Johann Strauss: Die Fledermaus • Opernhaus Zürich • Wiederaufnahme: 29.09.2026
(Premiere am 07.12.2025)
Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist
Die Wiederaufnahme der Fledermaus überrascht in musikalischer Hinsicht. In szenischer Hinsicht gilt frei nach dem Trinklied aus dem Finale des ersten Akts «Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist».

Foto © Herwig Prammer
Mit der Wiederaufnahme der Fledermaus gibt Jonathan Bloxham (Musikalische Leitung) sein Debüt am Opernhaus Zürich und feiert einen grossen Erfolg. Gleich nach der Ouverture beweist er seinen theatralischen Spürsinn: der Vorhang möchte sich nicht öffnen und so lässt er die Ouverture gleich nochmal spielen. Das Orchester der Oper Zürich zeigt sich erneut in allen Registern in Höchstform und spielt wunderbar klangschön, luftig, leicht und kristallklar. Bloxhams grosse musikalische Umsicht zeigt sich auch im weiteren Verlauf des Abends in der perfekten Koordination von Graben und Bühne, schlüssigen Akzenten und guten Spannungsbögen. Gerne möchte man ihn, Musikdirektor des Luzerner Theaters, öfter in Zürich erleben
Der Chor der Oper Zürich (Choreinstudierung: Klaas-Jan de Groot) agiert homogen und klangschön und geniesst es auf der «Party» (Wieso darf sie nicht «Ball» heissen?) «die Sau rauszulassen».
Bo Skovhus überzeugt mit klarem, manchmal etwas lautem Bariton und grosser Routine und frischem Spiel als Gabriel von Eisenstein. Camilla Nylund steht als seine Gattin mit einer über weite Strecken eher zurückhaltenden Interpretation der Rosalinde etwas in seinem Schatten. Der Csárdás gelingt ihr überzeugend. Sydney Mancasola (Adele) kann bei ihrem Hausdebut nicht überzeugen. Die Stimme ist an diesem Abend unsauber geführt (Vibrato) und neigt im Verbund mit stark outrierendem Spiel schnell zu Schärfen. Die Textverständlichkeit lässt sehr zu wünschen übrig. Ruben Drole gibt mit gut fokussiertem Bassbariton den Frank. Siena Licht Miller gelingt das Rollendebut als Prinz Orlofsky tadellos. Sie überzeugt mit ihrem vollen, warmen Mezzosopran, dem sie herrlich verführerische Tiefen entlockt. Johan Krogius überzeugt bei seinem Rollendebut als Alfred mit seinem wendigen, höhensicheren Tenor und dem nötigen Etwas in der Stimme. Thomas Lehman gibt den Dr. Falke mit agil geführtem, hellem Bariton. Die Rolle des Dr. Blind ist bei Martin Zysset, einer der Stützen des Zürcher Ensembles, in besten Händen. Flavia Stricker überrascht als Ida mit einer bewundernswerten Tanzeinlage.
Ramses Sigl hat die Tänzer (Gabriela Hinkova, Sara Pennella, Sara Peña, Valentina Rodenghi, Pietro Cono Genova, Daniele Romano, Roberto Tallarigo, Lukas Bisculm) choreographiert. Die Nornen des dritten Akts sind Barbara Grimm als Urd (die Vergangenheit), Melina Pyschny als Verdandi (die Gegenwart) und Lou Haltinner als Skuld (die Zukunft).
Anna Bernreitners Inszenierung kann weiterhin nicht überzeugen und lässt den Eindruck einer misslungenen Modernisierung immer stärker werden. Bernreitner erklärt im Programmheft, die Vorstellung verschiedene Lebensrealitäten als Option zu haben, habe sie schon immer fasziniert, genauso wie die Erkenntnis, sich für eine einzige Lebensrealität entscheiden zu müssen, sie schon immer frustriert habe. Die Rückwärtsgewandheit der Inszenierung, dieses sich Abarbeiten an zugefallenen Türen, ungenutzten Chancen und getroffenen Entscheidungen (der Figuren), wird in seiner Sinnlosigkeit nicht nur der Inszenierung (sondern auch der Gesellschaft) zum Verhängnis. Die Türen sind nicht mehr zu öffnen, die Chancen können nicht mehr genutzt werden und die getroffenen Entscheidungen sind nicht zu ändern. Der umgearbeitete dritte Akt mit den hinzugefügten drei Nornen und den unsäglich plumpen, banalen, an eine deutsche Karnevalssitzung in tiefster Provinz erinnernden Texten von Patti Basler wird zu einem Tiefpunkt der Opernregie. «Das Zuhause der Eisensteins im ersten Akt ist fast ausschliesslich in Grautönen gehalten. Ihr Haus ist umgeben von einer meterhohen Hecke hinter der sich Eisenstein so weit in sein Privatleben zurückgezogen hat, dass es wie ein Gefängnis wirkt» (Bühnenbild und Video: Hannah Oellinger und Manfred Rainer). Durch die Requisite (Geschirr) und die Beleuchtung (Lichtgestaltung: Martin Gebhardt) wirkt Eisensteins Daheim weniger als Gefängnis und mehr wie einer Sonderausgabe von «Schöner Wohnen» zur Farbe Grau entsprungen. Das Kostümbild von Arthur Arbesser schwelgt orgiastisch in den Schnitten und Farben der Mode der Siebziger Jahre.
In diesem Sinne: Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist.
Weitere Aufführungen:
Do. 08. Okt. 2026, 19.30; Sa. 17. Okt. 2026, 19.00; Fr. 23. Okt. 2026, 19.00; So. 25. Okt. 2026, 13.00.
30.09.2026, Jan Krobot/Zürich

