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ZÜRICH/ Opernhaus: DIE CSARDASFÜRSTIN

04.10.2020 | Operette/Musical


Pavol Breslik, Annette Dasch. Foto: Toni Suter/ Oper Zürich

 

Opernhaus Zürich: Kalman: Die Csardasfürstin     Vorstellung am 4. Oktober 2020

Emmerich Kalmans sicher beste Operette „Die Czardasfürstin“ hatte vor kurzem am Opernhaus Zürich Premiere in der Deutung von JAN PHILLIP GLOGER. Der Schauspieldirektor des Nürnberger Staatstheaters verfügt über einige Opernerfahrung. Jetzt widmet er sich erstmals dem Genre Operette. Und er tut dies mit einer neuen Textfassung und einem gänzlich neuen Konzept.

Auf einer Luxusjacht in der Südsee spielt die Handlung zunächst. Partygeile Junggesellen wie Boni und Feri Baci kaufen sich hemmunslos einheimische Sexsklavinnen und besaufen sich sinnlos in ekelhafter Dekadenz. Dabei vermüllen sie achtlos die Umwelt, überlassen vorbeitreibende Flüchtlinge ihrem Schicksal und singen fröhlich, als gäbe es kein Morgen. Unter dem Personal ist die Animateurin Sylva, die das Abendprogramm mit Balkangesängen bestreitet, aber auch tagsüber serviert und putzt. Ebenfalls an Bord ist ein Paar, in dieser Inszenierung bereits zu Beginn unglücklich verheiratet: Edwin und Stasi. Edwin verliebt sich jedoch unsterblich in Sylva und das Drama nimmt seinen Lauf. Herrlich ist der Einfall, die Hochzeit Ende des ersten Aktes irgendwo in Polynesien spielen zu lassen. Skurrile Tänze und Riten machen sie zu einer Urlaubshochzeit, der Sylva nicht trauen mag. Bild- Zitate aus Filmen wie „Der Untergang der Titanic“ ironisieren treffend die scheinbare Idylle auf dem Schiff. Dann zerbirst dieses und in den Folgeakten befinden wir uns auf dem Wrack im vermüllten Meer. Niedliche Tiere gesellen sich auf die letzten, rettenden Planken und Schollen paarweise, wie zu biblischen Arche Noah-Zeiten, bevor sie am verschlungenen Plastik verenden. Der Deus ex machina ist diesmal Edwins Vater, der jedoch nur zwei Seelen retten möchte und sie mit zu sich aufs Raumschiff nimmt und dann ins Außerirdische hinausführt. Marsmännchenähnliche Lemuren tanzen den letzten Walzer mit, die Erde bleibt vergiftet und unbewohnbar, ist inzwischen weit weg, aber die Party geht kollabierend besinnungslos weiter.

Gloger und sein Team (eine farbige Dreh-Schiff- Bühne: FRANZISKA BORNKAM, stimmungsvolles Licht: MARTIN GEBHARDT und sehr einfallsreiche Kostüme: KARIN JUD) zeigen, dass Operette unterhaltsam und nicht oberflächlich zugleich sein kann. Nicht immer sind die Dialoge zündend auf den Punkt gesprochen, auch dreht sich das Schiff allzu oft, aber die Fahrt hat Tiefgang, ohne Schwung und Sarkasmus missen zu lassen. Sozusagen eine Czardasfürstin als „Gesellschaftskritik light“, die näher an der grausamen Wirklichkeit ist, als uns lieb sein darf.

ANNETTE DASCH als Sylva Varescu spielt differenziert den Konflikt einer Schiffsangestellten, die eine Liason mit einem betuchten, adeligen, verheirateten Mann eingeht, und nie weiß, ob sie sich das zutrauen soll und ob die Gefühle des eher schüchternen Liebhabers von Dauer sind.  Sie singt mit glühendem Schmelz und großer, manchmal intimer Musikalität und verleiht der Divenrolle damit mehr als nur äußerlichen Glamour. Ihr Partner Edwin, den PAVOL BRESLIK mit einem runden, weich-timbrierten und legato-fähigem Tenor verkörpert, zagt lange, bis er sich, als es den äußeren Umständen nach zu spät ist, zu seiner neuen Liebe bekennt. Das berühmte Duett „Weißt Du es noch“ ist dann auch der musikalische Höhepunkt dieser Aufführung.

Komtesse Stasi, hier nicht die vom Libretto liebreizende Soubrette, sondern eine fauchende Ehefrau, ist bei REBECA OLVERA in besten Händen. Fokussiert und mit blendender Höhe singt sie ihre Linien. Unmotiviert wirkt dramaturgisch ihr schneller Liebeswechsel vom Ehemann zum Liebhaber, aber dafür kann sie nichts. Da zahlen die neuen Dialoge doch manchen Preis.

Dieser Liebhaber Boni soll SPENCER LANG als ein gewissenloser Dandy sein, wobei ihm die Rollenzeichnung nur teils glaubhaft gelingt. Sowohl Stimme wie Spiel wirken oft zu unterspannt, dadurch bleibt er allerdings locker. Eher fest hingegen, vokal wie szenisch, präsentiert MARTIN ZYSSET seinen Feri-Baci. Kaum nimmt man ihm einen erfahrenen Bonvivant ab, eher einen ältlichen Kreuzfahrttouristen, der mit seinem eidgenössischen Idiom jedoch lokale Sympathien entfachen kann. Er darf ein eingebautes, einem umständlichen Umbau geschuldetes Couplet von Noah singen, in der Manier des Dritten- Akt– Komikers, doch neue Farben bleiben aus.

Eine kleine Crew von Tänzern bevölkert die Fregatte, schlüpft in verschiedenste Gewandungen und bewegt sich choreografisch äußerst geschickt. (Choreographie: MELISSA KING). So ist diese Deutung auf der Bühne ein quirliges Kammerspiel.

Die musikalische Leitung findet einen Kilometer entfernt statt. LORENZO VIOTTI hat es nicht einfach, denn Chor und Orchester der Philharmonia Zürich musizieren vom Orchesterproberaum in der Kreuzstrasse aus und werden ins Opernhaus live eingespielt. Die Solisten singen live dazu. Eine Lösung, die einen großen, den von Kalman üppig instrumentierten  Orchesterklang ermöglicht. Und das Dirigat entlockt der Philharmonia leuchtende Brillanz, leidet jedoch unter einer gewisser Behäbigkeit. Es dauert oft (zu) lange, bis die folkoristischen Tänze Fahrt aufnehmen und manches Melos löst sich dadurch Einzelteile auf.  So ist das ungarische Feuer nicht wirklich musikalisch zu spüren. Dennoch, auch unter diesen schwierigen Umständen, durch verschiedenen Räumlichkeiten getrennt, Musik zu machen und diese dann nicht nur zeitlich zusammenzubekommen, gelingt allen Beteiligten sehr viel. Die Tonanlage sollte zurückhaltender agieren und den unverstärkten Gesangsstimmen  mehr Raum gewähren.

Es ist eine intelligente und  trocken-ironische Aufführung gelungen, die vom Publikum goutiert wird. Herzlicher Applaus.

Das Züricher Opernhaus zeigt mutig, wie auch groß besetzte Opern und in diesem Fall Operetten in diesen Zeiten umgesetzt werden können. Auch im Zuschauerraum sind deutlich mehr Menschen zugelassen als in anderen europäischen Ländern. Es herrscht dauerhafte Maskenpflicht, die die Zuschauer rücksichtsvoll und dankbar einhalten.

 

Christian Konz

 

 

 

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