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ZÜRICH/ Opernhaus: LAKMÉ von Léo Delibes. konzerttant/ 2. Vorstellung

09.04.2023 | Oper international

Léo Delibes: Lakmé • Opernhaus Zürich • Konzertante Vorstellung: 08.04.2023

(2. Vorstellung • Premiere am 02.04.2023)

«Die Geschichte von der kleinen verliebten Göttin im Hindu-Tempel»

Im Umfeld der Premiere von Charles Gounods «Roméo et Juliette» spielt das Opernhaus Zürich drei konzertante Aufführungen von Léo Delibes «Lakmé». Von der Oper, die einst für kurze Zeit erfolgreicher als Bizets «Carmen» war, ist heute nur noch das «Blumenduett» bekannt.

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Foto © Toni Suter

Delibes «Lakmé» wurde gut acht Jahre nach Bizets «Carmen» (Urfassung), am 14. April 1883, in der Opéra comique uraufgeführt. Wie auch die Urfassung der «Carmen» (sogenannte Dialogfassung) gehört «Lakmé» zu einer Zwischenform, die Stilmerkmale der Opéra Comique wie der Grand Opéra vereinigt. Beiden Partituren hatten von der Opéra comique die strophischen Arienformen mit Refrains und Couplets, die durch gesprochene Dialoge verbunden waren, übernommen, hatten sich dann aber weit von der für die Opéra comique typischen «Unterhaltung für den einfachen Mann» und der Tradition, dass auch Schauspieler die musikalischen Nummern bewältigen konnten, entfernt.

Der Erfolg der «Carmen» und der Nichterfolg der «Lakmé» wird gerne mit der der «Lakmé» fehlenden stringenten Dramaturgie erklärt. Ist dem wirklich so? Der Partitur wird vorgeworfen, die psychologischen Konflikte seien kaum ausgeführt, da sich Delibes Musik nicht eigne, widerstreitende Gefühle auszudrücken. Die Gesangsmelodien seien aber von seltenem Reiz. Der Journalist und Übersetzer Achille de Lauzières sprach in einer Kritik der Uraufführung von einer „orientalischen Idylle, die als Elegie endet, oder, wenn Sie das vorziehen, von einem kleinen Drama in drei Liebesduetten“.

Bei der Beurteilung einer Oper gilt es immer zu berücksichtigen, unter welchen Umständen und für welches Publikum sie entstand. «Lakmé» hat, auch wenn sie zur Zwischenform zu zählen ist, noch enge Verbindungen zur Opéra Comique. Die gedruckte Partitur wies sie als Opéra aus, alle anderen Quellen sprachen aber von einer Opéra comique. Dafür spricht auch, dass die Uraufführung gesprochene Dialoge enthielt. Während die Engländer sich mit dem gesprochenen Wort abmühen mussten, war den Indern der noble Ton der Grossen Oper vorbehalten. Die wohl auf Betreiben von Leon Carvalho (Opéra Comique) vom Komponisten nachkomponierten Rezitative nivellierten diese Unterscheidung. Die enormen sängerischen Anforderungen, die die Rolle der Lakmé stellt, unterscheidet sie als Tochter der Götter damit explizit von den übrigen Figuren. Delibes hatte den Auftrag zu «Lakmé» von Carvalho erhalten, da der die junge Sängerin Marie van Zandt (1858-1919) damit als neuen Star der Opéra Comique etablieren wollte. Entsprechend war ihr die Titelrolle «in die Kehle komponiert». Die Gesangsmelodien der übrigen Rollen sind, wie natürlich auch die Lakmés, geprägt durch Delibes Ästhetik des Ornaments «von seltenem Reiz», denn an der Opéra comique stand klar die Unterhaltung im Vordergrund. Das Vorbild von Leilas Blumentod findet sich in Meyerbeers Grand Opera «Vasco da Gama» («L’Africaine»): Dort suizidiert sich die Hauptfigur Selica, indem sie sich unter einen Manzanillobaum legt und dessen Duft einatmet. So bezeichneten zeitgenössische Kritiker Lakmé als die «kleine Schwester» Selicas. Ganz so, wie die Opéra comique als kleine Schwester der Grand opéra angesehen wurde.

Wie in «Carmen» und später in Puccinis «Madama Butterfly» (ebenfalls inspiriert durch ein Erzählung von Pierre Loti) hat das Exotische in «Lakmé» ganz spezifische Funktion: es dient dazu auf die Bühne zu bringen, was im Rahmen heimatlicher Gefilde nicht möglich wäre. Gérald kann, selbst als Engländer, auf der Bühne nur so sündigen, wenn das ganze fernab der Heimat geschieht. Schuld ist, man fast sagen «natürlich», immer nur die Frau, die ihn verführt (No. 18 – Scène «Vivant!»: «Je subis le pouvoir d’une enchanteresse» / «Ich unterliege einer Zauberin»). Und sein Offiziers-Kollege Frédéric bemüht den ganzen Kanon der Vorurteile und ist sich von Anfang an des Unrechts bewusst, das sie begehen (No 3 – Quintette et couplets «Quand une femme est si jolie»: «Nous commettons un sacrilège» / «Wir begehen ein Sakrileg»), was Gérald aber nicht weiter kümmert («Qu’importe à des soldats!» / «Was kümmerts den Soldaten»). Man stelle sich vor, der englische Offizier würde die Tochter eines Franzosen vergewaltigen (das steht hinter seinem Eindringen in den Zaubergarten) und dann einfach sitzen lassen.

Ein weiteres Detail im Vergleich mit der nur acht Jahre älteren «Carmen» ist, dass «Lakmé» in der Gegenwart spielt. So atmet sie in Kombination mit dem Exotismus den Ungeist des Kolonialismus. Die Geschichte von der Ehe auf Zeit und der Einführung einer Jungfrau in die Liebe (Lakmé lernt die Liebe erst durch Gérald kennen) wird zum vergnüglichen Männertraum und Mann kann zu Hause noch davon träumen, wenn die eigene «züchtige» Frau die Kinder ins Bett bringt und ein Glas Rotwein reicht. Gerade im Zeitalter des Nationalismus steht die eigene Nation und Kultur über allen anderen. Man stelle sich nun vor, auf der Bühne wäre der französische Kolonialismus in Frage gestellt und ein französischer Offizier als Wüstling gezeigt worden.

Léo Delibes «Lakmé» hat keine Dramaturgie, die heutigen Seh- und Hörgewohnheiten, der schon fast pathologischen Vorliebe des Regietheaters für Psychologisierung entspricht. Aber wie sollte das eine 1883 uraufgeführte Oper auch können? Nicht zuletzt der Erfolg der Lakmé zeigt, dass die Unterhaltung durch den durch den eigenen Kolonialismus und die Pariser Weltausstellungen populär gewordene Exotismus, der frivole Männertraum (die, wie es ein Freund von Delibes formulierte, «Geschichte von der kleinen verliebten Göttin im Hindu-Tempel») und die Thematisierung des politisch aktuellen Thema des Imperialismus funktioniert hat. Und Leon Carvalho konnte mit «Lakmé» Marie van Zandt erfolgreich als neuen Star der Opéra comique etablieren. «Lakmé» hat durchaus eine Dramaturgie. Man muss nur genau hinschauen.

Ist man bereit, sich der heutigen Seh- und Hörgewohnheiten bewusst zu werden, und das Libretto ohne Vorurteile zu lesen, lässt sich feststellen, dass der Oper sehr wohl eine Dramaturgie zu Grunde liegt. Nur nicht eine, die vielleicht nicht en vogue ist.

In musikalischer Hinsicht ist der Abend eine Sternstunde der im deutschen Sprachraum viel zu selten gespielten französischen Oper jenseits von Carmen, Hoffmann und Faust. Alexander Joel animiert die Philharmonia Zürich mit präzisen Akzenten und seinem umsichtigen, intensiven Dirigat zu wunderbar duftig-luftigem Spiel. Mit bestens abgestuften Lautstärken und Tempi trägt Joel die Solisten durch den Abend. Für die Qualität von Delibes Musik wie auch der konkreten Aufführung steht, dass schon während dem Vorspiel das von der Musik ausgelöste Kopfkino beginnt. Beim ersten Mal kommen nur die exotischen Bilder, beim zweiten Hören erkennt man bereits die zitierten Motive aus der Oper. Der Chor der Oper Zürich (Choreinstudierung: Janko Kastelic) überzeugt mit kompaktem, sattem Klang.

Edgardo Rocha gibt den englischer Offizier Gérald mit viel Sentiment und tadellos geführtem, hellen Tenor, Björn Bürger seinen Offiziers-Kollege Frédéric mit virilem Charakter-Bariton. Philippe Sly singt den Brahmanenpriester Nilakantha mit leicht dramatischem, herrlich kernigem Bassbariton. Sabine Devieilhe ist an diesem Abend als Lakmé, Tochter Nilakanthas, noch ein wenig besser disponiert als in der Premiere. Ansonsten gilt, was schon zur Premiere gesagt wurde: Ihre Stimme nimmt schon bei ihrem ersten Auftritt, als sie noch gar nicht auf der Bühne steht, gefangen und lässt den Zuhörer bis zum bitteren Ende nicht mehr los. Die Stimme trägt hervorragend, ihre berückend zarten Piani ihrer glockenreinen Stimme sind bis in den letzten Winkel des Hauses vernehmbar. Mit ihrer enormen Bühnenpräsenz vermag Devieilhe auch in den leidenschaftlich-dramatischen Szenen zu reüssieren, ohne dass die Stimme je scharf oder forciert klingen würde. Devieilhe gibt die Glöckchenarie mit traumhafter Sicherheit und (in jeglicher Hinsicht) kaum in Worten zu fassender Virtuosität. Devieilhe ist Lakmé: selten ist die Zartheit, Zerbrechlichkeit einer Figur so intensiv dargestellt zu erleben. Siena Licht Miller als Mallika, Begleiterin Lakmés, trifft den französischen Ton hervorragend und harmoniert im Blumenduett mit Devieilhe aufs Beste. Saveliy Andreev als Nilakanthas Diener Hadji, Sandra Hamaoui als Geralds Verlobte Ellen, Bożena Bujnicka als ihre Cousine Rose und Irène Friedli als deren Erzieherin Mistress Benson ergänzen das phantastische Ensemble.

Eine erneute Sternstunde!

Weitere Aufführung: 15.04.2023, 19.00.

08.04.2023, Jan Krobot/Zürich

 

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