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ZÜRICH/ Opernhaus: FIDELIO. Können tut man Vieles, müssen aber noch lange nicht

07.05.2026 | Oper international

Ludwig van Beethoven: Fidelio • Opernhaus Zürich • Vorstellung: 06.05.2026

(2. Vorstellung • Wiederaufnahme am 03.05.2026 • Premiere am 08.12.2013)

Können tut man Vieles, müssen aber noch lange nicht

Man kann «Fidelio» so inszenieren. Können tut man Vieles, müssen aber noch lange nicht.

 

flouz

Das fehlende «Muss», oder auch «Soll», ist der Punkt, an dem die Inszenierung Andreas Homokis scheitert. Im Programmheft berichtet Homoki von einer Aufführung mit Studenten aus seiner Assistenzzeit: «Dieses kleinbürgerliche Milieu des Kerkermeisters und seiner Familie, das gar nicht recht passen wollte zu dem besonders im zweiten Teil immer stärker artikulierten politischen und ethischen Anspruch Beethovens. Erst später wurde mir bewusst, dass die formalen Schroffheiten – das was viele Opernbesucher immer noch als Zeichen für Beethovens mangelndes Theatergespür halten – durchaus keine Mängel, sondern Stärken sein können». Über die Schroffheiten, den Gegensatz von Milieu und Botschaft, äussert sich der Regisseur wie folgt: «Ein Gegensatz, der allerdings gewaltig ist, und an dem viele Aufführungen des Werks immer wieder scheitern. Man muss sich also genau überlegen, an was für einem Ort dieses Stück in der Aufführung angesiedelt werden kann». Er fährt fort: «Eine historische Dekoration eines Kerkers läuft immer Gefahr, entweder unglaubwürdig oder verharmlosend zu wirken. Ein deutlich heutiges Setting, etwa in einem modernen Hochsicherheitstrakt oder in Guantánamo wiederum muss unweigerlich an dem singspielhaften Gestus des Werkes scheitern. Ich bin daher überzeugt, dass der Weg gerade in die entgegengesetzte Richtung gehen muss: Weg von einer naturalistischen Gestaltung des Milieus, hin zur Abstraktion und zur Überhöhung, zu den philosophisch-politischen Inhalten, die Beethoven vermitteln wollte, und uns daher ungleich mehr interessieren sollten». Homoki identifiziert zudem weitere Schwierigkeiten: «Ja, dazu gehören in erster Linie die schon angedeuteten formalen Unstimmigkeiten. «Fidelio» beginnt wie ein deutsches Singspiel, als Liebes- und Verwechslungskomödie im kleinbürgerlichen Milieu, dann finden wir uns unversehens im Bereich der grossen tragischen Oper und schliesslich mündet das Geschehen in eine monumentale Kantate, die eigentlich nichts mehr mit Theater zu tun hat. Und dieses Konglomerat widersprüchlichster stilistischer Strukturen soll auch noch zusammengehaltenwerden durch Dialoge, deren sprachlicher Duktus uns heute doch allzu betulich und verstaubt vorkommt, um dem inhaltlichen Anspruch des Werks gerecht zu werden. Wenn man es mit einem so brüchigen Gebilde zu tun hat, kann man entweder den Versuch unternehmen, die Brüche zu kitten und so tun, als handle es sich trotz allem um ein rundes, in sich geschlossenes Werk oder man muss versuchen, gerade aus dieser Brüchigkeit eine Konzeption zu entwickeln, die dem Werk dann hoffentlich eher entspricht». Und weiter: «Von diesem gewaltigen Unterschied der Dimensionen von Musik und Libretto ausgehend, haben wir in den Gesprächen mit meinem Inszenierungsteam irgendwann den Gedanken durchgespielt, was eigentlich geschieht, wenn man die Dialoge ganz weglässt. Beethovens Stück ist radikal, da braucht es radikale Lösungen. Die Idee hat mir schnell gefallen, und inzwischen können wir auf den Proben erleben, dass sie tatsächlich funktioniert».

Homokis Konzeption die Dialoge zu streichen, also wegzulassen, führt nicht wirklich zur Abstraktion und Überhöhung, wenn wiederholt Szenenanweisungen eingeblendet werden oder gar Figuren «benannt» werden. «Allein indem die Kontraste zwischen den Musiknummern viel stärker hervortreten, wenn sie direkt aufeinandertreffen, entsteht eine verblüffend kraftvolle theatralische Wirkung. Natürlich muss die Inszenierung dafür sorgen, dass sich trotzdem eine neue Kontinuität der Fabelerzählung ergibt, jedoch ohne die Lücken und Schroffheiten unnötig zu glätten». Mit diesem Konzept bleibt die Kontinuität der Fabelerzählung letztlich doch gewahrt und die Lücken und Schroffheiten, die anfänglich als Stärken bezeichnet wurden, werden doch geglättet. Für die Bühne haben sich Homoki und sein Bühnenbildner Henrik Ahr zu einer «radikal experimentellen Lösung» entschlossen: «Die Darsteller agieren praktisch ohne Requisiten auf einer leeren Bühne, so dass sich das Geschehen ausschliesslich aus der Konfrontation der Figuren und ihrem Zusammenspiel entwickelt». Aus der Konfrontation der Figuren und ihrem Zusammenspiel ergibt sich, auch in Kombination mit den Kostümen von Barbara Drosihn, kein wirkliches Geschehen. Kurz gesagt: Man fragt sich, warum man den ganzen Aufwand betreibt und das Stück nicht gleich konzertant gibt. Aus einem Aufbau auf den Gegensätzen, den Schroffheiten, hätte sich vermutlich mehr ergeben.

Axel Kober, schon mehrfach in Zürich im Graben zu erleben, hat die musikalische Leitung des Abends inne. An diesem Abend lässt er das Orchester der Oper Zürich im leider bedenklich schwach ausgelasteten Haus mit brachialer, selbst die Raffinesse und Spielfreude des Orchesters dominierender Lautstärke aufspielen. Darunter wie unter den enorm raschen Tempi (1h48 statt 2h) leiden die Solisten wie die Chöre (Chor der Oper Zürich, Damen des Zusatzchors der Oper Zürich, SoprAlti der Oper Zürich; Choreinstudierung: Klaas-Jan de Groot), die unter ihrer gewohnt guten Form agieren.

Yannick Debus gibt den Don Fernando mit gut fokussiertem, kernig wohlklingendem und tadellos phrasierendem Bariton. Brian Mulligan kann an diesem Abend in der Rolle des Don Pizarro nicht überzeugen: die Stimme klingt matt, geht wiederholt in den Klangmassen unter und die Textverständlichkeit lässt doch sehr zu wünschen übrig. Klaus Florian Vogt vermag als Florestan, auch unter diesen Umständen, rundum zu überzeugen. Neben allen bekannten Vorzügen seiner Stimme ist an diesem Abend besonders die Textverständlichkeit hervorzuheben. Gabriela Scherer gibt die Leonore mit grundsätzlich gut fokussiertem, aber in den Höhen zu Schärfen neigendem Sopran. Christof Fischesser gibt den Rocco mit wunderbar wohlklingendem, souverän geführtem und ausserordentlich gut verständlichem Bass. Anna El-Khashem erwischt als Marzelline einen ganz, ganz schlechten Abend: Die Stimme klingt enorm dünn, hat kein Fundament und klingt matt und unangenehm spitz und in den Höhen bedenklich scharf. Von Textverständlichkeit kann in ihrem Fall keine Rede sein. Andrew Owens gibt zuverlässig einen unauffälligen Jaquino. Luis Magallanes als Erster Gefangener und Mamuka Tepnadze als Zweiter Gefangener ergänzen das Ensemble.

Können tut man Vieles, müssen aber noch lange nicht.

Weitere Aufführungen: So. 10. Mai 2026, 20.00; Do. 14 Mai 2026, 14.00; Sa. 16. Mai 2026, 19.00.

07.05.2026, Jan Krobot/Zürich

 

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