27.9. 2026: OPERNHAUS ZÜRICH LA RONDINE

1917 fand die Uraufführung der commedia lirica La Rondine, die eigentlich für Wien geplant war, in Monte Carlo statt. Im Gegensatz zu vielen anderen der Bühnenwerke Puccinis blieb ihr in den folgenden Jahrzehnten der ganz große Erfolg versagt. In La Rondine ist Magda die Hauptdarstellerin, sie ist eine Ausformung eines in französischen Landen offenkundig häufig vorkommenden Frauentypus, der sich zwischen der (armen) Liebe und dem reichen Mätressentum entscheiden muss. Die Geschichte Magdas geht anders als für ihre Schwestern Manon, Violetta und Mimì nicht letal aus, einzig das gebrochene Herz ihres Bühnenliebhabers Ruggero, den sie verlässt, weil sie davor ein unmoralisches Leben als Geliebte des reichen Bankiers Rambaldo geführt hat und diesen Umstand gesteht, bleibt zu vermelden. In Paris und an der Riviera spielt das Stück, vom Setting her also die besten Voraussetzungen. Nur: die Musik will nicht so richtig anspringen. Einzig Dorettas Traum, die Arie der Magda aus dem ersten Akt, hat sich auf den Arien-CDs der großen Sopranistinnen gehalten, und auch diese plätschert wie das gesamte Stück recht ordentlich – aber nicht mehr – vor sich hin. Im zweiten Akt gibt es schöne Chorszenen, der dritte Aufzug ist mehr oder weniger ganz der finalen Konfrontation der beiden Liebenden gewidmet. Da schwingen sich schon feine rührselige Melodien auf, da entsteht schon Leidenschaft, aber alles in allem kratzt die Musik nur an der Oberfläche.
Trotzdem ist es natürlich eine gute Sache, wenn sich so ein wichtiges Opernhaus wie Zürich dieses Werkes annimmt – natürlich nur, wenn ein außerordentliches Leading Team samt erstklassigem Cast zur Verfügung steht:
Chistof Loy (Bühnenbild: Étienne Pluss, Kostüme: Barbara Drohsin) hat seine übliche ästhetische Welt der Räume geschaffen, schlanke klare Formen, elegante Kostüme der 1950er Jahre, setzt die Personen gekonnt zueinander in Beziehung und lässt in jeder Szene hinlänglich Aktion aufkommen. Selbstverständlich nicht ohne psychologische Doppelbödigkeit: Am Ende stellt sich die Geschichte der Madga als Traum heraus.
Marco Armiliato am Pult schafft es – wie immer – aus jedem Orchester das beste herauszuholen, und so klingt das Orchester der Oper Zürich gleichermaßen spannungsgeladen, satt und süßlich, auch die modernen Klänge, die Puccini in seine Partitur verpackt hat, finden prononciert Gehör. Langeweile kommt nie auf, auch der Chor der Oper Zürich weiß sich bei seinem großen Auftritt im zweiten Akt perfekt einzufügen.

Benjamin Bernheim, Ermonela Jaho. Foto: Lukas Link
Wie schon bei der Premiere 2023 ist auch diesmal die albanische Sopranistin Ermonela Jaho als Magda zu erleben: Sie ist es gewohnt, aus Liebe leidende und verzichtende Frauen darzustellen, allenthalben lugen ihre Violetta und Butterfly hervor, nur Magda ist etwas leichtlebiger. Darstellerisch grandios haben sich stimmlich insbesondere in der Tiefe und der tieferen Mittellage kleinere Unschönheiten breit gemacht. Ihre Höhen und ihre Piani sind nach wie vor erstklassig, und sie ist klug genug, die sich hie und da einschleichenden Unsauberkeiten geschickt zu vertuschen.
Von Unsauberkeiten kann bei ihrem Bühnenliebhaber Benjamin Bernheim als Ruggero keine Rede sein. Auf dem Höhepunkt seiner tenoralen Kraft, ausgestattet mit einem hellen, aber doch kernigen Timbre, mit einer Stimme, die er nach Belieben an- und abschwellen lassen kann, berückende Piani wechseln einander mit attackenreichen Ausbrüchen ab. Seine Legatokultur ist erstklassig. Schlicht: Er ist derzeit konkurrenzlos in seinem Fach.
Dass ursprünglich eine Operette ihm Raum gestanden sein soll, ist unter anderem auch daraus ersichtlich, dass es ein „Buffopaar“ gibt, Magdas Dienerin Lisette (Sopran – Soubrette), und der Dichter Prunier (Tenorbuffo), die einander in geheim gehaltener Liebe zugetan sind. Sandra Hamaoui verkörpert mit runder Stimme höhensicher die Lisette, Juan Francisco Gatell mit herbem Timbre ihren Bühnenliebhaber. Gewohnt verlässlich Vladimir Stoyanov als Rambaldo.
Warum nicht einmal ein anderer Puccini?
Sabine Längle

