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ZÜRICH/ Opernhaus: LAKMÉ – Derniere

16.04.2023 | Oper international

Léo Delibes: Lakmé • Opernhaus Zürich • Derniere: 15.04.2023

(3. Vorstellung • Premiere am 02.04.2023)

Das Libretto lesen, dem Werk mit gesundem Respekt begegnen und tradierte Vorurteile weglassen

Mit Delibes «Lakmé» ist eine weitere Produktion der an Höhepunkten reichen Saison am Opernhaus Zürich abgespielt. Noch einmal kann das ausverkaufte Haus in den Klängen Delibes schwelgen.

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Foto © Toni Suter

Mochte «Lakmé» auch zu mehr oder weniger frivolen Vergnügungszwecken entstanden sein, so versteckt sich hinter dem opulenten, damals populär gewordenen Exotismus eine Dramaturgie und ein politisch aktuelles Thema. Mag der Name auch ein anderer sein, so hat sich an den gezeigten Verhaltensweisen nicht unbedingt viel geändert. (Dazu ausführlich die Kritik zur zweiten Vorstellung). Wie bei jeder anderen Oper auch, lohnt es sich, das Libretto zu lesen, dem Werk mit gesundem Respekt zu begegnen und tradierte Vorurteile beiseitezulassen.

Unter der musikalischen Leitung von Alexander Joel wird auch dieser Abend wieder eine Sternstunde der (französischen) Oper. Die Philharmonia Zürich kommt mit der aktiven, manchmal fast tänzerischen Schlagtechnik Joels besten zurecht und folgt im hoch konzentriert. Joel koordiniert Chor, Orchester und Solisten zu Höchstleistungen und erreicht feinste Abstufungen von zartesten Piani bis zu mächtigen Forti. Selten hat man so samtig weich Streicher und so klare Bläser gehört. Der Chor der Oper Zürich, einstudiert von Janko Kastelic, fügt sich nahtlos in das phantastische Klangbild des Abends ein.

Edgardo Rocha gibt den Gérald mit viel Schmelz und Sentiment und wunderbar hellem, höhensicheren Tenor. Björn Bürger singt Géralds Offizierskollegen Frédéric, der ihn wieder auf den «rechten» soldatischen Weg zurückbringt. Philippe Slys markanter Bariton verleiht seinem Brahmanenpriester Nilakantha die der Rolle entsprechende Autorität. Eine bessere Interpretation der Lakmé als jene von Sabine Devieilhe ist momentan nicht denkbar. Devieilhe ist Lakmé: selten ist die Zartheit, Zerbrechlichkeit einer Figur so intensiv dargestellt zu erleben. Ihre Stimme nimmt schon bei ihrem ersten Auftritt, als sie noch gar nicht auf der Bühne steht, gefangen und lässt den Zuhörer bis zum bitteren Ende nicht mehr los. Die Stimme trägt hervorragend, ihre berückend zarten Piani ihrer glockenreinen Stimme sind bis in den letzten Winkel des Hauses vernehmbar. Im Blumenduett harmoniert die Stimme bestens mit dem Mezzosopran von Siena Licht Miller (Lakmés Begleiterin Mallika), so dass hier bereits ein erster Höhepunkt erreicht ist. Mit ihrer enormen Bühnenpräsenz vermag Devieilhe auch in den leidenschaftlich-dramatischen Szenen zu reüssieren, ohne dass die Stimme je scharf oder forciert klingen würde. Und dann: Die Glöckchenarie. Es ist wieder einer der Momente, wo der Verkehr ausserhalb des Theaters hörbar wird, im Haus eine absolute Stille herrscht. Devieilhe gibt die Glöckchenarie mit traumhafter Sicherheit und (in jeglicher Hinsicht) kaum in Worten zu fassender Virtuosität. Und dann bricht der Begeisterungsorkan des Publikums los. Und als Devieilhe zum Schlussapplaus auf die Bühne kommt, erhebt sich das Publikum. Sofort und quasi vollständig. Saveliy Andreev gibt mit frischem, jugendlichem Tenor Nilakanthas Diener Hadji. Sandra Hamaoui als Geralds Verlobte Ellen, Bożena Bujnicka als deren Cousine Rose und Irène Friedli als deren Erzieherin Mistress Benson ergänzen als Trio englischer Damen das Ensemble.

Eine weitere Sternstunde der französischen Oper.

Keine weiteren Aufführungen.

16.04.2023, Jan Krobot/Zürich

 

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