ZÜRICH / ZÜRCHER OPERNHAUS: LA RONDINE von G.PUCCINI
Schweizerische Erstaufführung / dritte Aufführung am 24.September 2023
In keinem meiner Opernführer der 50er und 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts wird die Handlung der „La Rondine“ präsentiert. Es ist unter dem Komponisten Puccini nur vom Auftragswerk des Carl-Theaters in Wien, vom Misserfolg der Uraufführung 1917 in Monte Carlo, und an dritter Stelle von seinem Sorgenkind, das der Komponist mehrfach bearbeitete, die Rede. Puccini selbst verwahrte sich vehement dagegen, dass sein Werk in die Operetten-„Schublade“ abgelegt wurde. Nun, ganz unschuldig daran ist der Komponist allerdings nicht; denn er hat neben den Hauptdarstellern Magda/ Ruggero mit Lisette/Prunier ein leichtes, „niedriges Paar“ (ebenfalls Sopran/Tenor), wie in einigen Operetten der silbernen Ära, dazu gesellt.
Im Gegensatz zu Frühwerken anderer Komponisten wie Verdi und Wagner, die wenig bis selten aufgeführt werden, weil klar bessere Werke folgten, ist La Rondine zwischen „La Fanciulla del West“ und „Turandot“ entstanden. Puccini schwebte ein Konversationsstück ohne Arien à la „Rosenkavalier“ vor, es sollte jedoch unterhaltsamer sein. Nach der Fanciulla hat der leichte Rondine-Ton jegliche Erwartung der Kritik und des Publikums unterlaufen und irritierte. Das ist wohl der Hauptgrund, warum die Schwalbe nicht abheben konnte. Und mit der unvollendeten „Turandot“ ist Puccini dann zu seinem Erfolgskonzept mit Arien zurückgekehrt.

Ermonela Jaho, Benjamin Bernheim. Foto: Monika Rittershaus
Zur Handlung des wenig bekannten Werks: Magda ist eine Verwandte der Violetta. Die nicht mehr ganz junge Kurtisane wird von Rambaldo gegen Liebesdienste ausgehalten, sie hat sich damit arrangiert. Der Dichter Prunier prophezeit Magda in Akt 1 voll Überschwang das Leben einer Schwalbe, die dem Meer entgegen fliegt … In Akt 2 lernt Magda just in jenem Lokal, in dem sie viele Jahre zuvor eine „amour fou“ mit einem Studenten erlebte, Ruggero kennen. Die Anziehung und die Gefühle sind gegenseitig. Sie träumt sich in die Vergangenheit zurück und will das Liebesglück von damals wiederholen. Für Ruggero, den jungen Mann aus der Provinz, ist es offenbar die erste Liebeserfahrung. Ruggero will Magda in Akt 3 heiraten, Kinder haben, gutbürgerlich nach Konvention eine Familie gründen. Als der Brief Ruggeros Mutter mit der Zustimmung, aber auch dem Glauben verpflichteten Bedingungen eintrifft, muss Magda erkennen, dass sie nicht in dieses Setting passt. Tieftraurig und voller Emotionen gesteht sie Ruggero, dass sie eine Kurtisane ist und entscheidet sich zu Rambaldo in den goldenen Käfig zurückzukehren.
Die Handlung ist auf den zweiten Blick sehr heutig: Wir leben in einer Zeit, in der vieler Menschen Ziel die persönliche Selbstverwirklichung ist. Man möchte etwas nochmals erleben, eine Liebe, eine Stimmung, ein besonders schönes Erlebnis … Und ebenfalls aktuell in feministischer Hinsicht ist die Tatsache, dass Magda, die Frau, den schmerzhaften Entscheid, getrennte Wege zu gehen, fällt. Sie muss einsehen, dass sie den Traum der Vergangenheit nicht zurückholen konnte …
Die Philharmonia Zürich unter Marco Armiliato trifft sowohl den Parlandoton wie die aufrauschenden, dramatischen Passagen, bravo. Der von Ernst Raffelsberger geleitete Chor ist in Akt 2 musikalisch wie darstellerisch sehr präsent und spielfreudig.
Christof Loy inszeniert das Geschehen psychologisch subtil: es gelingt ihm wunderbar, den ersten Rausch der Liebe, später die gegensätzlichen Erwartungen an eine Beziehung von Magda und Ruggero zu zeichnen … und so entwickelt sich die Handlung logisch bis zur Trennung des Paares, ein Drama ohne Tote. Aber das ist nicht alles:
Vladimir Stoyanov mit prächtigem Bariton ist dezent präsent, wird nicht zum Bösewicht und Gegenspieler überzeichnet. Eine Luxusbesetzung für das Wenige, das er zu singen hat. In wichtigen Nebenrollen glänzen Sandra Hamaoui als Lisette mit leichten, runden Spitzentönen.
Und Juan Francisco Gatell, changierend zwischen Spiel- und Charaktertenor, liefert als Poet Prunier ein vielschichtiges Portrait ab. Auch die drei Kurtisanen-Kolleginnen Yuliia Zasimova, Meeta Raval und Siena Licht Miller sind individuell gezeichnet, jede hat ihr eigenes Profil. Die
Künstler der Kleinstrollen und Tänzer seien mit einem Gesamtlob bedacht. Sie fügten sich nahtlos ins Geschehen ein.
Benjamin Bernheim als Ruggero differenziert sowohl im Spiel als auch stimmlich. Als junger Mann aus der Provinz verhält er sich tadellos korrekt, als er im Hause Rambaldos vorspricht. Im
Nachtlokal ist er scheu als er von der Damenwelt umgarnt wird. Und dann setzt sich die verkleidete Magda zu ihm an den Tisch, weil sie von den Stammkunden belästigt wird. Bernheim bringt das alles in leichtem Parlandoton herüber und dreht erst, vom Moment der erwachenden Liebe bis zum bitteren Verlassen werden, auf. Die Rolle verkörpert er überzeugend und sein Tenor spricht in allen Lagen prächtig an. Eine gute Leistung, die aber von einer ausserordentlichen Weltklasse-Performance der Ermonela Jaho in der Hauptrolle der Magda in den Schatten gestellt wird. Ihr Sopran ist wundervollen Pianohöhen fähig, sie kann messa di voce, sie beherrscht parlando, sie kann bruchlos ins forte aufdrehen. Die stimme sitzt technisch perfekt von oben nach unten und zurück. Und was sie in diesem Werk fast ohne Action, aber mit umso mehr zwischenmenschlichen Emotionen schauspielerisch abliefert, prädestiniert sie zur „Sängerin des Jahres“.
Ihre Leistung ist aber auch Christof Loy’s Verdienst, ein Regisseur, der ganz ohne die aktuell boomenden, ärgerlichen Regie-Mätzchen auskommt. Und damit schliesst sich der Kreis und ich ziehe mein Fazit:
1) Eine grossartige, restlos überzeugende Produktion des Opernhauses Zürich.
2) Besuchen Sie dieses Werk unvoreingenommen, es ist kein Puccini, wie Sie ihn bisher kannten.
3) Ein bezauberndes Kleinod = une charmante petitesse
Alex Eisinger

