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ZÜRICH/ Opernhaus: IDOMENEO von W.A.Mozart. «Oh, padre mio!». Premiere

05.02.2018 | Oper

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Copyright: Opernhaus Zürich

Opernhaus Zürich: IDOMENEO – Premiere 4.2. 2018

«Oh, padre mio!».  

Im kollektiven Bewusstsein des Zürcher Opernpublikums sind die regelmässig alle mehr oder weniger 10 Jahre wiederkehrenden Neu-Inszenierungen von Mozarts «Idomeneo» sicherlich gut abgespeichert. Das lässt natürlich Vergleichsmöglichkeiten zu. Zu der ersten legendären Produktionen des Teams Ponnelle/Harnoncourt (1980-1984) gesellte sich ¨später eine zweite Lesart Harnoncourts, dann auch noch eine von Christoph von Dohnanyi (damals noch mit Jonas Kaufmann in der Titelpartie). Zudem besteht «Idomeneo» in zwei Fassungen, wobei für die Realisierung jeweils Misch-Fassungen gewählt werden, was ja nicht unbedingt ein Nachteil ist, wohl aber für Puristen ein Horror. Gemäss Originalbesetzung der ersten Fassung wird in der aktuellen Produktion Idamante von einer Mezzosopranistin dargestellt (Wiener Fassung: Tenor). Erfreulicherweise wird das lange hochdramatische «recitativo accompagnato» im 3. Akt wieder vollständig gegeben. Und diese oder jene Stelle wird eliminiert oder eingesetzt. Hier soll aber kein musikwissenschaftliches Seminar abgehalten werden, sondern die Neuproduktion auf Herz und Nieren geprüft werden.

Jede aktuelle Herangehensweise wird sich mit der Frage beschäftigen müssen, was uns dieses Werk heute noch zu sagen hat. Das vorliegende Libretto für eine Opera seria, als einer «tragédie lyrique» im Sinne einer französischen Oper à la Campra (der übrigens diese Geschichte auch «veropert» hat), hatte sich schon zu Mozarts Lebenszeit als überholt dargestellt, und war von ihm selbst wenig später durch seine Da-Ponte-Trias (Figaro, Giovanni, Cosi) mittels der Komödie bzw. des dramma giocoso zu neuen Ufern geführt worden. Aber Mozart ist nicht umsonst das Genie der Bühne, wenn er nicht der alten Seria-Form mit seiner Musik neues Leben eingehaucht hätte. Die x-fachen «Padre mio!» werden bei Idamante zu Herz zerreissenden Ausrufen seiner Seele. Idamante leidet ebenso wie alle Charaktere dieser Oper, allen voran Idomeneo. In seiner hier auch in Originalform gesungenen «Fuor del mar» (etwa: «In meinem Herzen tobt ein Sturm») verinnerlicht Mozart den äusseren Affekt des Seesturms zu einem Seelengemälde, zur Seelenqual. Jede Arie wird im «Idomeneo» zu einem Seelenporträt!

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Guanqun Yu (Elettra). Copyright: Oper Zürich

Und was macht die Regie? Die holländische Regisseurin Jetszke Mijnssen, zum ersten Mal hier in Zürich, versetzt die Handlung in ein gegenwärtiges Niemandsland. Es findet – wieder einmal – in einer Schuhschachtel (offenbar die heutige Form für einen Bühnenraum) statt, deren Wände erst im letzten Bild den Blick auf einen offenen, schwarzen Hinterraum freigeben. Diesem Bühnenbild (Gideon Davey, Licht: Franck Evin) entsprechend ist das «Personal» in graue Alltagskleider (Dieuweke van Reij) gesteckt worden. Warum ausgerechnet Ilia wie eine coole Chefsekretärin aussieht (mit Haarknoten und in steilen Highheels), ist nicht einsichtig. Dagegen ist Elettra mit Handtasche unterwegs – natürlich auch mit einem Koffer, dem unverzichtbaren Requisit des Regietheaters für eine Abreise!!! –  und in einen eleganten Hosenanzug gekleidet. Dass Idomeneo während der Arie von Arbace von diesem bis auf die Unterhosen (wie peinlich für den Sänger!) ausgezogen und dann in einen Business-Anzug mitsamt Mantel gekleidet wird, ist völlig unnötig. So vertut sich die Regisseurin die besten Absichten mit sinnlosen Einfällen, denn an und für sich ist das Konzept ja nicht schlecht. Unglaubwürdig wird die Geschichte allerdings dann, wenn sich die Kräfte der Natur in einem Sturm entfesseln, weil Idomeneo sein Gelübde nicht halten und seinen Sohn nicht töten will. Auch wird mit der Pistole viel zu viel herumgefuchtelt: sie wirkt als simples Theater-Requisit. Kurzum: Das alles zu wenig schlüssig inszeniert. Es gelingt nicht. die äusseren Vorgänge als innere darzustellen. Während des göttlichen Quartetts «Andrò ramingo…» werden die Tische von den Choristen weggeräumt. Bitte, was soll das? Auch wurde Ilia so geführt, dass sie kaum Empathie beim Publikum entwickeln konnte. Als Idomeneo unter Seelenqualen versucht, seinem Sohn den Kopfschuss zu verabreichen, schaut Ilia schnell herein, bleibt stehen und läuft dann wieder von der Bühne: keine Reaktion, nichts. Wenn man schon eine Strindberg-Bühne mit der Reduktion auf das Wesentliche bringt, dann bitte auch eine ausgefeilte Personenregie! – Die Chorführung ist auch wenig einfallsreich, wenn gleich die Damen und Herren ordentlich singen (Einstudierung: Ernst Raffelsberger). Immerhin, Idomeneo ist doch Mozarts grösste Chor-Oper. Warum wird der Chor nicht vermehrt aktiv in die Handlung einbezogen?

Leider wird die hervorragende, musikalische Seite der Aufführung durch die furios aufspielende «La Scintilla» (mit Continuo: Claudius Herrmann (Cello), Dariusz Mizera (Bass) und Andrea Del Bianco (Cembalo) unter Leitung des engagierten Giovanni Antonini mit dem praktizierten Espressivo-Stil auf der grauen, ereignislosen Bühne nicht eingelöst. Die Tempi sind – mit Ausnahme der «Vedrommi»-Arie, die sehr langsam genommen wird – «normal» gewählt. Die Akzente sind erfreulicherweise nicht willkürlich gesetzt, sondern der musikalischen Linie nachempfunden. Antonini ist den Sängerinnen und Sängern meist ein behutsamer Begleiter. Manchmal will es aber auch scheinen, dass sich diese nach dem Dirigenten richten müssen und in Atemknappheit geraten. Erstaunlich die Chinesin Guanqun Yu als Elettra, die im Solo der Chor-Szene «Placido è il mar» auf ihre exzellente Atemtechnik aufmerksam macht und überhaupt eine vollgültige Leistung erbringt. Sehr gut gelingt ihr die «D’Oreste, Aiace»-Arie», wonach sie von Idomeneo tröstend in die Arme genommen wird. Allerdings vermag sie ebenso wenig Empathie zu erzeugen wie die Ilia der Hanna-Elisabeth Müller, die in der Mittellage wunderschön phrasiert, aber in der Höhe oft «ausbricht» und unangenehme Schärfen hören lässt. Eine ausgewogene Leistung erbringt Anna Stéphany als Idamante (verblüffend die Maske und Einkleidung als junger Mann!), die mit flexiblem Mezzo auch Farben in ihre Gesangslinie einzubringen und auch zu berühren vermag. Joseph Kaiser war als Idomeneo von der Erscheinung mit seiner 1-Meter-90-Grösse schon ein autoritätsheischender König, sang mit lyrisch geführtem, aber gutturalem Tenor nicht besonders farbenreich. In der grossen Arie «Fuor del mar» könnten zudem die Koloraturen durchaus genauer artikuliert sein, auch fehlt es ihm mitunter am dramatischer Stimmkraft. Als Arbace war Airam Hernandez bei seiner Arie in der Tiefe nicht hörbar, überzeugte aber mehr in den dramatischen Szenen des Hohepriesters, mit dem man die Partie des Arbace zusammengelegt hatte. Als «Voce» aus dem Off war Ildo Song zu hören und die vier Troiani waren mit Anna Soranno, Martha Villegas, Tae-Jin Park und Mamuka Tepnadze adäquat besetzt.

Alles in allem: Einmal mehr siegt Mozarts geniale Musik, die wie kaum eine andere die Tiefen der menschlichen Seele derart ausloten konnte. Da gäbe es in dieser Aufführung noch Einiges nachzubessern…

John H. Mueller