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ZÜRICH/ Opernhaus: LA DAMNATION DE FAUST. Konzertante Aufführung. Premiere

11.05.2026 | Oper international

Hector Berlioz: La Damnation de Faust • Opernhaus Zürich • Premiere: 10.05.2026

Konzertante Aufführung

Ein Erlebnis, das kaum in Worte zu fassen ist

Mit «Manon» (Massenet), «Carmen» (Bizet), «Werther» (Massenet), «Requiem pour Ophélie» (Werke von Hector Berlioz, Ambroise Thomas und Gabriel Fauré), «Samson et Dalila» (Saint-Saëns) und «Roméo et Juliette» (Gounod) hat die französische Oper in der Intendanz von Matthias Schulz (Saisons 2025-2026 und 2026-2027) erfreulich starke und damit die ihr gebührende Bedeutung erhalten. Das Opernhaus Zürich ist dabei lange Versäumtes aufzuholen, und die konzertante Aufführung von «La Damnation de Faust» ist die strahlende Krönung dieses Bestrebens.

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Foto © Toni Suter

Eines der grossen Charakteristika von Hector Berlioz «La Damnation de Faust» ist die bemerkenswerte Vielfalt in ihr versammelten Formen:  Liedartiges, eine blasphemisch gemeinte Choralfuge, programmhafte Naturschilderungen, Instrumentalstücke und Formen der grossen Oper wechseln sich ab. Die Suche nach einer passenden Gattungs-Bezeichnung, zuerst «Opéra den concert» und dann «Opéra-légende», die schliesslich in «Légende dramatique» mündet, steht für Berlioz eigene Einordnung als Mischgattung. Auch wenn das Stück einzelne opernhafte Elemente aufweist, hat es keine «echte» Opern-Dramaturgie. So war auch nicht direkt ein Textbuch der Ausgangspunkt, sondern sein Orchesterstück «Huit scènes de Faust» von 1829. Dieses beruht auf der französischen Übersetzung Gérard de Nervals von Goethes «Faust», ist aber die Neufassung des Faust-Mythos, die sich von allen grossen Faust-Vertonungen des 19. Jh. am stärksten unterscheidet. Faust ist hier ein rettungslos einsamer Ästhet und Intellektueller, der am Leben scheitert: die Unfähigkeit gesellschaftlicher Partizipation begründet seinen «ennui». Die Stärke von «La Damnation de Faust» liegt in der musikalischen Suggestion der Sphäre des Phantastischen, also gerade den Szenen, die einer sprachlichen Vergegenwärtigung nur schwer zugänglich sind, wie dem Höllenritt, dem Chor der Höllengeister oder Apotheose Marguerites. Nach der zweimalige konzertanten Uraufführung (6. und 12. Dezember 1846, Opéra comique, Paris) wurde das Werk zu Lebzeiten Berlioz in Frankreich nicht mehr, aber mit durchaus achtbarem Erfolg im Ausland, aufgeführt. Die erwähnten, opernhaften Elemente legten schon im 19. Jahrhundert eine szenische Aufführung nahe, die am 18. Februar 1893 als erster Meilenstein der Intendanz (1892-1951) von Raoul Samuel Gunsbourg an der Opéra Monaco erfolgte und sowohl eine Berlioz-Renaissance wie die grosse Zeit des Grand Théâtre de Monte Carlo einleitete. Bereits ab der Wiederaufnahme im Jahr 1895 erfolgten, wie auch bei anderen gegen im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts entstandenen französischen Opern, deutliche Eingriffe in Form textlicher wie musikalischer Eingriffe, so die Erweiterung auf fünf Akte, ein stärkerer Einbezug der Faust-Übersetzung de Nervals oder neue Aktschlüsse.

Spätestens seit der szenischen Uraufführung im Jahre 1893 stellt sich also die Frage, ob man «La Damnation de Faust» szenisch oder konzertant aufführen will. Auch hier gilt: Können tut man Vieles, müssen aber noch lange nicht. Yves Abel (Musikalische Leitung) macht mit dem Orchester der Oper Zürich, den Chören (Chor der Oper Zürich und SoprAlti der Oper Zürich) und den Solisten direkt klar, dass «La Damnation» keiner Szene bedarf. Unter diesen Bedingungen wird klar, dass eine Szene zu viel wäre, nur vom Reichtum der Komposition, der Musik, die, so der Dirigent John Nelson, in ihrer Vielfalt ihresgleichen sucht, ablenken würde. Und das wäre gerade bei einer Aufführung auf diesem hohen Niveau jammerschade, denn eine Szene würde die Phantasie des Zuschauers auf eine Sichtweise beschränken. Gleich im Ersten Teil zeigt das Orchester der Oper Zürich seine musikalische Meisterschaft, entführt den Zuhörer mit klanglicher Raffinesse und beseeltem Spiel in die Ebenen Ungarns («Plaines de Hongrie») und lässt ihn den Sonnenaufgang an einem kühlen Frühlingsmorgen (ganz dem aktuellen Wetter entsprechend) direkt nachvollziehen. Einer der vielen Eindrücke, mit dem das Orchester das Auditorium beglückt ist der, wie «zackig» dieses «klassische Orchester» mit höchster Delikatesse den Rákóczi-Marsch spielt. Die zahlreichen stilistischen Wechsel gelingen perfekt, so überzeugen der Osterhymnus mit würdevoller Getragenheit, der Tanz der Luftgeister («Ballett des Sylphes») mit unglaublicher Zartheit oder das Menuett der Irrlichter («Menuet des follets») mit wunderbar irrlichternder Akkuratesse. Zum einsamen Höhepunkt wird der Vierte Teil mit den klanglichen Gegensätzen der Romanze der Margarethe, Fausts Beschwörung der Natur, dem Höllenritt und Margarethes Apotheose. Es gilt dem Orchester für diese grandiose Leistung ein grosses Lob auszusprechen! Aus den virtuosen solistischen Leistungen sind die Holzbläser und speziell das quälend schöne, weil unerträglich intensive Solo des Englischhorns (Clément Noël) zu Margarethes Romanze «D’amour l’ardente flamme» hervorzuheben.

«La Damnation de Faust» ist auch ein grosses Werk der Chor-Literatur. Mit frühlingsliebenden Bauern, Osterkirchgängern, Studenten in Auerbachs Keller, Gnomen und Sylphen im Dienste Mephistopheles, Soldaten auf dem Weg nach Hause, Irrlichtern, die um Margarethes Haus tanzen, entsetzten Nachbarn, die sich auf der Strasse zusammenrotten, Bauern, die unter einem Kreuz knien, während Mephistopheles und Faust auf zwei schwarzen Pferden zur Hölle galoppieren, Dämonen und verdammten Seelen in der Hölle und schliesslich Engeln, die Margarethe im Himmel willkommen heissen, sind zu verkörpernden Rollen ausgesprochen vielfältig. Treten die Damen und Herren des Chors der Oper Zürich einzeln auf, bleibenden kaum Wünsche offen. Tritt das Kollektiv als Ganzes auf, neigt der Klang «massig» zu werden und die Textverständlichkeit dazu nachzulassen. Die SoprAlti der Oper Zürich treten zur Apotheose von Margarethe im 2. Rang auf und überzeugen, besonders die Solo-Sängerin, mit wunderbar frischen, jungen Stimmen.

Das Quartett der Solisten ist überragend. Stanislav Vorobyov gibt mit souverän geführtem, mächtigem Basso cantante als Méphistophélès ein perfektes Rollendebut. Die Stimme strömt leicht und wunderbar frei. Nicht minder überzeugend der Faust von Saimir Pirgu: Im stehen alle Facetten seines strahlenden Tenors zu Verfügung und er weiss sie sicher und, mit feinen wie kraftvollen Tönen, rundum überzeugend einzusetzen. Amin Ahangaran debütiert erfolgreich als Brander. Tritt Elīna Garanča als Marguerite auf, ist sie wieder da: die absolute, raumgreifende souveräne Gestaltung, die das Haus in absolute Ruhe, totenstilles Staunen versetzt. Selbst der letzte Huster verstummt. Ein Erlebnis, das kaum in Worte zu fassen ist!

Ein grandioses Meer von Klang und Emotion!

Weitere Aufführungen: Do. 14. Mai 2026, 19.30 und So. 17. Mai 2026, 14.00.

12.05.2026, Jan Krobot/Zürich

 

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