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ZÜRICH/ Opernhaus: IL PIRATA von V. Bellini. Konzertante Vorstellungen

11.06.2022 | Oper international

Vincenzo Bellini: Il pirata • Opernhaus Zürich • Konzertante Vorstellungen: 06.06.2022 und 10.06.2022

(2. und 3. Vorstellung • Premiere am 01.06.2022)

Von den Schwierigkeiten des Belcanto

Knapp dreissig Jahre nach der szenischen Erstaufführung am Opernhaus Zürich hat Bellinis «Il pirata» wieder den Weg auf den Spielplan gefunden. Der Einsatz für Werke ausserhalb des «Kernrepertoires» ist grundsätzlich zu loben.

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https://www.staatsoper.de/biographien/lungu-irina    Andrew Owens https://osopera.org/cast/andrew-owens/

Das Lob kann aber nur grundsätzlich sein, denn die etwas lieblose, ja auch sorglose Vorbereitung der Aufführungen hat dem so bedeutsamen Werk, das wegen der Schwierigkeit die Tenor-Partie adäquat zu besetzen so selten gespielt wird, nicht wirklich gedient. Die lieblose Vorbereitung beginnt damit, dass dem Werk im Gegensatz zu den anderen Premieren (mit Ausnahme der IOS-Premiere «Il mondo della luna» in Winterthur) für den graphischen Auftritt kein Symbol zugewiesen wurde. Ist die entsprechende Seite im Jahresspielplan noch weiss geblieben, findet sich im Internet-Auftritt dort, wo sonst das Symbol oder ein Produktionsfoto zu sehen ist, nur eine gelbe Fläche. Dieser Eindruck, dass es erst- und zweitklassige Premieren gibt, wird durch das kurze Programmheft, geklammert und nicht wie bei den erstklassigen Premieren gebunden, unterstützt. War es nicht möglich, bei der Generalprobe eine Handvoll Fotos zu schiessen? Trotz der Schwierigkeit die satanisch schwere Tenorpartie zu besetzen, ist es gerade in der Gegenwart, wo wir die Pandemie erfahren, etwas sorglos sich auf einen Star zu verlassen. Bei der letzten Aufführung kommt Bellini einmal mehr Richard Wagner in die Quere: Auf dem Sechseläutenplatz wird die hauseigene Aufnahme des Holländers auf Grossleinwand gezeigt. Und das in einer Lautstärke, die einen Stepptanz von Ordnungsamt und Gesundheitsbehörde hätte erwarten lassen. Die hintersten Reihen im zweiten Rang kommen in der Genuss einer Doppelbeschallung und nach der Vorstellung ist die Musik eine Tramhaltestelle vom Opernhaus entfernt noch immer so laut, dass eine Unterhaltung nur schwierig möglich ist. Immerhin, um diesen Abschnitt mit einer positiven Anmerkung zu beenden, wurde das Stück aufgeführt und hörbar gut geprobt.

Das Dirigat von Iván López-Reynoso leidet darunter, dass er die Akustik des schwachbesetzten Hauses bei Verwendung der Konzertmuschel nicht kennt und, wenn es überhaupt bemerkt wurde, es niemand für nötig befunden hat, ihn darauf hinzuweisen. So herrlich die einzelnen Register der Philharmonia Zürich, besonders die Holzbläser, spielen, so disparat bleibt der Klang. Die Bläser und der Chor der Oper Zürich (Choreinstudierung: Janko Kastelic) klingen über weite Strecken unheimlich knallig (Philharmonia) und grobschlächtig (Chor), während die Streicher im vorderen Teil von diesem Problem verschont bleibt. López-Reynoso gelingt in Zusammenarbeit viele Details der wunderbaren Partitur hörbar zu machen. Zu bemängeln in «Il pirata» sei noch nicht DER Bellini zu hören und eingängige Melodien zu vermissen kommt dem gleich, zu bemängeln, in «Nabucco» sei noch nicht DER Verdi zu hören und es fehlten eingängige Melodien.

Konstantin Shushakov gibt den Ernesto mit viel gutem Willen, aber lautem, gaumigen, wenig elegant geführtem Bariton. Irina Lungu ist schon länger als Ersatz von Albina Shagimuratova als Imogene angekündigt. Sie singt ihre Partie mit einer enormen Dramatik, so enorm, dass ihr in der zweiten Vorstellung in der Wahnsinnsarie die Stimme wegbricht. Weniger wäre mehr: Imogene ist nicht Tosca. Und Imogene erfordert Stil: die Tosca natürlich auch, aber nicht den Gleichen. Andrew Owens ist für das Himmelfahrtskommando, den Gualtiero für den erkrankten Javier Camarena zu übernehmen einfach nur zu bewundern. «Nel furor delle tempeste» und «Per te di vane lagrime» gelingen, allerdings mit weniger Verzierungen von anderen Interpreten gewohnt. Im Verlauf des Abends baut die Stimme dann immer mehr ab, Falsettieren, Markieren und Transponieren nehmen immer stärker zu, bis am zweiten Abend die Stimme wegbricht. Am dritten Abend liess Owens sich dann ansagen. Wegen einer starken allergischen Reaktion. Thomas Erlank gibt Gualtieros Gefährten Itulbo stilsicher mit wohlklingendem Tenor. Stanislav Vorobyov als Goffredo und Irène Friedli als Adele ergänzen das Ensemble.

Keine weiteren Aufführungen.

11.06.2022, Jan Krobot/Zürich

 

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