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ZÜRICH/ Opernhaus: CARDILLAC. Das Wagnis hat sich gelohnt. Premiere

16.02.2026 | Oper international

Paul Hindemith: Cardillac • Opernhaus Zürich • Premiere: 15.02.2026

Das Wagnis hat sich gelohnt

Mit Paul Hindemiths «Cardillac» bietet das Opernhaus Zürich seinem Publikum einen spannenden Opernabend. Das Wagnis diesen Singulär der Opernliteratur zu programmieren, hat sich gelohnt.

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Foto © Monika Rittershaus

Kornél Mundruczó (Inszenierung) verlegt die Handlung aus dem Paris des 17. Jahrhunderts in die Gegenwart, in ein vielleicht im Duty-Free-Bereich eines Umsteige-Flughafen zu lokalisierendes Shopping-Center. Dank der opulenten Ausstattung von Monika Korpa funktioniert die Verschiebung gut. Die beiden Rahmen-Akte spielen in der Mall, der Mittel-Akt in Cardillacs Werkstatt, die sich in seinem Laden («Luxury C Jewels») in der Mall befindet. Die Feld-Gendarmerie des Ancien Régime («prévôté») wird zur Security der Mall. Die Dame und der Kavalier wie auch der Offizier und der König werden zur vermögenden Kundschaft, die die entsprechenden Malls frequentiert. So sehr die Ausstattung den Zugang zum Werk erleichtert: die Schlüsselszene des Werks geht, zumindest am Premierenabend, in der Opulenz unter. Die Nummer 6 «Duett für zwei Flöten (Pantomime)» ist dadurch charakterisiert, das während der ganzen Nummer die Singstimmen schweigen und während der Ermordung des Kavaliers selbst das Orchester aussetzt. Das Liebesspiel ist für das Publikum natürlich gut sichtbar, wird dadurch aber auch zu einem «Nebenschauplatz». Die Ermordung verläuft dann reichlich blutig und nicht ganz so, wie vom Libretto vorgegeben: Der Mörder schleicht weder noch lauert er, sondern muss mit dem Kavalier, der keineswegs von ihm überrascht wird, kämpfen. Das reichlich fliessende Blut lenkt dann endgültig von dem ab, was akustisch geschieht. Oder eben auch nicht geschieht. Der zweite Akt spielt dann, dem Libretto entsprechend, in Cardillacs Werkstatt. Diese befindet sich im rückwärtigen Teil des Geschäfts, was mit sich bringt, dass das Geschehen, bedingt durch die beiden Geschosse der Mall, für die Ränge nur sehr schlecht einsehbar sein dürfte: die ober Hälfte des Portals bleibt schwarz. In diesem zweiten Akt beschäftigen sich Hindemith und sein Librettist Ferdinand Lion intensiv mit der Grundthematik des Stücks, der Problematik des Loslassens, die die Medizin als «Cardillac-Syndrom» kennt. Konkret beleuchten sie zwei Facetten des Loslassens: Das Loslassen des Künstlers Cardillac von seinen Kunstwerken und, weniger deutlich, das Loslassen der Tochter von ihrem Vater Cardillac. Warum Cardillac da noch als Alkoholiker gezeigt werden muss, will sich nicht wirklich erschliessen. Im Weiteren gelingt Mundruczó die Zeichnung der Figuren, von denen ja nur die Hauptfigur einen individuellen Namen trägt, gut. Der Statistenverein am Opernhaus Zürich belebt das Shopping-Center und Elfried Rollers Lichtgestaltung vervollständigt das positive Bild des Abends.

Fabio Luisi (Musikalische Leitung) am Pult des Orchesters der Oper Zürich streicht mit grosser Sachlichkeit die für die Partitur charakteristische Vielfalt der Formen heraus. Ein besonderes Lob geht an die hier stark geforderten Blechbläser und das Schlagwerk. Der Chor der Oper Zürich (Choreinstudierung: Klaas-Jan de Groot) überzeugt mit wohldosierter, intensiver Klangwucht und beeindruckender Hingabe ans Spiel.

Bassbariton Gábor Bretz, wie alle anderen Solisten ein Rollen-Debütant, gibt als Goldschmied Cardillac ein überzeugendes Haus-Debüt. Mit klarer Stimme zeichnet er ein beeindruckendes Künstler-Porträt. Anett Fritsch begeistert als Tochter, deren Wirken von ihrem Vater so überhaupt nicht gewürdigt wird und trotzdem nicht von ihm lassen kann. Michael Laurenz, 2008 bis 2010 Mitglied des Internationalen Opernstudios, kehrt als Offizier ans Opernhaus Zürich zurück und triumphiert mit einem perfekt fokussierten Heldentenor. Stanislav Vorobyov als Goldhändler erweist sich mit tadellos geführtem Bass einmal mehr als Stütze des Ensembles. Dorottya Láng Dame und Sebastian Kohlhepp als Kavalier überzeugen in ihrem kurzen Einsatz im ersten Akt mit sauber geführten Stimmen und vorbildlicher Textverständlichkeit. Brent Michael Smith gibt den Führer der Prévôté mit agilem, wohlfokussiertem Bass. Stanislav Hnat (König) erinnert mit leuchtend roten Lippen an einen zeitgenössischen «Modeschöpfer». Wer da wohl Vorbild gewesen sein mag?

Das Wagnis «Cardillac» zu programmieren, hat sich gelohnt.

Weitere Aufführungen:

Mi. 18.02.2026, 19.00; Sa. 21.02.2026, 19.00; Mi. 25.02.2026, 19.00; So. 01.03.2026, 14.00;
Fr. 06.03.2026, 19.00; Di. 10.03. 2026, 19.00.

16.02.2026, Jan Krobot/Zürich

 

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