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ZÜRICH/ Opernhaus: GIULIO CESARE IN EGITTO. 4. Vorstellung im Rahmen von Zürich Barock

18.03.2026 | Oper international

Georg Friedrich Händel: Giulio Cesare • Opernhaus Zürich • Vorstellung: 17.03.2026

(4. Vorstellung • Premiere am 11.03.2026)

Im Rahmen von Zürich Barock

 Koproduktion mit der Opéra de Monte-Carlo

Von der Konjunktur des Hinweis auf die Praxis, Stücke zu bearbeiten

Landauf, landab wird von Intendanten, Regisseuren, Dramaturgen und anderen, die sich dazu berufen fühlen, zur «Rechtfertigung» von Inszenierungen mittlerweile geradezu inflationär darauf verwiesen, dass die Bearbeitung von Opern in früherer Zeit üblich gewesen ist.

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Foto © Monika Rittershaus

Im Barock, aber zum Beispiel auch im Belcanto, war es üblich, die Fassung von Opern, so wie sie gedruckt verfügbar waren, für konkrete Aufführungen anzupassen. Hier hatte sich das Werk an die Aufführung anzupassen und nicht die Aufführung an das Werk. Dabei wird gerne übersehen, dass es hier in aller Regel äussere Bedingungen waren, die diese Veränderungen nötig machten und der nördlich der Alpen dominante Geniekult der Romantik dem Barock völlig fremd war. Das können zwingende Bedingungen wie die Zensur oder die Infrastruktur des aufführenden Hauses (Orchester) gewesen sein oder heute als weniger zwingend angesehene Notwendigkeiten, wie die den Solisten eine adäquate Plattform zu ihrer Profilierung zu bieten. Die Struktur der Handlung blieb, auch wenn die Zensur andere Zeiten oder Örtlichkeiten verlangte, weitgehend unangetastet. Die szenische Umsetzung hatte mit – im Vergleich zur Gegenwart – sehr beschränkten Mitteln auszukommen. Es wäre nicht möglich gewesen, dass die für die szenische Umsetzung Verantwortlichen, ihre Sicht der Dinge, ihr Ego hätten einfliessen lassen können. Änderungen sind also für Aufführungen der Gegenwart möglich und sinnvoll – die Kenntnis der Historie vorausgesetzt, wenn man mit ihr argumentieren und rechtfertigen will. Werden Werke für Aufführungen der Gegenwart «bearbeitet», bringt das oft Bilder mit sich, die zur Entstehungszeit des Werkes nicht möglich gewesen wären. Verdis «La Traviata» wird heute kaum noch «klassisch», in einer zum Paris um 1850 passenden Inszenierung gezeigt. Das ist, auch wenn es nicht zu den Regieanweisungen des Librettos passen will, ohne Weiteres zu rechtfertigen, wenn es im Sinne des Werkes erfolgt. Verdi konnte die Doppelmoral einer Gesellschaft logischerweise nur mit Bildern seiner Zeit illustrieren. Gerade die Aufführungsgeschichte der Traviata zeigt die Notwendigkeit der für die konkreten Zeit brandaktuellen Bilder: der Erfolg kam erst ein Jahr nach der Uraufführung, als das Teatro San Benedetto in Venedig das Werk in einer aktuellen Inszenierung zeigte. Die Uraufführung im Fenice, mit Kulissen und Kostümen aus dem Fundus, war ein Misserfolg. Für den Durchschnittszuschauer der Gegenwart kann eine Traviata deutlich «aussagekräftiger» werden, wenn Violetta nicht mehr eine Kurtisane (wer weiss noch, was das genau ist?) sondern eine Edelprostituierte ist. Fazit: Änderungen ja, wenn sie dem Werk dienen. Änderungen nein, wenn sie primär der Persönlichkeit jener dienen, die nicht auf der Bühne stehen.

Davide Livermores Inszenierung von Händels «Giulio Cesare», die im Januar 2024 an der Opéra de Monte-Carlo Premiere hatte und nun in Zürich gezeigt wird, erfüllt die Erwartungen des Publikums und die Anforderungen an eine sinnvolle Aktualisierung in mustergültiger Weise. Die Inspiration durch Agathe Christie und ihren Hercule Poirot, die Verlegung ins Ägypten der 1920er-Jahre, ermöglicht es Livermore die Erwartungen des Publikums an einen «prunkvollen» Abend zu erfüllen und die Geschichte ohne sinnentstellende Veränderungen zu erzählen. Neben der gefühlvollen Charakterzeichnung und Personenführung tragen das eindrückliche Bühnenbild von Giò Forma, die traumhaften Kostüme von Mariana Fracasso und die perfekt abgestimmten Videos von D-Wok in der Lichtgestaltung von Antonio Castro entscheidend zum äusserst positiven Eindruck des Abends bei. Gianluca Capuano hat die Fassung der Uraufführung von 1724 um gut eine halbe Stunde gekürzt, aber auch mit charakteristischen Nummern der Fassung der Wiederaufnahme von 1725 ergänzt. Es könnte diskutiert werden, ob dem Publikum (in zeitlicher Hinsicht) wirklich keine «vollständige Aufführung» zuzumuten ist: vermutlich dürften finanzielle Gründe den Ausschlag für die vorliegende Fassung gegeben haben. Angesichts des Resultats gibt es aber nichts zu kritisieren.

Das Orchestra La Scintilla unter musikalischer Leitung von Gianluca Capuano musiziert auch an diesem Abend wunderbar beseelt und prächtigst farbenfroh. Mit sattem Klang und unnachahmlicher Bühnenpräsenz übernehmen der Zusatzchor der Oper Zürich und die SoprAlti der Oper Zürich den Chorpart (Choreinstudierung: Alice Lapasin Zorzit). Zusätzliches Leben bringt der Statistenverein am Opernhaus Zürich auf die Bühne.

Natürlich ist diese Inszenierung auf die Intendantin der Opéra de Monte-Carlo und den Zürcher Publikumsliebling Cecilia Bartoli zugeschnitten. Positiv zu bemerken ist, dass die weiteren Solisten alle absolut auf Augenhöhe mit ihr agieren und so kein Gefälle zwischen den verschiedenen Partien besteht. Für die superbe Technik der Beteiligten spricht, dass alle Beteiligten den straffen Spielplan tadellos bewältigen und auch bei der vierten Vorstellung innerhalb von sechs Tagen noch frisch und unverbraucht klingen. Beim Schlussapplaus wird nicht nur Cecilia Bartoli (Cleopatra) als Publikumsliebling des Hauses am stärksten gefeiert. Mit nur wenig Abstand folgt das Trio der Countertenöre Carlo Vistoli als Giulio Cesare, Max Emanuel Cencic als Tolomeo und Kangmin Justin Kim als Sesto. Anne Sofie von Otter als Cornelia, Renato Dolcini als Achilla, Karima El Demerdasch als Nireno und Evan Gray als Curio werden ebenfalls grosszügig für die bis jetzt beste Vorstellung aller Beteiligten akklamiert.

Szenisch wie musikalisch prächtige Barock-Oper!

Weitere Aufführungen: Sa. 21. März 2026, 19.00; Mi. 25. März 2026, 19.00; Sa. 28. März 2026, 19.00.

 

19.03.2026, Jan Krobot/Zürich

 

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