Georges Bizet: Carmen • Opernhaus Zürich • Wiederaufnahme: 18.01.2026
Eine Koproduktion mit der Opéra Comique Paris
(Premiere am 07.04.2024)
Auch wenn der Einstieg in die Serie auf hohem Niveau erfolgt, ist noch Luft nach oben
Andreas Homokis Inszenierung von Bizets Meisterwerk «Carmen» vermag auch bei der ersten Wiederaufnahme nur bedingt zu überzeugen. Das Bestreben dem Spanien der «Kitschpostkarten mit Flamencotänzerinnen und aufgeklebtem Stoff in Glitzer» aus dem Weg zu gehen, endet im anderen Extrem.

Foto © Toni Suter
Andreas Homoki (Inszenierung) sieht seine Inszenierung als «Hommage an die Opéra Comique, an die Reise, die diese Oper und der Mythos «Carmen» seit der Zeit der Uraufführung bis in unsere Tage angetreten haben». So spielen die beiden ersten Akte in der Zeit der Uraufführung, der dritte Akt während des Zweiten Weltkriegs und der vierte Akt in der Gegenwart, gestaltet durch einen jungen Mann, der auf die Bühne stolpert, dort einen Klavierauszug von «Carmen» findet, so in die Geschichte hineingerät und sie als Don José erlebt. Das Spanien, wie man es von «Kitschpostkarten mit Flamencotänzerinnen und aufgeklebtem Stoff in Glitzer» kennt, will er «so natürlich nicht auf der Bühne sehen». Dazu hat Paul Zoller (Bühnenbild) den Bühnenraum der Opéra comique, die Seitenwände und die Rückwand wie auch den gerne und häufig bewegten Vorhang, nachgebildet. Das Resultat ist eine intellektuelle Arbeit, die jeglicher Emotion entbehrt und diese auch nicht wirklich aufkommen lässt. Für Szenen wie den Aufmarsch der Wache oder die Pause der Zigarrenarbeiterinnen müssen so krampfhaft Bilder gesucht werden. Und die Einkleidung von Don José durch den Kinderchor, statt der Parodie der Wachen, und der sich öffnende Vorhang, der den Blick auf ein Tableau Vivant der Zigarrenarbeiterinnen freigibt, erweisen sich hier als veritable Stimmungskiller. Die Auftritte des Chors laufen auf ein Defilee des Kostümbilds hinaus (Kostüme: Gideon Davey; Co-Regie, Choreografie: Arturo Gama).
Mit Domingo Hindoyan (Musikalische Leitung) steht ein Dirigent im Graben, der durch seine gute Arbeit und nicht mit akustischen Nebengeräuschen auffällt. Mit diskreter, aber deutlicher Schlagtechnik hat er das Geschehen tadellos im Griff und überzeugt durch schlüssige, lebendige Tempi und ein ideales Lautstärken-Management. Das Orchester der Oper Zürich spielt mit sattem Klang inspiriert auf und vermag die Emotionen der Partitur eindrücklich umzusetzen. Klaas-Jan de Groot hat die Chöre (Chor der Oper Zürich, Kinderchor der Oper Zürich und SoprAlti der Oper Zürich) tadellos vorbereitet.
Elīna Garanča gibt in dieser Serie zum letzten Mal die Carmen. Der Abschied von einer ihrer Schlüsselrollen gelingt ihr erwartbar beeindruckend. Die Stimme sitzt perfekt, trägt bis in den letzten Winkel des Hauses und gibt ihr so die Möglichkeit, intensiv zu gestalten. Aber selbst eine Weltklasse-Künstlerin wie Garanča kann es nicht verhindern, dass die Titelfigur in dieser Inszenierung in bisschen wie ein Fremdkörper wirkt. Olga Peretyatko kann als Micaëla leider nur bedingt überzeugen. Rein musikalisch ist die Interpretation nicht zu beanstanden. In der nüchternen Atmosphäre der Inszenierung vermag sie aber kaum Emotionen zu vermitteln. Siena Licht Miller als Mercédès und Yewon Han als Frasquita gelingen ihre Rollendebuts absolut überzeugend. Stanislas de Barbeyrac präsentiert sich an diesem Abend als Idealbesetzung des Don José. Die Stimme ist souverän geführt und überzeugt in den Dialogen mit idiomatischer Diktion. Die Reserven teilt er klug ein, ohne verzichten zu müssen, und begeistert auch im vierten Akt noch mit berückend intensiven Piani. Ildebrando d’Arcangelo begeistert als Escamillo mit prägnantem, tadellos geführtem, kernigem Bassbariton und guter Bühnenpräsenz. Johan Krogius als Le Remendado, Gregory Feldmann als Le Dancaïre, Guram Margvelashvili als Moralès und Stanislav Vorobyov als Zuniga ergänzen das Ensemble auf höchstem Niveau.
Auch wenn der Einstieg in die Serie auf hohem Niveau erfolgt, ist noch Luft nach oben.
Weitere Aufführungen:
Mi. 21 Jan 2026, 19.00; Fr. 23. Jan. 2026, 19.00; Di. 27. Jan. 2026, 19.00; Sa. 31. Jan. 2026, 19.00.
19.01.2026, Jan Krobot/Zürich

