ohne Grenzen allem Weiblichen nachstellt. Die erste Arie des Cherubino («Non so più cosa son, cosa faccio, or di foco, ora sono di ghiaccio»/«Ich weiss nicht mehr, wer ich bin, was ich tue, mal bin ich von Feuer, mal bin ich von Eis») beschreibt ja anschaulich sein Hin- und hergerissen-Sein zwischen Feuer und Eis. Das Rollenporträt kippt im konkreten Fall aber zu sehr auf die Seite der Unsicherheit. Musikalisch gelingt Nikolovska ihr Rollendebut tadellos: Die Stimme ist gut fokussiert, höhensicher und wohlklingend. Liliana Nikiteanu als Marcellina und Miklós Sebestyén beim Rollendebüt als Bartolo überzeugen mit sauber geführten Stimmen, grosser Erfahrung und guter Bühnenpräsenz. Nathan Haller gibt mit klar fokussiertem Tenor einen zum szenischen Outrieren gezwungenen Basilio. Martin Zysset, langjährige Stütze des Zürcher Ensembles, kann als Don Curzio sein komisches Talent voll ausspielen. Max Bell und Marie Lombard, Mitglieder des Internationalen Opernstudios, als Gärtner Antonio und dessen Tochter Barbarina sowie Eugenia Parrilla und Yanick Wyler als Tango-Tänzer ergänzen das überzeugende Ensemble.
Mozart geht immer!
Weitere Aufführungen:
Do. 29. Jan. 2026, 19.00; So. 01. Feb. 2026, 19.30; Do. 05. Feb. 2026, 19.00; Sa. 07. Feb. 2026, 19.00;
Di. 10. Feb. 2026, 19.00; Sa. 14. Feb. 2026, 19.00.
27.01.2026, Jan Krobot/Zürich

