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ZÜRICH/ Opernhaus: DIE SACHE MAKROPULOS  – Premiere

„Gar nichts ist wichtig!“  

23.09.2019 | Oper


Evelyn Herlitzius. Foto: Monika Rittershaus

Zürich: DIE SACHE MAKROPULOS  – Premiere: 22.9.2019 

„Gar nichts ist wichtig!“  

Der russische Regisseur Dmitri Tcherniakov misstraut der Geschichte um die über 300 Jahre alte Sängerin mit den Initialen E.M. Was als Schauspiel-Komödie von Karel Čapek als Grundlage zum von Leoš Janáček selbst verfassten Libretto diente, wurde durch die stringente Musik des Komponisten zu einem neuen Werk mit einer ganz anderen Aussagekraft. Wenn etwas von der Komödie geblieben ist, dann ist es eine „schwarze“ Komödie, wo es wahrlich nichts mehr zu lachen gibt. Die Story ist schnell erzählt. Seit über hundert Jahren zieht sich in Prag ein Erbschaftsprozess dahin, wozu die eigens dafür angereiste Emilia Marty Einzelheiten beisteuern kann, die nur jemand kennen kann, der damals gelebt hat. Emilia Marty ist weniger am Ausgang des Prozesses interessiert, als vielmehr an einem versiegelten Brief, den sie mit allen Mitteln behändigen will. Darin befindet sich das Rezept für das Elixir um die Verlängerung ihres Lebens für weitere 300 Jahre, da die Wirkung eben dieses Lebenselixirs nachzulassen droht. Dieses hatte ihr Vater seinerzeit an ihr ausprobiert. Er wurde als Betrüger ins Gefängnis geworfen, sie entfloh nach einem längeren Koma aus Prag und irrt seitdem als Nicht-Sterben-Könnende in stets wechselnden Identitäten durch mehr als dreihundert Lebensjahre. In der Tat, eine wunderliche Geschichte!

Tcherniakov (Dramaturgie: Beate Breidenbach, Regie-Assistenz: Nina Russi, die eben den Götz-Friedrich-Regie-Preis für ihre Inszenierungen in Aachen von zwei Opern von Leonard Bernstein erhalten hat) betont in seiner Inszenierung für den drohenden Tod Emilia Martys nicht das Nachlassen der Wirkung des Lebens-Elixirs, sondern ihre auswegslose Krebserkrankung.

Emilia Marty ist eine gefeierte Sängerin und schöne Frau, der die Männer nur so verfallen. Sie ist eine femme fatale und doch ist sie auch Opfer. Sie ist einerseits die arrogante Primadonna, die über die Jahre zynisch geworden ist, anderseits ist sie auch eine einsame Frau, die an ihrem Körper bildlich gesehen alle Verwundungen trägt, die ihr die Männer beigebracht haben. So entwickelt der Regisseur mit der Protagonistin Evelyn Herlitzius, für deren ausserordentliche singschauspielerische Begabung Andreas Homoki das Stück eigens auf den Spielplan gesetzt hat, eine recht schillernde Figur, die bei allem ihr eigenen Zynismus auch in Momenten des Bewusstwerdens ihrer auswegslosen Situation Mitgefühl entwickeln kann.


Scott Hendricks, Evelyn Herlitzius. Foto: Monika Rittershaus

Evelyn Herlitzius ist in der Tat das Zentrum dieser Aufführung und sie ist dies mit einer schauspielerischen Differenzierung ohnegleichen, mit der sie auch ohne Gesang diese seltsame Frau hätte verkörpern können. Nun kommt aber auch noch der Gesang dazu – es wird in der tschechischen Originalsprache gesungen – und der gibt der Charakterisierung noch weitere vertiefende Schichten hinzu. Dieses Hin- und Herschwanken zwischen bösartigen und gefühllosen Äusserungen bis zu kurzen Momenten des Bewusstwerdens ihrer eigenen Tragik, die sie durch plötzliches Erstarren zum Ausdruck bringt, macht dieses Porträt zu einem auf der Opernbühne ausserordentlichen Ereignis. Und dazu kommt die klare, höhensichere und in Mezzotiefe sich wohlfühlende Stimme der Herlitzius, die über jedes Orchesterforte drüberkommt, wenn sie dann zum grossen Schluss-Monolog ansetzt, der mit dem Tod Emilias endet.

Tcherniakov überrascht uns auch hier: Die Wände des grossbürgerlichen Raumes weichen plötzlich zur Seite und machen den Blick frei auf eine Live-Show in einem Fernsehstudio. Die Zuschauerinnen und Zuschauer applaudieren und jubeln der Sängerin Emilia Marty wohl für die Authentizität ihrer künstlerische Leistung zu, nicht ahnend, dass Emilia Marty ihren Bühnentod nicht gespielt, sondern in der Tat ihr Leben ausgehaucht hat. Dies ist wirklich ergreifend und man empfindet wirklich Mitleid mit dieser „armen Kreatur“.


Guy de Mey, Evelyn Herlitzius, Deniz Uzun, Scott Hendricks. Foto: Monika Rittershaus

Sehr gut – in Stimme und Spiel – waren alle Sängerinnen und Sänger des Ensembles dieser Aufführung. Hervorragend der Tenor Sam Furness als Albert Gregor, der mit hellem Tenor den stürmischen jungen Mann glaubhaft verkörpert, und Scott Hendricks als Jaroslav Prus, der sich für eine Nacht mit Emilia zu einem Diebstahl hinreissen lässt: Er übergibt ihr den versiegelten Briefumschlag mit dem Rezept für das lebensverlängernde Elixir, bereut dies aber und ist dann noch feige genug, Emilia die Schuld am Selbstmord seines Sohnes Janek – der immer mehr auf sich aufmerksam machende lyrische Tenor Spencer Lang – zuzuschieben. Überreizt in der Körpersprache und mit scharfer Artikulierung ist Tómas Tómasson der  hektisch agierende Anwalt Dr. Kolenatý. Kevin Conners ist der desillusionierte  Kanzleivorsteher Vítek und Deniz Uzun – schöne Stimme und gute Darstellung – seine Tochter Krista, die als Sängerin auch so berühmt werden will wie Emilia Marty, aber letztlich das Rezept für das Elixir nicht annimmt. Die Regie vermeidet hier zu zeigen, dass Krista das Rezept verbrennt. Ruben Drole und Irène Friedli als Theatermaschinist bzw. Putzfrau setzten in ihrer kleinen Szene einen Akzent und Guy de Mey war überwältigend als an der Liebe zu Emilia irre gewordener Hauk-Schendorf. Vom Opernstudio stellte sich Katja Ledoux als Kammerzofe mit einem interessanten Stimmtimbre vor. Der Herren-Zusatzchor lieferte seine Off-Einsätze im Finale der Oper (Einstudierung: Ernst Raffelsberger) und die Philharmonia spielte unter der kundigen und energischen Leitung von Jakub Hrůša einen geschärften, wachen und bei aller Wucht des Orchesterklanges transparanten Janáček. Das überirdisch schöne Motiv auf der Solo-Viola d’amore spielte Karen Forster. Der Statistenverein stellte das applaudierende, zahlreich erschienene Publikum in der Fernsehshow im Finale dar. Unbedingt positiv zu erwähnen ist das realistische Bühnenbild (von Regisseur Dmitri Tchernaikov) in der differenzierten Ausleuchtung von Gleb Filshtinsky und mit den Videos von Tieni Burkhalter. Ausdrucksstark und kleidsam sind die Kostüme – besonders das der Emilia in der Schluss-Szene, gemahnend an eine Schicksals-Parze – von Elena Zaytseva entworfen.

John H. Mueller

 

Soeben erreicht uns die erfreuliche Nachricht, dass am 21. September im Konzerthaus Berlin dem Opernhaus Zürich der „OPER! AWARD“ als bestes Opernhaus der internationalen Opernbranche zugesprochen wurde. Gratulation!

 

 

 

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