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ZÜRICH( Opernhaus: DIE LUSTIGE WITWE – 2. Vorstellung. Ein echter Kosky

15.02.2024 | Operette/Musical/Show

Franz Lehár: Die Lustige Witwe • Opernhaus Zürich • Vorstellung: 14.02.2024

(2. Vorstellung • Premiere am 11.02.2024)

Ein echter Kosky

Barrie Koskys Zürcher Inszenierung der Lustigen Witwe überzeugt auch beim zweiten Besuch. Ihre grosse Stärke liegt darin, dass sie stilsicher ergänzt (statt zu illustrieren), was in der Musik bereits angelegt ist.

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Foto © Monika Rittershaus

Was Barrie Kosky (Regie) in Bezug auf Bartoks «Herzog Blaubarts Burg» sagt, gilt generell: «Sie [die Illustration der Musik] wird nie mit den Klangbildern mithalten können und neben der emotionalen Tiefe der Musik stets wie ein dumpfes Abbild wirken» (Barrie Kosky; Und Vorhang auf, Hallo!; Seite 40). Und so genügen ihm der «Zimtschneckenvorhang» (Bühnenbild und Lichtgestaltung: Klaus Grünberg) und die Kostüme, um das Klangbild zu ergänzen. Diese zurückhaltende Szene ermöglicht so die («ungewollte») Konzentration auf die Musik. Der Ball in der pontevedrinischen Gesandtschaft entsteht so direkt vor dem geistigen Auge des Zuhörers und kann auf den Umweg über die Szene verzichten. Und wer das «Schreien» und «Johlen» zu den Balletteinlagen kritisiert, möge sich bei Gelegenheit «volkstümliche» Aufnahmen entsprechender Tänze zu Gemüte führen. Eine weitere Stärke der Produktion, und Zeichen, dass Kosky zu jenen Regisseuren gehört, die das Libretto lesen und ernst nehmen, ist die Einbettung der Geschichte in die Rahmenhandlung, dass sich Hanna am Flügel an die Geschichte erinnert, wie sie Danilo nach ihrer jugendlichen Affäre wiedertrifft und heiratet. Kosky schliesst den Abend mit einer Szene aus dem Eheleben von Hanna und Danilo, wobei Hanna mit der kaum je gesungen zweiten Strophe des Weibermarsches («Zu Hause seid ihr oft Despoten / Und naschet gern, was sonst verboten. / Ihr seid geneigt zu Seitensprüngen, / Könnt Schwipse nur nach Hause bringen, / Zuhaus markiert ihr oft das Alter, / Doch auswärts seid ihr lose Falter, / Und auch Skandale könnt ihr machen. / Wir zwingen euch nicht zu solchen Sachen… / Ja, so – ist’s einmal und fertig!») ihre Power beweist. Ganz zum Schluss holt Hanna dann ein Porträt Danilos aus dem Flügel: sie ist wieder Witwe… Zu einem echten Kosky gehören auch opulente Kostüme und reichlich Tanzeinlagen. Gianluca Falaschi (Kostüme) lässt sich von den Wilden Zwanzigern inspirieren und zaubert für die Damen prächtigste Abendroben und eindrucksvolle Kopfzierden («Kopfbedeckungen» wäre hier tiefgestapelt). Kim Duddy (Choreographie) lässt sich ebenfalls von der Berliner Aufführung 1928 inspirieren und zaubert die in Zürich kaum je gesehenen Reihen und Pyramiden der Revuen auf die Bühne. Für Geniesser ein Fest wie Weihnachten, Ostern und Geburtstag an einem Tag.

Patrick Hahns musikalische Leitung des Abends überzeugt durch ihre «rationalen» Ansatz im Sinne Koskys und vor allem durch sein perfektes Lautstärken-Management. Hahn gelingt, womit manch älterer Kollege in Zürich Probleme hat: das mag an den «unverbrauchten» Ohren liegen. Die Philharmonia Zürich folgt Hahn höchst aufmerksam und mit grosser Spielfreude. Ernst Raffelsberger hat den Chor der Oper Zürich bestens vorbereitet. Die Mitglieder des Chores geniessen ihren Auftritt sichtlich.

Der Statistenverein am Opernhaus Zürich, vor allem die Damen mit dem phänomenalen Kopfschmuck, trägt seinen Teil zum Zauber von Koskys Inszenierung bei.

Bassbariton Martin Winkler als Baron Mirko Zeta blüht in Koskys Regie richtiggehend auf und kann durchaus als Idealbesetzung gelten. Katharina Konradi gibt mit wunderbar vollem, rundem Sopran eine überzeugende Valencienne. Michael Volle gestaltet den Graf Danilo Danilowitsch mit kraftvoller Stimme als resignierten Lebemann. Marlis Petersen als Hanna Glawari wird als eine Erkältung auskurierend angesagt und kann daher nicht weiter kommentiert werden. Andrew Owens gelingt es leider nicht als Camille de Rosillon zu reüssieren: die Stimme entbehrt an diesem Abend ihres Fundaments, klingt schwach, die Höhen kommen nur mit Anlauf und gepresst und zweimal versagt die Stimme gar kurz ihren Dienst. Barbara Grimm gibt einen Njegus, der sich perfekt in Koskys Regiekonzept einfügt. Omer Kobiljak als Vicomte Cascada, Nathan Haller als Raoul de Saint‐Brioche, Valeriy Murga als Bogdanowitsch, Maria Stella Maurizi als Sylviane, Chao Deng als Kromow, Ann‐Kathrin Niemczyk als Olga, Andrew Moore als Pritschitsch und Liliana Nikiteanu als Praškowia ergänzen das vom Publikum begeistert gefeierte Ensemble.

Für Geniesser ein Fest wie Weihnachten, Ostern und Geburtstag an einem Tag.

 

Weitere Aufführungen:

Fr. 16. Feb. 2024, 19.00; So. 18. Feb. 2024, 13.00; Di. 20. Feb. 2024, 19.00; So. 25. Feb. 2024, 19.00;

Fr. 01. März 2024, 19.00; Di. 05. März 2024, 19.00; Do. 07. März 2024, 19.30; So. 10. März 2024, 20.00;

Di. 12. März 2024, 19.30; Do. 14. März 2024, 19.00.

 

15.02.2024, Jan Krobot/Zürich

 

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