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ZÜRICH/ Opernhaus: DIE ENTFÜHRUNG AUS DEM SERAIL. Mozart-Oper oder Oper nach Mozarts Art? Wiederaufnahme

06.11.2022 | Oper international

Wolfgang Amadeus Mozart: Die Entführung aus dem Serail • Opernhaus Zürich • Wiederaufnahme: 05.11.2022

(Premiere am 06.11.2016)

Mozart-Oper oder Oper nach Mozarts Art?

Manchmal ist Opern-Inszenierungen ganz gut mit der Sprache der Gastronomie beizukommen und so fragt man sich hier entsprechend: Ist das eine Mozart-Oper oder eine Oper nach Mozarts Art? So eigenständig David Hermanns Regiearbeit auch sein mag, muss die Antwort lauten: Weder noch. Mit Mozarts Oper hat dieser Umsetzung so wenig zu tun, wie unter der Bezeichnung «veganes Schnitzel» verkaufter Fleischersatzstoff mit einem Wiener Schnitzel. Dabei zeigt der Blick aufs Repertoire, zeigen die Arbeiten eines Regisseurs, dass werkgerechte Aktualisierungen bei Opern Mozarts wie auch «Türken-Opern» ohne Weiteres möglich sind.

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Foto © T+T Fotografie / Tanja Dorendorf

David Hermann verlegt die Handlung in die Gegenwart. Konstanze wartet in einem Restaurant auf Belmonte, der zu spät kommt und ihr dann noch Vorwürfe macht. Man sage, sie sei die Geliebte des Bassa Selim. Konstanze lässt das natürlich nicht auf sich sitzen. Nun wird psychologisiert, was das Zeug hält, wo es gar nichts zu psychologisieren gibt. Woher nur kommt der Drang so vieler Regisseure auf Biegen und Brechen jede ihre Arbeiten in die Gegenwart zu verlegen und zu psychologisieren? Durch das Streichen der Dialoge werden einerseits eine Menge Unstimmigkeiten von Text und Bühne eliminiert. Andererseits zeugt die Streichung der Dialoge von geringer Kenntnis der Musikgeschichte. Natürlich ging man in früheren Zeiten freier mit den Werken um. Die Motivation war in aller Regel eine andere und man war dann auch so ehrlich die Kreationen umzubenennen. Wenn man bereit ist, die Ideen des Regisseurs höher zu gewichten als die Intentionen von Librettist und Komponist, kann man das so machen. Bettina Meyer (Bühnenbild) hat entsprechend ein Restaurant und das Schlafgemach von Konstanze und Belmonte auf die Bühne gebracht. Die Kostüme stammen von Esther Geremus, die Lichtgestaltung von Franck Evin.

In Sachen Musik, um bei Vokabular zu bleiben, ist die Frage eine andere: Schmalz, Öl oder beides? Mit dem Orchestra La Scintilla spielt die hauseigene Formation für historische Aufführungspraxis unter ihrem künstlerischen Leiter Riccardo Minasi. Im hochgefahrenen Orchestergraben ist der Funke gesprungen und Scintilla musiziert schlicht perfekt. Herrlich die satten, leicht herben Streicher, wunderbar die Bläser, prägnant das Schlagwerk. Besser kann man die Musik der Entführung eigentlich nicht spielen. Mit der gleichen Leidenschaft und Spielfreude agieren der Zusatzchor der Oper Zürich, die Chorzuzüger (Choreinstudierung Janko Kastelic) und der Statistenverein am Opernhaus Zürich. Dann wären noch die Sound-Collagen von Malte Preuss zu erwähnen: Sinn und Zweck erschliessen sich nicht.

Durch die Streichung der Dialoge wirkt Stefan Gubser als Bassa Selim schon fast unterbeschäftigt. Sofia Fomina gibt die Konstanze mit bestens geführtem, runden, höhensicheren und leicht dramatischem Sopran. Entsprechend dem Regiekonzept, das Blonde und Pedrillo als Alter Ego von Konstanze und Belmonte sieht, ist die Blonde mit dem etwas leichteren und wendigeren Sopran von Rebeca Olvera besetzt. Daniel Behle dürfte momentan die beste verfügbare Besetzung für den Belmonte sein. Die Stimme füllt das Haus ohne zu Dröhnen, ist absolut höhensicher und bestens geführt. Bei ihm wie bei allen anderen Solisten auch ist auf die hervorragende Textverständlichkeit hinzuweisen. Entsprechend ist der Pedrillo mit Nathan Haller wieder etwas leichter besetzt. Die Entdeckung des Abends ist Ante Jerkunica als Osmin. Seinen herrlichen dunklen Bass möchte man gern öfter hören!

Ein musikalisch höchst erfreulicher Abend.

Weitere Aufführungen: Fr. 11. Nov., 19.00; Fr. 18. Nov., 19.00; Sa. 26. Nov., 19.00; Do. 01. Dez., 20.00.

05.11.2022, Jan Krobot/Zürich

 

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