Festkonzert zum 85. Geburtstag von Ralf Weikert • Opernhaus Zürich • 22.02.2026
«Meine schönste Zeit als Operndirigent war in Zürich»
Zu den positiven Zeichen der neuen Direktion gehört im Sinne eines Wissens um die Geschichte die Verbundenheit zum Haus. Ein besonders positives Zeichen für das Haus ist, dass Ralf Weikert, der im vergangenen November seinen 85. Geburtstag feierte, das Angebot ein «Geburtstags-Konzert» zu dirigieren, angenommen hat.

Foto © Opernhaus Zürich
Der 1940 im oberösterreichischen St.Florian geborene Ralf Weikert wuchs mit seinen beiden Geschwistern unter schwierigen Bedingungen mit der Mutter allein, der Vater fiel an der Ostfront, in Linz auf. Seine erste musikalische Ausbildung erhielt er am dortigen Bruckner-Konservatorium (bei Helmut Eder u.a.) und wechselte dann ab Wintersemester 1960/1961 für das Studium bei der Dirigenten-Legende Hans Swarowsky an die Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Wien. 1963 beendete er sein Studium mit Auszeichnung und wurde am Salzburger Landestheater Korrepetitor und Kapellmeister. Nach dem Gewinn des Nikolai-Malko-Wettbewerbs in Kopenhagen wurde er 1966 von der Bonner Oper zum 1. Kapellmeister an die Bonner Oper ernannt und zwei Jahre später zum Chefdirigenten berufen. Bis 1977 blieb er Musikalischer Oberleiter am Opernhaus der Beethovenstadt, wo er einen ganzen Zyklus mit unbekannten Donizetti-Werken, Rimsky-Korsakows «Sadko» und verschiedene Ur- oder Erstaufführungen zeitgenössischer Komponisten einstudierte. In diese Zeit fallen auch die Debuts in Salzburg (Festspiele, 1971), Aix-en-Provence, Bregenz, bei den Berliner Philharmonikern (1977) und an den Staatsopern von Wien (1974) und Hamburg (1975). 1977 wechselte Weikert als stellvertretender Generalmusikdirektor an die Oper Frankfurt. 1979 debütiert Weikert an der Deutschen Oper Berlin und 1981, als er Chefdirigent des Mozarteumorchesters Salzburg wird, an der Bayerischen Staatsoper zu München. Von 1983 bis 1992 war Ralf Weikert Musikdirektor am Opernhaus Zürich. 1987 debütierte er in der Arena von Verona und an der Metropolitan Opera New York. Seitdem arbeitet Weikert als freier Dirigent mit Aufnahmen von Schallplatten und Videos sowie Radio- und Fernsehproduktionen und Auftritten an den führenden Häusern rund um die Welt.
Weikert beweist seine spezifischen dirigentischen Qualitäten auch an diesem Abend: Er, der ein Repertoire von über 150 Opern und über 100 sinfonischen Werken hat, dirigiert das vielfältige Programm, Werke von Honegger, Wagner, Schreker und Mozart, sachlich und ganz im Dienst der Werke. Viele Dirigenten gelten als Diven mit ausgeprägten Hang zur Eitelkeit und zur Selbstdarstellung, die eine Aura von Glanz und Glamour umgibt oder als Diktatoren mit offen zur Schau gestelltem Willen zur Macht. Ganz anders Ralf Weikert: Bei ihm gibt es kein Gehampel auf dem Podium (Laurenz Lütteken zum 80 Geburtstag Weikerts in der NZZ vom 10.11.202: «In Zeiten bevorzugt jugendlicher Pultvirtuosen, deren Auftritte oft an Choreografien erinnern, steht Weikert für die Tradition des Kapellmeisters»), keine bis in den 2. Rang hörbaren, akustischen Begleiterscheinungen seines Dirigats. Weikert zeigt sich einmal mehr als mustergültiger Vermittler zwischen Partitur und Orchester und steht beim Schlussapplaus auch einmal ungezwungen inmitten des Orchesters, denn ihm ist bewusst, dass Gedeih und Verderben des Abends längst nicht allein von ihm abhängt. Bereits anlässlich seiner Vorstellung durch die Neue Zürcher Zeitung anlässlich seines Zürcher Debüts mit der Wiederaufnahme «Le nozze di Figaro» am 19.11.1976 vermerkt das Blatt (NZZ Nr. 272 vom 19.11.1976) sein musikalisches Credo: «Vom genialer Schlampigkeit halte ich nichts, aber bei aller Präzision soll die Musik immer noch singen». Und das gilt bis heute: Er dirigiert das Konzert mit genialer Sachlichkeit, hoch präzis, so dass die Musik ungestört «singen» kann.
Anlässlich einer Pressekonferenz am 23. November 1981 gab Intendant Dr. Claus Helmut Drese die Ernennung Ralf Weikerts als Nachfolger Ferdinand Leitners (1983 auslaufender Vertrag als musikalischer Oberleiter) bekannt. Die NZZ (Nr. 273) vom 24. November 1981 berichtet: «Weikert, der seit 1975 fünf musikalische Neueinstudierungen in Zürich geleitet hat, wird die Spielzeit 1983/84 als «vorbereitendes Jahr» für seine Oberleitung benützen und dann bis 1988 einen Vierjahresvertrag beginnen. Seine Verpflichtung wird sechs Monate Anwesenheit in Zürich, drei Premieren pro Saison und mindestens vierzig Abende am Pult umfassen». Im weiteren Verlauf dieser Pressekonferenz wurden die sich bald als obsolet erweisenden Pläne für die Renovation des Opernhauses vorgestellt. Ralf Weikert blieb bis 1992 Musikdirektor am Opernhaus Zürich und führte in dieser Zeit als Konstante («Dass der Verwaltungsrat den Vertrag mit dem schon von Drese engagierten Weikert ein Jahr, bis von um Ende der Spielzeit 1991/92, verlängert hat, ist ein Indiz dafür, dass der Chefdirigent diesem Gremium als ein Garant der Kontinuität gilt»; NZZ Nr. 20 vom 25.01.1989) das Haus unter drei Intendanten durch schwierige Zeiten, geprägt durch die sich verzögernde Renovation des Hauses, die «Orchester-Trennung» und eine verzögerte Intendanten-Bestellung. Weikerts Zürcher Zeit war anfänglich stark durch die erwähnte «Orchestertrennung» geprägt. Der Gesellschaftsvertrag zwischen der Tonhalle-Gesellschaft und der Theater AG, der die Dienstleistungen des Orchesters zwischen den beiden Instituten regelte, war gut zwei Jahrzehnte alt und einer Überarbeitung bedürftig. Mit der Kündigung des Vertrags Tonhalle-Gesellschaft zum 30. Juni 1984 kam neuer Wind in die harzigen Verhandlungen. Gut ein Jahr später, zur Beginn der Saison 1985/1986 war die Trennung des Orchesters faktisch und bald auch juristisch vollzogen (NZZ Nr. 23 vom 29.01.1986). Damit war ein seit gut anderthalb Jahrhunderten, seit Bestehen der Theater AG, bestehendes Problem gelöst und das «Orchester der Oper Zürich» (das seit dieser Saison wieder so heissen darf) war geboren. «Auch Richard Wagner gehörte bei seinem Zürcher Aufenthalt zu jenen, die ein eigenes Theaterorchester für die Oper forderten» (NZZ Nr. 23 vom 29.01.1986). In folgenden Jahren hat Ralf Weikert (neben dem unvergessenen Nello Santi und Nikolaus Harnoncourt) mit kontinuierlicher Arbeit die Basis für den heutigen Rang des Orchesters und damit auch des Hauses gelegt. Daraus resultieren neben unzähligen Konzerten (darunter die Eröffnung der «Reihe «Philharmonischer Konzerte im Opernhaus»» am 31. März 1985 mit der Einweihung der Konzertmuschel) bis zum Abend des Fest-Konzerts 888 Vorstellungen (rund 40 Premieren, darunter ein kompletter Ring oder die Uraufführung von Rudolf Kelterborns «Der Kirschgarten»).
Nach kurzen einleitenden Worten des Intendant hält Prof. Alois Koch, Schweizer Musikwissenschaftler, Kirchenmusiker, Dirigent und von 2001 bis 2008 Rektor der Hochschule Luzern – Musik die Laudatio. Ihm gegenüber habe Weikert erst vor kurzem geäussert: «Meine schönste Zeit als Operndirigent war in Zürich».
Das Orchester der Oper Zürich spielt unter Leitung des Jubilaren inspiriert und klangintensiv auf und würdigt damit auf seine Weise Weikerts Arbeit und Verdienste. Auch wenn das Motto («J’ai embrassé l’aube d’été» nach Arthur Rimbaud) der «Pastorale d’été» (1920), einem sinfonischen Gedicht für kleines Orchester von Arthur Honegger (1892-1955), von einer Morgendämmerung spricht, sollte das Werk ein Erinnerung an eine vergangene, eine verflossene Zeit sein. So widersprechen Grösse wie Besetzung dem Genre der sinfonischen Dichtung um 1920 und erinnern an die Blütezeit (franz. «l’été»: der Sommer) des Genre, der zum Schluss des Abends noch die Referenz erwiesen wird. Das Orchester lässt wunderbare Klangfarben hören und entführt das Auditorium für einen kurzen Moment ins sommerliche Frankreich. Dorottya Láng, am Haus aktuell als «Die Dame» in Hindemiths «Cardillac» engagiert, interpretiert die Wesendonck-Lieder von Richard Wagner (). Ihr Beitrag kann leider nur bedingt überzeugen: Die unteren Register wirken an diesem Abend vom Rest der Stimme entkoppelt und die Textverständlichkeit lässt stellenweise deutlich zu wünschen übrig. Wie Honeggers «Pastorale d’été» ist auch Franz Schrekers (1878-1934) «Kammersymphonie» (1916). Weikert und das Orchester bringen wunderbar zur Geltung, wie Schreker mit meisterhafter Instrumentierung mit kleiner Besetzung das Klangspektrum einer grossen Besetzung erreicht. Mit einer konzisen, straffen Wiedergabe der Sinfonie Nr. 35 KV 385 «Haffner» (1782) von Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) schliesst der Abend.
Ralf Weikert hat massgeblich dazu beigetragen, dass das Opernhaus Zürich heute in der «Champions League» spielen kann.
24.02.2026, Jan Krobot/Zürich

