GÖTTERDÄMMERUNG/ Opernhaus Zürich
3. Vorstellung am 12. November 2023

Die Nornen-Szene. Copyright: Monika Rittershaus/Oper Zürich
Da nach einer unbewiesenen Meinung langjähriger Opernfreunde die dritte Vorstellung immer zu den besseren bzw. noch besseren gehören soll, startete an einem sonnigen November – Wochenende die nachhaltige Aktion einer Zugsfahrt vom Wienerwald an den Limmat Kai.
Auch die Urenkelin des Meisters , Enkelin seiner unglücklich endenden Lieblingstochter Isolde, DAGNY BEIDLER hatte sich für diese Vorstellung auf die Reise von Winterthur nach Zürich gemacht. Nach der Premiere am 5. November folgten in rascher für Orchester und Ensemble sicher fordernder Abfolge die Vorstellungen, die fünfte jetzt am Freitag 24. November. Für Spätentschlossene gibt es am 3. Dezember, zum Start der Adventszeit noch einmal das Angebot, den dritten Tag des neu inszenierten Bühnenfestspiels “DER RING DES NIBELUNGEN” zu besuchen. Aber sie könnten zu spät kommen . Die letzte Folge der Serie ist seit längerem ausverkauft, nur mehr Restkarten an der Kasse. Im Mai 2024 sind dann zwei vollständige Zyklen der neuen übereinstimmend erfolgreichen Zürcher Tetralogie geplant.
Die Reise war in jeder Hinsicht die richtige Einstimmung. Zum einen war sie lang , noch länger als die vom Opernhaus fürsorglich angekündigten sechs ein halb Stunden der Vorstellung inklusive Pausen.
Bereits am Arlberg war es aber so, als hätte das Stück schon begonnen: Alles weiß , einzelne graue Felsen ragten hervor . Nur führten die Eisenbahnschienen nicht durch eine leicht abgewohnte helle Zimmerflucht, gestaltet von Christian Schmidt, die durch fast pausenlosem Einsatz der Drehbühne Hintergrund und Spielraum für alle Akte bot. Auch die Bäume standen dichter, trotz 1304 m Seehöhe. Den Nornen hingegen wuchs nur eine einzige Zwergkiefer auf ihrem Felsen. Es genügte aber zu eindrücklichen Verflechtungen des weißen Seils. Eine Art Spindel warfen sie einander zu, was zumindest bei einem aufmerksamen Publikum die stete Besorgnis nährte, ob das Fangen und das Singen gleichzeitig gelängen. Schon die erste Herausforderung, vor die Regisseur und Opernintendant Andreas Homoki die Menschen im Saal und das Ensemble auf der Bühne stellte. Aber in Summe konnten sich alle, die zuletzt in Berlin oder auf dem Grünen Hügel gelitten hatten, zumindest optisch beruhigt zurück lehnen. Musikalisch mussten bei dem kleineren Orchestergraben und dem Haus mit nur 1100 Plätzen Abstriche gemacht werden. Erbauer waren übrigens 1890/91 die in der k. und k. Monarchie im Theaterbau meistbeschäftigten Wiener Architekten Fellner und Helmer.
Die Landschaft verschwand, der weiße Raum blieb, mit einem klassischen Doppelbett bereichert :darauf der erste Auftritt des mit Spannung erwarteten und erhofften neuen RING-Traumpaares : Die in Finnland geborene Sopranistin CAMILLA NYLUND in ihrem Rollendebüt als Brünnhilde und der vor allem in Bayreuth zum langjährigen Stammensemble gehörende Wagner- Tenor KLAUS FLORIAN VOGT. Auch für ihn ein Rollendebüt, nachdem er in Zürich schon als Jung Siegfried gestartet war, ein Auftritt den er in Wien als erstem großen Opernhaus wiederholte. Für den nächsten Bayreuther Sommer ist er in beiden Rollen geplant.
Die Wotanstochter hatte sich im Gegensatz zu ihrem Bettgenossen, der eher burschikos cool agierte, in eine elegante Dame verwandelt, mutig in einem so strahlend weißem Wallegewand, dass es das Auge blendete , bis zum Schluss.
Die Farbgebung der Gewandung war überhaupt eher schlicht symbolträchtig. Das so gar nicht herrschaftliche , sondern nur vordergründig aktive Gibichungenpaar LAUREN FAGAN und besonders schmächtig und unsicher DANIEL SCHMUTZHARDT, in rot schwarz. Ihr weißer Saal war mit moderner Ledergarnitur adaptiert. Hagen natürlich schwarz – von Kopf mit langer strähniger Haarpracht bis Fuß. Dunkel und überzeugend war auch der Bass des jungen US-Amerikaners DAVID LEIGH , auch ein Rollendebüt.
Der erste Akt folgte ruhig und ohne szenische Überraschungen dem Text, sogar der Unheil bringende Trank wurde in einem Trinkhorn gereicht, das aber zumindest im entscheidenden Moment zu Boden geschleudert effektvoll zerbrach . Der Helm war ein goldenes Gewebe, das Siegfried in seiner nur für Brünnhilde sichtbaren Gestalt Gunthers vom Kopf rutscht, was eine neue nicht uninteressante Deutung der Stellvertreter-Szene bot.
Auch der zweite Akt überraschte nicht, nur durch Bebilderung der Erzählung einer sehr jungen Waltraute, SARAH FEREDE, bei der unter Nutzung der Drehbühne plötzlich Wotan einsam in seinem Saal an einem langen Tisch sitzend ,einige Sessel umgestürzt, auftauchte. Aber so bürgerlich wollte sich niemand den gescheiterten Gott denken. Außerdem, um mit unserem Bild eines richtig langen Tisches, der nicht in Walhall sondern im Kreml steht, zumindest gleichzuziehen, würde wohl nicht einmal die besonders breite Bühne des Salzburger Festspielhauses reichen. Dafür beeindruckte eine so genaue und stimmige Personenführung , dass der ganze Saal gebannt dem Geschehen obwohl sicher fast allen bekannt, folgte. Vor allem Frau NYLUND konnte die ihr in der Inszenierung zugedachte Dominanz mit intensiver Darstellungskraft und grandiosem Gesang ausspielen. Siegfried an der Seite seiner durch ihre neue Stellung und den so nie erhofften Traummann aufgeblühten Frau Gutrune trotz eines eleganten schwarz-weißen Smokings eher verunsichert, war schon die Opferrolle zugedacht. Auch stimmlich hatte er es gegen das stimmenstarke Duo Hagen und Brünnhilde nicht immer leicht.
Nach dem inszenatorischen Höhepunkt begann der letzte Akt mit eine Art Liebeständelei zur Erholung und auch zur Aufmunterung. Einige Plätze waren inzwischen frei geworden. Es war zwar Sonntag Abend, aber die Vorstellung hatte mit einem Beginn bereits um 15 Uhr dem Rechnung getragen.
Die drei Rheintöchter im weißen Barbie-Look tobten und turnten durch die Räume, bei den Türen hinaus , herein, über das Bett, in das Bett. Bei soviel klischeehaftem Jungmädchen Unsinn bewirkte auch die unheilvolle Todesdrohung nicht das Kippen der fröhlichen Stimmung zu beklemmendem Schauer, den das Orchester unter der Leitung von Gianandrea Noseda mit großem Einsatz und Lautstärke zu beschwören versuchte. Teilweise bei schwarzem Zwischen- Vorhang, der sehr oft zum Einsatz kam . Eine eindrückliche Szene gelang der Inszenierung bis zum Ende nicht mehr. Brünnhildes großer Schlussgesang wurde durch viel rotes Licht und in Rauchschwaden taumelndes Volk, zuletzt durch einen Feuerzauberer im Asbestanzug, der über die Bühne turnte, zu stark in gewöhnliche irdische Sphären herabgezogen. Und während der erschlagene Held als verhüllter Leichnam auf der Bahre betrauert wird ,sehen wir das traute Paar wie in seiner ersten Szene wieder zum diesmal endgültigen Abschied vereint.
Die in der Hoffnung auf den Ring hellauf begeisterten Rheintöchter warfen Hagen gar aus dem Fenster . Und die letzte Bühnenhandlung brachte uns noch einmal den Göttervater zurück, einsam wie zuvor sitzt er in seinem leeren Saal vor einem Bild, eher einem gerahmten Bildschirm ,auf dem er betrachtet, wie sich so am Ufer des Rheins oder besser am Ufer der Limmat seine Pläne erfüllen.
Das Publikum war begeistert, wirkte aber auch etwas erschöpft, so dass der Schlußapplaus zwar innig aber nicht so intensiv und lang ausfiel, wie er oft bei Wagner- Großereignissen zu hören ist. Einhellig und fast nicht endend wollend war nur der Jubel für „Debütantin“ CAMILLA NYLUND , die wir in dieser Rolle bald in einem der großen Opernhäusern erleben wollen.
Ulrike Messer-Krol

