Richard Strauss: Arabella • Opernhaus Zürich • Vorstellung: 18.04.2026
(2. Vorstellung • Wiederaufnahme: 14.04.2026 • Premiere am 01.03.2020)
Ruhige Sachlichkeit und klare Nachvollziehbarkeit fernab jeglicher regietheatraler Egomanien
Mit der lyrischen Komödie «Arabella» zeigt das Opernhaus Zürich nach der Saisoneröffnung mit «Der Rosenkavalier» nun auch Strauss zweite Konversationsoper, die selbstgewählte Konkurrenz zu und «Weiterentwicklung» von seinem Erfolgswerk.

Foto © Toni Suter
Mit den Inszenierungen von «Lucia di Lammermoor», «Hänsel und Gretel», «Pique Dame», «Tosca», «Semele» und «Arabella» war und ist Robert Carsen seit Jahrzehnten am Opernhaus Zürich präsent und erhielt neben der Gunst des Publikums auch jene von bis jetzt mindestens vier Intendanten. Carsens Inszenierungen bestechen seit jeher durch ihre ruhige Sachlichkeit und klare Nachvollziehbarkeit fernab jeglicher regietheatraler Provokationen und Egomanien. Auch bei dieser «Arabella» ist das nicht anders und so spiegelt diese den Zeitgeist und das Zeitgeschehen, wie es Carsen im Libretto als Charakteristikum der Libretti von Hofmannsthal beschreibt. Wie «Der Rosenkavalier» (uraufgeführt am 26. Januar 1911) beschreibt auch «Arabella» (uraufgeführt am 1. Juli 1933) eine anderen Zeit als die, in der sie spielt. Die Möglichkeit kritische Entwicklungen der Gegenwart «gegenwärtig» zu beschreiben, ist eine Errungenschaft freiheitlicher Staaten und der Gegenwart. Mögen die einzelnen Gründe auch unterschiedliche gewesen sein, so musste auch Strauss wie zum Beispiel die Komponisten der Grand Opéra seine Stück in ein «historisches Mäntelchen» kleiden. So ist es durchaus folgerichtig, wenn Carsen seine «Arabella» im Wien des Jahres 1938 (und nicht wie vom Libretto vorgegeben im Wien des Jahres 1860 und auch nicht 1933, im Jahr der Uraufführung) spielen lässt. Für Strauss und Hofmannsthal, aber auch viele andere, waren die Entwicklungen der dreissiger Jahre vorauszuahnen. So bestand Strauss bei der Uraufführung auf der Nennung seines Librettisten Hofmannsthal. Und trotzdem gab Strauss, der noch Ende März 1933 an den Dirigenten Fritz Busch, einen der Widmungsträger der Partitur, telegraphiert hatte, die Uraufführung der Arabella sein ohne ihn und Alfred Reucker, den zweiten Widmungsträger der Partitur und ehemaligen Intendanten der Sächsischen Staatstheater und wie Busch von den Nationalsozialisten Anfang März 1933 aus dem Amt entfernt, nicht denkbar, am 10. April 1933 seine Zustimmung, dass Clemens Krauss das Dirigat der Uraufführung übernehme. 1938, in dem Jahr, in dem Carsen die «Arabella» ansiedelt, war der Anschluss Österreichs ans Deutsche Reich erfolgt, und klar, dass Strauss, der am 15. November zum Präsidenten der Reichsmusikkammer ernannten worden war und 1935 den Arabella-Autographen als Hochzeitsgeschenk an Göhring überreicht hatte, mit den Nationalsozialisten kollaborierte: der Aufstieg einer neuen «sozialen Schicht», der sich in «Arabella» andeutet, hat sich vollzogen. Gideon Davey (Ausstattung) hat auf der Bühne absolut stimmig und passend den Innenraum eines Grand Hotel in den Farben Rot, Weiss und Schwarz nachgebildet. Passend zu den «Hausfarben» der Neuen Zeit. Man könnte aber auch, angesichts der Finanzknappheit der Familie Waldner und dem Gebaren der Repräsentanten der Neuen Zeit, auf die Idee kommen, dass das Haus nicht (mehr) zu den ersten Adressen gehört und die Zimmer nicht nur nächteweise vermietet werden (Lichtgestaltung: Robert Carsen und Peter van Praet). Alle Beteiligten gehen mit der Ausstattung und den Kostümen ausgesprochen verantwortungsvoll um. In einer Zeit, die immer mehr das Bewusstsein für die Geschichte verliert, ist diese Deutlichkeit leider notwendig. Philippe Giraudeau choreographiert die Hotelangestellten (Tänzer und Statistenverein am Opernhaus Zürich), die die neue «Elite» auch mit einem Schuhplattler (Kompliment für die Umsetzung!) unterhalten müssen.
Das in grosser Besetzung angetretene Orchester der Oper Zürich begeistert unter der sensiblen, umsichtigen musikalische Leitung von Markus Poschner mit fein ziseliertem, wunderbar inspiriertem Wohlklang. Ernst Raffelsberger hat den Chor der Oper Zürich überzeugend vorbereitet.
Wolfgang Bankl gibt den Grafen Waldner mit profundem Bass, leicht wienerischer Diktion und mustergültiger Textverständlichkeit. Die Adelaide von Stephanie Houtzeel überzeugt mit gut geführter Stimme, guter Text-Verständlichkeit und Bühnenpräsenz. Diana Damrau kann an diesem Abend als Arabella nur bedingt überzeugen. Die Mittellage spricht gut an, in den Höhen aber neigt die Stimme zu Schärfen, im Piano-Bereich dazu, den Orchesterklängen nicht durchgehend Paroli bieten zu können. Trotz Damraus intensiver Bühnenpräsenz scheint bei dieser Arabella der Lebensabschnitt, der gemeinhin mit dem Begriff «Jungmädchenzeit» verbunden wird, schon etwas länger zurückzuliegen. Anett Fritsch lässt als Zdenka einen gut fokussierten Sopran hören, der bis auf die zu Schärfen neigenden Höhen tadellos verständlich ist. Es gelingt ihr mit dem idealen Mass an «Jungenhaftigkeit» eine glaubwürdige, stimmige Umsetzung der praktischer Veranlagten der beiden Schwestern. Die Krone des Abends gebührt dem Mandryka von Michael Volle: hier stimmt alles. Die Stimme sitzt perfekt, die Textverständlichkeit ist mustergültig und die Bühnenpräsenz überragend. Pavol Breslik gibt den Matteo mit viel, fast zu viel Kraft und entsprechend Metall in der Stimme. So nimmt die Textverständlichkeit im Forte ab und die Verzweiflung des unerhörten Liebhabers tritt hinter der martialischen Männlichkeit zurück. Johan Krogius überrascht als Graf Elemer mit ausgesprochen wohlklingendem, tadellos geführtem Tenor. Felix Gygli als Graf Dominik und Brent Michael Smith als Graf Lamoral mit tadellos geführten, wohlklingender Stimme und guter Bühnenpräsenz. Bei der Fiakermilli von Yewon Han fällt auf, dass die Koloraturen in der Höhe zwar perfekt kommen, dieser Bereich der Stimme aber mit der Mittellage nicht wirklich verbunden ist. Irène Friedli gibt eine eher diskrete Kartenaufschlägerin, die stimmlich mit ihrer Kundin Adelaide nicht unbedingt auf Augenhöhe steht. Samuel Wallace als Zimmerkellner, Martin Zysset als Welko, Ruedi Auwärter als Djura und Christoph Uhlemann als Jankel ergänzen das stimmige Ensemble.
Eine alles in allem stimmige Ensembleleistung.
Weitere Aufführungen: Mi. 22. April 2026, 19.00; Sa. 25. April 2026, 19.00; Di. 28. April 2026, 19.00.
20.04.2026, Jan Krobot/Zürich

