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ZÜRICH/Opernhaus: ELIOGABALO von Francesco Cavalli

08.12.2022 | Oper international

Francesco Cavalli: Eliogabalo • Opernhaus Zürich • Vorstellung: 07.12.2022

(2. Vorstellung • Premiere am 04.12.2022)

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Mit Francesco Cavallis «Eliogabalo» hat nach Offenbachs «Barkouf» bereits wieder eine «Ausgrabung» Premiere am Opernhaus Zürich. Und «Eliogabalo» erweist sich dabei als mindestens so aktuell.

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Foto © Monika Rittershaus

Als die Produktion geplant wurde, dürften ein ukrainischer Countertenor und ein russischer Dirigent eine alltägliche Kombination gewesen sein. Die Premiere konnte dann aber nur stattfinden, weil der Countertenor Yuriy Mynenko mit Sondergenehmigung aus der Ukraine ausreisen durfte. Und der vom Premierenabend überlieferte Händedruck der beiden Künstler, dass eine Zusammenarbeit von Künstlern aus diesen beiden Ländern durchaus möglich ist.

Die Geschichte des «Eliogabalo» erweist sich auf Grund der Geschlechterthematik ausgesprochen aktuell. Die Barockoper und ihre Ästhetik bringen es schon mit sich, dass ein männlicher Charakter nicht zwingend eine tiefe Stimme haben muss. Hohe Stimmen galten im Barock als männlich und so singt die Titelfigur hier Sopran. Was uns als männlich gilt, eine tiefe Stimme wie ein Tenor, muss unseren Vorfahren nicht zwingend ebenfalls als männlich gegolten haben. Und ein Mann muss ja, in der Antike wie damals wie heute, nicht zwingend «männliche» Kleidung tragen. Schon die Oper wirbelt die Geschlechtervorstellungen mächtig durcheinander und Calixto Bieito (Inszenierung, Bühnenbild) wirbelt in seiner Regiearbeit munter weiter, leider etwas zu munter. Zum Kult des antiken Sonnengottes Heliogabalus, nach dem sich Kaiser Varius Avitus Bassianus, seit der Spätantike als Eliogabalo bekannt, zählten regelmässige Tieropfer und Frauenkleider tragende Priester. Als Spezialist für alles Körperliche im Allgemeinen und Körperflüssigkeiten im Besonderen ist Bieito hier natürlich in seinem Element. Allerdings ist er altersmilde geworden und so wirken seine Ideen in Verbindung mit den Längen der (bereits gekürzten) Partitur spannungslos bis abgestanden. Ketchup als Gesichtsmaske und dann noch in Zeitlupe taugt in unseren Tagen nicht mal mehr zum Aufreger. Das Bühnenbild (Anna-Sofia Kirsch und Calixto Bieito), bis auf die Senatsszene weitgehend ein dunkles Loch, unterstreicht die Verortung im Hier und Jetzt und hat, gerade was die Versatzstücke wie das Motorrad oder den Stier angeht, den Charakter einer Leistungsschau von Werkstätten und Bühnentechnik. Die Kostüme stammen von Ingo Krügler, die Lichtgestaltung besorgt Franck Evin und die Video-Einblendungen hat Adria Bieito Camì entworfen.

Einen grossen Erfolg kann das Orchestra La Scintilla unter musikalischer Leitung von Dmitry Sinkovsky verbuchen. Die offenbar intensive Probenzeit findet in einem kompakten, scharf akzentuierten und vor allem ausgesprochen farbigen Klang ihren Niederschlag. Complimenti! Dirigent Sinkovsky als Multitalent spielt auch Violin-Soli und singt, ernennt auch einen wohlklingenden Countertenor sein eigen, eine herrliche Arie.

Yuriy Mynenko gibt mit hellem, sicheren Countertenor eine intendive Umsetzung der Titelfigur. Nicht minder intensiv ist der Giuliano, quasi Gegenspieler Eliogabalos, von David Hansen. Sein Countertenor ist etwas dunkler und voller, und do lassen sich die beiden Stimmen bestens unterscheiden. Mit beeindruckender Tiefe und Verve in der Darstellung ist Beth Taylor der Hauptmann der kaiserlichen Garde, Giuliano Gordio. Hervorragend besetzt sind drei der Opfer Eliogabalos: Siobhan Stagg als Anicia Eritea, Anna El-Khashem als Flavia Gemmira und Sophie Junker als Atilia Macrina. Joel Williams als Zotico, Mark Milhofer als Lenia, Daniel Giulianini als Nerbulone, Benjamin Molonfalean als Tiferne, Aksel Daveyan als Un console und Saveliy Andreev als Altro console ergänzen das grossartige Ensemble.

Musikalisch top.

Weitere Aufführungen: So. 11. Dez. 2022, 13.00; Di. 13. Dez. 2022, 19.00; Fr. 16. Dez. 2022, 19.30; Mi. 21. Dez. 2022, 20.00;
Mo. 26. Dez. 2022, 20.00; Fr. 30. Dez. 2022, 19.00; (Mo. 02. Jan. 2023, 20.00); Sa. 07. Jan. 2023, 19.00.

10.12.2022, Jan Krobot/Zürich

 

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