Wolfgang Amadeus Mozart: La clemenza di Tito • Opernhaus Zürich • Vorstellung: 26.04.2026
(2. Vorstellung • Premiere am 26.04.2026)
Eine Sternstunde der Mozart-Rezeption
Mit «La clemenza di Tito» bietet das Opernhaus Zürich nicht nur eine Sternstunde des Mozart-Gesangs (das Beste, was in Sachen Mozart seit Jahrzehnten am Opernhaus Zürich zu erleben ist), sondern der Mozart-Oper an sich, denn Szene, Musik und Gesang kommen hier in kaum je erlebter Harmonie auf paradiesisch hohem Niveau zusammen. Allenthalben ist zu lesen, Mozarts Verdienst sei es gewesen (in seinen späten Opern) echte Menschen auf der Bühne gezeigt zu haben: sinnfälliger und intensiver als bei diesem «Tito» dürfte das kaum zu erleben sein.

Foto © Toni Suter
Damiano Michieletto (Inszenierung) verortet die Geschichte um Liebe und Macht in der Gegenwart und geht der Verlockung, diese mit dem aktuellen Zeitgeschehen zu verknüpfen, aus dem Weg. Denn ein Herrscher, dem ein Tempel gewidmet wird (4. Szene des 1. Akts) und an der Via Sacra von Kaiser Domitian einen Triumphbogen erhielt, muss gar nicht genauer gezeichnet werden. Paolo Fantin (Bühnenbild) hat als Rahmen für die Handlung einen schlichten, mit Billig-Furnier im Stile der 70er-Jahre ausgekleideten, variabel zu gestaltenden Raum auf die Drehbühne gestellt. Dieser Raum wird dann zu einem Sitzungszimmer, zum Kontrollraum der Kontrollabteilung, zur Machtzentrale und schliesslich zum Ort einer Hinrichtung. (Die Aussenseite des Raumes dient als «Vorzimmer»). So wird, was auch nicht weiter konkretisiert werden muss, die Ausübung politischer Macht zur Macht über Leben und Tod erweitert. Wenn am Schluss derjenige, der diese Macht ausübt (oder die Ausübung dieser Macht zu verantworten hat), selbst Opfer dieser Macht wird (Publio schüttet die für Sesto bestimmte Giftspritze in Titos Whisky), stösst das mit beklemmender Intensität zum Nachdenken an. Die Aufwertung der Figur des Publio, im Libretto Hauptmann der Prätorianer, zum stillen Konkurrenten des Herrschers, fügt sich stimmig in das Regie-Konzept ein. Michieletto legt den Fokus seiner Regie auf die Figuren und ihre Ambivalenzen, die inneren Konflikte und Spannungen, unter denen sie leiden. Es ist das grosse Verdienst von Michielettos Inszenierung die Figuren als die echten Menschen zu zeigen, die Mozart und sein Librettist Caterino Mazzolà aus dem Seria-Libretto Metastasios entwickelt haben zu zeigen.
Das Ensemble der Solisten setzt dieses Konzept mit tief bewegender Intensität um und verkörpert kongenial die Mozarts «echte Menschen». Pene Pati gibt den Tito mit heller, klarer, kräftiger Stimme, mit lyrischem Grundton, der dramatischer Passagen tadellos bewältigt und verführerischem Timbre. Kurz. Ein idealer Mozart-Tenor. Margaux Poguet gibt eine fulminante Vitellia, glänzt mit dramatischen Ausbrüchen (ohne dabei zu laut und damit schrill zu werden) als gnadenlose Manipulatorin und gestaltet dann, mit sicheren, verführerischen Tiefen und glänzenden Höhen, überzeugend ihre Reue, die Einsicht in ihre Schuld und ihre Wandlung. Bewegender, intensiver, eindrücklicher als Lea Desandre kann man den Sesto nicht geben. Was für eine Stimme! Perfekt geführt und fokussiert steht ihr ein unermessliches Farbspektrum zu Verfügung. Die Stimme fliesst wunderbar frei und lässt sie souverän gestalten. Was für eine Bühnenpräsenz! Ihr sieht man die Zerrissenheit nicht nur an: Man leidet gleich mit. Mit klarem, sauberen Sopran gibt Yewon Han eine überzeugende Servilia und Siena Licht Miller überzeugt mit sauber geführtem Mezzosopran als Annio. Mit kernigem, agilem Bassbariton lässt Andrew Moore die Gefährlichkeit des Publio, seine Machtambitionen, die Tito schliesslich das Leben kosten, unschwer erkennen. Ein solches Mozart-Ensembles muss man erstmal finden können. Ein grosses Kompliment an die Verantwortlichen!
Überragend gelingt an diesem Abend die Leistung des Chors der Oper Zürich (Choreinstudierung: Ernst Raffelsberger). Satter, harmonischer Wohlklang wechselt sich mit phänomenalen Piani ab.
Gleichermassen trägt das Orchestra La Scintilla unter Marc Minkowski zum Eindruck der Sternstunde bei. Mit wunderbar federndem, herrlich sattem und perfekt austariertem Klang wird hier jede Phrase mit aufregenden, neuen Farben illustriert. Es wird herrlich virtuos musiziert, von den satten Streichern, über die luftig leichten Holzbläser (perfekte Solo-Klarinette und Bassetthorn: Robert Pickup) bis hin zu den wunderbar sicheren Hörnern und den majestätischen Trompeten. Kurz: Genialer, inspirierter, substanzreicher kann man Mozarts Partitur nicht spielen.
In dieser Vollkommenheit: Eine Sternstunde der Mozart-Rezeption und Rehabilitierung von Mozarts letzter Oper.
Weitere Aufführungen:
So. 03. Mai 2026, 20.00; Fr. 08. Mai 2026, 18.00; Fr. 15. Mai 2026, 19.00; So. 17. Mai 2026, 20.00;
Mi. 20. Mai 2026, 20.00; Mo. 25. Mai 2026, 19.00.
30.04.2026, Jan Krobot/Zürich

