Zürich: «ELIOGABALO» von Francesco Cavalli (1602-1676)
Premiere 04.12.2022
Die Liebe bleibt auf der Strecke…

Sophie Junker, Anna El-Kashem, Siobhan Stagg. Foto: Monika Rittershaus
Eine aus welchen Gründen auch immer verschollene Barock-Oper findet den Weg aus den Archiven auf die Bühne des Opernhauses Zürich. Mit Dmitry Sinkovsky als Musikalischem Leiter und Calixto Bieito als Regisseur, in den kargen Bühnenbildern von Anna-Sofia Kirsch und C. Bieito, von Franck Evin beleuchtet, und in heutigen Kostümen (Ingo Krügler), konnte man sich in der Tat auf Einiges gefasst machen. Zumal die Story der Oper von einem skrupellosen Tyrannen im Alten Rom handelt, der bereits mit vierzehn Jahren auf den Thron kam, ein ausschweifendes Leben führte und, als es den Römern dann doch zu viel wurde, vier Jahre später kurzerhand entsorgt bzw. ermordet wurde. So waren also die Zustände im Alten Rom und wenn man die aktuelle Lage bedenkt, sehr viel hat sich inzwischen auch nicht geändert. Wenn im Finale Eliogabalo im wahrsten Sinn des Wortes «vorgeführt» wird, sind alle Mitspieler gleich da und verurteilen ihn in scheinheiliger Selbstgerechtigkeit, obwohl sie alle schweigen sollten, da sie ja von ihm profitiert haben. Es erinnert an das Schluss-Sextett in Mozarts «Don Giovanni», obwohl dort – im Unterschied zu Cavalli – die Musik Mozarts gerade die Selbstgerechtigkeit der Beteiligten ironisch konterkariert.
Calixto Bieito, von dem wir packende und kontroverse Inszenierungen erlebt haben, ist sicher nicht der Mann, der diesen Problemen aus dem Weg geht. Hier wird Nichts beschönigt, auch wenn im Allgemeinen doch recht schön gesungen wird. Eine solche Handlung, wie üblich bei einer barocken Seria höchst verwirrlich und in den Intrigen fast unüberschaubar, ist man sich ja von den Werken Händels und anderer Meister des 17. Jahrhunderts gewohnt. Aber nicht mit einem solchen direkten Zugriff, wie ihn Bieito in starken Bildern – nicht umsonst ist er als Spanier von solchen Bildern geprägt – auf die Bühne stellt. Dem Sänger-Ensemble wird schauspielerisch und rein physisch alles abverlangt. Da ist schon verständlich, dass nicht nur «schön» gesungen wird, sondern oft mit der Stimme an die Grenzen und darüber hinaus gegangen wird. Es kommt ein exzessiver Gesangsstil zur Anwendung, mit veristischen Anklängen, sodass von einer gepflegt-langweiligen Aufführungspraxis hier nicht gesprochen werden kann. Die Countertenöre singen ausdrucksstark, oft in scharfen Tönen, und vor allem wird an diesem Abend erstaunlich laut gesungen, um nicht zu sagen ab und an geschrien.
Für den geigenden und singenden Dirigenten des Abends, Dmitry Sinkovsky, ist dies wohl sein Weg, dieser Barockoper näher zu kommen. Dem fabelhaften Barock-Orchester des Opernhauses La Scintilla gilt denn auch während der dreistündigen Aufführung das Hauptohren»werk. Wie die Musikerinnen und Musiker das so lebendig spielen, alle Farben aufleuchten und -blitzen lassen, die Sänger und Sängerinnen in den Rezitativen nicht nur begleiten, sondern auch herausfordern: das ist wirklich ein Ereignis. Auch wenn die Formen dieser Barockoper sich stetig wiederholen – jedes Rezitativ wird durch ein Ritornell oder eine sonstige Musiknummer abgeschlossen -, so gibt es da nur wenig Langeweile; so toll klingt das aus dem Orchestergraben.

Juryi Mynenko, Daniel Giuliani, Mark Milhofer. Foto: Monika Rittershaus
Das sängerische Ensemble ist voll bei der Sache und durchweg homogen besetzt. Das gibt es keine Ausfälle, alle sind in das Gesamtkonzept einbezogen. Wie schon bemerkt, wird erstaunlich laut gesungen, manchmal fast an der Grenze, was eigentlich nicht nötig gewesen wäre. Ein paar leise Passagen wirkten dann umso stärker. Dass der Dirigent selbst auch zu Beginn des zweiten Teils als Sopran-Counter eine wunderschöne Arie sang, machte einen der Höhepunkte dieses Abends aus. Eliogabalo war mit dem ukrainischen Counter Yuriy Mynenko sehr gut besetzt, auch sein Geliebter und Gegenspieler Allessandro war mit David Hansen (in bester Erinnerung als Nerone in der «Poppea») lieferten sich musikalische Duelle (nicht: Duette!) in höchsten Tönen und nahezu in hysterischer Erregtheit. Bei den Damen, die alle Opfer ihrer eigenen Begierde und der von Eliogabalo werden, stachen die Anicia von Siobhan Stagg, die Flavia von Anna El-Khashem und Attilia von Sophie Junker hervor. Die Intrigantin Lenia war mit dem Tenor Mark Milhofer vorzüglich besetzt, der in der Maske an die Präsidentin der Europäischen Zentralbank erinnern mochte. Unvermittelte Ausdruckskraft und stimmliches Temperament liessen die Mezzosopranistin Beth Taylor als energischer Giuliano zum Publikumsliebling werden. Des weiteren komplettierten Joel Williams (Zotico), Daniel Giuliani (Nerbulone), Benjamin Molonfalean (Tiferne), Aksel Daveyan (un console) und Saveliy Andreev (altro console) das hochwertige Ensemble.
Der etwas lange Abend (drei Stunden) würde sicher durch ein paar Kürzungen an Stringenz gewinnen, so zu Beginn und in der Senatsszene.
John H. Mueller

