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ZÜRICH/ Opernhaus: FIDELIO

Anja Kampe als glaubhafte Leonore    

22.01.2020 | Oper


Anja Kampe (Leonore), Andreas Schager (Florestan). Foto: Herwig Prammer

Zürich: FIDELIO Wiederaufnahme 21.1.2020    

Anja Kampe als glaubhafte Leonore    

Die Inszenierung von Operndirektor Andreas Homoki war schon 2013 nicht unumstritten. So wurde der ganze 1. Akt dramaturgisch total umgebaut: Die einzelnen Nummern wurden an anderer Stelle gesungen und vor allem mochte es stören, dass das höchst dramatische Quartett „Er sterbe!“ aus dem Kerkerakt, gipfelnd im „Töt`erst sein Weib!“ an den Anfang gestellt wurde, quasi als „Rahmen-Handlung“. Schade, denn so wurde die dramatische Zuspitzung auf diese Szene hin total verschenkt. Aber abgesehen davon war die Kerkerszene unglaublich gut gelungen, da dort jeder Eingriff vermieden wurde (ausser, es wurde keine Prosa gesprochen, was ja nicht schadet) und man so „Beethoven pur“ erleben konnte. Es war dann auch wieder Anja Kampe als Leonore, die 2013 schon dabei war, die dieses Konzept voll trägt. Sie ist sowohl die Heldin, die unter grosser Gefahr ihren Mann vor dem Meuchelmord rettet, als auch die Frau, die an die Grenzen ihrer psychischen wie physischen  Belastbarkeit gerät, und auf diese Weise das Schicksal Leonorens so überzeugend über die Rampe bringt. Die manchmal etwas mit Mühe erreichten hohen Töne kann die Sängerin so mit dramatischen Ausdruck erfüllen, dass diese in ihr faszinierendes Leonoren-Porträt integriert werden. Ihre Mittellage hat seit 2013 wunderbar an Wärme gewonnen. Und es sind nun vor allem die leisen Stellen, mit denen sie uns berührt. Sehr bewegend war die Stelle „Da nimm das Brot“ aus der Kerkerszene, wo sie, ihrer Emotionen kaum noch mächtig, vor Florestan zusammenbricht. Eine wahrhaftige Tragödin!


Wolfgang Koch (Pizarro), Andreas Schager (Florestan). Foto: Herwig Prammer

Ihr Florestan der inzwischen renommierte Wagner-Tenor Andreas Schager, der über einen hell-timbrierten Heldentenor verfügt, sang mit sauberer Intonation und strahlender Höhe. In der Mittellage erinnerte er zuweilen an den legendären Wolfgang Windgassen. Auch darstellerisch war er glaubhaft als geblendeter Gefangener. Als Don Pizarro hörten wir Wolfgang Koch, der mit seinem wohltönenden Qualitäts-Bariton nicht ganz die Prägnanz in den Sforzato-Tönen dieser Partie erreichen konnte. Als schwammiger Schreibtischtäter hergerichtet wirkte er zuweilen auch unfreiwillig komisch. Sehr angenehm präsentierte sich Dimitry Ivashchenko als jugendlicher Rocco, der über einen eher lyrischen Bass verfügt. Zudem stellte er den in seiner Verführbarkeit befangenen Kerkermeister überzeugend dar. Das junge Paar war mit zwei sehr lyrischen Stimmen besetzt: Melissa Petit (Marzelline) und Spencer Lang (Jacquino) sangen sauber, gingen aber zeitweise in den Orchesterfluten unter. Das lag auch am hoch dramatisch zugespitzten Dirigat von Markus Poschner, der mit der blendend disponierten Philharmonia einen strengen, bei aller Kompaktheit transparenten Beethoven dirigerte, allerdings manchmal etwas gar laut. So geriet  der C-Dur-Schluss-Jubel zum ohrenbetäubenden Spektakel, wogegen der vorzügliche Chor (Einstudierung: Janko Kastelic) im Gefangenenchor zeigte, zu welcher Differenzierung er fähig ist. Oliver Widmer war der würdige Don Ferrando und die beiden Gefangenen mit Thomas Erlank und Oleg Davidov komplettierten eine stringente Aufführung, die ohne Pause in knappen zwei Stunden an uns vorüberfegte.

John H. Mueller

 

 

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