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ZÜRICH/Opernhaus: CARMEN. Keine «Kitschpostkarten mit Flamencotänzerinnen und aufgeklebtem Stoff in Glitzer». Musikalisch funktioniert die Zürcher «Carmen».

28.01.2026 | Oper international

Georges Bizet: Carmen • Opernhaus Zürich • Vorstellungen: 21.01.2026 und 27.01.2026

Eine Koproduktion mit der Opéra Comique Paris

(2. und 4. Vorstellung • Wiederaufnahme: 18.01.2026 • Premiere am 07.04.2024)

Keine «Kitschpostkarten mit Flamencotänzerinnen und aufgeklebtem Stoff in Glitzer»

Musikalisch funktioniert die Zürcher «Carmen».

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Foto © Toni Suter

Das Bestreben von Andreas Homokis Inszenierung dem Spanien der «Kitschpostkarten mit Flamencotänzerinnen und aufgeklebtem Stoff in Glitzer» aus dem Weg zu gehen, endet im anderen Extrem, einer stimmungslosen Beliebigkeit. In diesem Setting (Bühnenbild: Paul Zoller) liessen sich (mit minimalen Änderungen beim Kostümbild von Arturo Gama) noch zig andere Opern aufführen. Auch wenn Bizets «Carmen» nicht Spanien selbst, sondern Spanien so, wie man es sich 1875 in Frankreich vorstellte, zeigt, lebt das Stück doch genau von diesen Vorstellungen und den Bildern, die dem Zuschauer in den Kopf kommen, wenn er «Spanien» hört. Die Idee mit Verfremdungen zu arbeiten ist nicht grundsätzlich falsch. Hier aber geht mit der leeren Bühne (und dem Schnee im dritten Akt) der letzte Rest Stimmung verloren und es gelingt auch den besten Sängern nicht, diese Leere mit einer Stimmung (welcher Art auch immer) zu füllen. Damit sind die Voraussetzungen nicht anders als bei einer konzertanten Aufführung. Zu einer «Hommage [Huldigung] an die Opéra Comique, an die Reise, die diese Oper und der Mythos «Carmen» seit der Zeit der Uraufführung bis in unsere Tage angetreten haben» taugt diese Verneinung des Mythos als dem «zur Legende Gewordenen» nicht wirklich.

Domingo Hindoyan (Musikalische Leitung) hat das Geschehen gut im Griff und erweist sich auch in den zu besprechenden Vorstellungen als verlässlicher Sängerbegleiter, dem ein gute Balance zwischen Melodram und «Arien» gelingt. Das Orchester der Oper Zürich überzeugt auch an diesen Abenden mit feinem, rhythmisch präzisem und ausgesprochen farbenreichem Wohlklang. Die Chöre (Chor der Oper Zürich, Kinderchor der Oper Zürich und SoprAlti der Oper Zürich, einstudiert von Klaas-Jan de Groot) überzeugen mit homogenem, sattem Wohlklang und der gleichen selbst die unmöglichsten von der Regie vorgegebenen «Tanzbewegungen» umfassenden, überzeugenden Spielfreude, mit der der Statistenverein am Opernhaus Zürich seinen Teil zum Gelingen des Abends beiträgt.

Elīna Garanča macht einmal mehr nicht nur mit ihrer spürbar intensiven Bühnenpräsenz klar, warum sie eine Weltklasse-Sängerin ist: Die Stimme sitzt perfekt, trägt bis in den letzten Winkel des Hauses und gibt ihr so die Möglichkeit, souverän und packend ihre Rolle zu gestalten. Das «packend» ist dabei zu relativieren: die szenischen Bedingungen machen es einem eher «kühlen» Charakter natürlich noch schwerer, so deutliche Leidenschaft auf die Bühne bringen zu können wie dies zum Beispiel der in Zürich unvergessenen Agnes Baltsa möglich war. Auch in diesen Vorstellungen gelingt es Olga Peretyatko nicht, als Micaëla zu überzeugen. Die Sängerin kann sich zweifellos apart bewegen und im ersten Moment klingt die Stimme auch schön. Die Stimme hat aber kaum Fundament und Peretyatko gelingt es nicht, die auch ihrer Partie so reich vorhandenen Emotionen zu transportieren. Für die in Zürich gespielte Original-Fassung der «Carmen» ist Stanislas de Barbeyrac eine Idealbesetzung des Don José. Der kernige Tenor ist souverän geführt und die Stimme glänzt mit einem ideal ausgeglichenen Verhältnis von Schmelz und Metall. Der Sänger erweist sich als begnadeter Stilist im Fach der Opéra comique; als Muttersprachler gelingen ihm so wichtigen, weil gattungskonstituierenden Dialoge rundum perfekt. Ildebrando d’Arcangelo gibt den Escamillo mit kernigem Bassbariton, superber Atemtechnik und grosser Routine. Siena Licht Miller als Mercédès und Yewon Han als Frasquita wie Johan Krogius als Le Remendado, Gregory Feldmann als Le Dancaïre, Guram Margvelashvili als Moralès und Stanislav Vorobyov als Zuniga ergänzen gewohnt hochkarätig das Ensemble

Musikalisch funktioniert die Zürcher «Carmen».

Weitere Aufführung: Sa. 31. Jan. 2026, 19.00.

28.01.2026, Jan Krobot/Zürich

 

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