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ZÜRICH/ Opernhaus: LE COMTE ORY – Die Geschichte vom weisen Eremiten

15.01.2022 | Oper international

Gioacchino Rossini: Le Comte Ory • Opernhaus Zürich • Vorstellung: 14.01.2022

 (4. Vorstellung • Wiederaufnahme am 31.12.2021)

Die Geschichte vom weisen Eremiten

Die aktuelle Serie von Rossinis «Le comte Ory» ist ein Musterbeispiel für eine hochmusikalische Inszenierung (Moshe Leiser und Patrice Caurier), die «trotz Modernisierung» ohne Einschränkungen voll und ganz dem Werk dient. Eine gut geprobte Inszenierung wie diese bringt das Publikum auch in Stimmung, wenn das Haus eher mässig besetzt ist.

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Vom Pagen Isolier beobachtet empfängt der Eremit (Le comte Ory) La comtesse Adèle; Foto © Toni Suter

Die sorgfältig-liebevolle Inszenierung beginnt schon mit dem Schrei des gallischen Hahns, bevor sich der Vorhang hebt. Die erste Szene, als Orys Freund Raimbaud die Mädchen des Dorfes zur «Audienz» des Eremiten ruft («Jouvencelles, venez vite!»), schafft dann die Stimmung der zeitlichen Verlegung auf der Bühne. Auguste Cavalca hat für die Chorzuzüger und den Zusatzchor der Oper Zürich, die stimmprächtig in grossartiger Spiellaune agieren, Kostüme geschaffen, die aufs herrlichste ein Dorf der späten Fünfziger und frühen Sechziger illustrieren: von den Mädchen jeglichen Alters ist über den Bäcker, Metzger, Briefträger und Polizisten die ganze Dorfgemeinschaft vertreten. Christian Fenouillats Bühnenbild zeigt die Dorfstrasse mit Kirche und Schloss, die das Dorf überragen: eine Szenerie, wie man sie aus Tour de France-Übertragungen kennt. Im Vordergrund, an einem Flussufer zu dem eine hölzerne Treppe als Showtreppe hinabführt, hat Ory mit seinem nicht mehr ganz taufrischen Wohnwagen Station gemacht. Oliver Widmer als Orys Freund Raimbaud übernimmt die Organisation der «Audienz». In Sorge um die Gräfin hat sich deren Gesellschafterin Ragonde (mit kurzen Startschwierigkeiten Liliana Nikiteanu) unter die Dorfbevölkerung gemischt. In Orys Auftrittsarie «Que les destins prospères» wird die grosse Musikalität der Regisseure und die genaue Probenarbeit deutlich: Edgardo Rocha als Comte Ory setzt, blendend bei Stimme, die Intentionen der Regie, die ganz genau auf die Musik hört, kongenial ins szenische Spiel um. Leiser und Caurier haben die Inszenierung in die Zeit der Algerienkriege verlegt und so treten der Gouverneur, Erzieher Orys, und Isolier, Page Orys, im Jeep und Uniform auf. Rebeca Olvera war schon in der Premiere der Page Isolier und interpretiert ihre Rolle mit sichtbarem Vergnügen. Die Stimme sitzt weiterhin hervorragend und so wird ihr Auftritt zum akustischen wie optischen Vergnügen. Die Entdeckung der Produktion (die sich aber schon in vorherigen Auftritten wie Donizettis «Viva la Mamma!» angedeutet hat) ist Andrew Moore aus dem Internationalen Opernstudio. Mit kräftigem, bestens gepflegten Bassbariton gibt er den Gouverneur und spielt die Rolle quicklebendig und mit einer Würde, als habe er schon Jahrzehnte Bühnenerfahrung. Brenda Raes Comtesse Adèle ist eine soweit als damals möglich moderne Frau und fährt einen himmelblauen 2CV. Nachdem der Eremit die Mädchen des Dorfes zur Audienz empfangen hat und sie von Raimbaud die vergessenen Wäschestücke zurückerhalten haben, ist die Gräfin mit einer Einzel-Audienz an der Reihe. Da die Front des Wohnwagens aufklappbar ist, kann das Publikum die Audienz mitverfolgen und erleben, wie Rae und Rocha szenisch und musikalisch einen ersten Höhepunkt des Abends gestalten. Die Coryphées Bożena Bujnicka, Freya Apffelstaedt, Luis Magallanes, Benjamin Molonfalean und Ilya Altukhov treten im Pezzo concertato im Finale des ersten Akts als Doppelgänger Ragondes und Isoliers auf.

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Foto © Toni Suter

Auch im zweiten Akt gibt es als Ergebnis der liebevollen Inszenierung viel zu beobachten. Herrlich wie der Damenchor und Adèle, schon fertig für die Nachtruhe beim Abend-Tee erst von einem Gewitter und dann von 14 schutzsuchenden Nonnen aufgeschreckt werden. Hat der verkleidete Ory die Unterkunft für sich und seine 13 «Schwestern» erschlichen, plündern sie erstmal vergnügt den Weinkeller des im Krieg befindlichen Schlossherren. Das Vergnügen geht ungebremst weiter und kulminiert im Terzett „A la faveur de cette nuit obscure“, als klar ist, dass Ory die Gräfin verführen will. Isolier verkleidet sich als Adèle und wird von seinem Herrn «verführt». Isolier selbst bedrängt die Gräfin, die er im Glauben lässt, es sei Ory, der dazu Gange ist. Fanfaren kündigen die Heimkehr der Kriegsteilnehmer an: Isolier gibt sich seinem Herrn zu erkennen und muss mit diesem, gedemütigt das Schloss durch einen Geheimgang verlassen. Die Freude über die Rückkehr der Männer ist gross und wird gleich ausgelebt – auch wenn diese vom Kampf übel zugerichtet sind und wohl noch einige Zeit daran zu kauen haben werden.

Die Philharmonia Zürich spielt unter Leitung von Victorien Vanoosten einen wahrhaft prickelnden Rossini von grandiosem Schönklang. Ein besonderes Lob geht an diesem Abend an die Holzbläser.

Pures Vergnügen!!!

Weitere Aufführungen: 16.01.2022, 20.00 und 20.01.2022, 19.00.

15.01.2021, Jan Krobot/Zürich

 

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