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ZÜRICH/ Kammeroper: PÉPITO / POMME D’API.  Zwei glänzende Perlen aus dem Offenbachschen Oeuvre. Premiere

30.12.2021 | Operette/Musical

Jacques Offenbach: Pépito / Pomme d’Api • Zürcher Kammeroper • Premiere: 29.12.2021

 Zwei glänzende Perlen aus dem Offenbachschen Oeuvre

J. Offenbach: Pomme d'Api /Pépito – VERSCHOBEN WEGEN CORONA – Julia  Schiwowa – Sängerin

Nach der letzten Produktion der Pocket Opera Company mit Georges Bizet „Don Procopio“ wird nun die Tradition der Aufführung von Juwelen der Literatur der komischen Oper/Operette, die weder vom Opernhaus noch den Operettenbühnen berücksichtigt werden und somit die Neugier bei Presse und Publikum wecken, in kammermusikalischer Besetzung und einfachem Bühnenbild bei Publikumsnähe und gesungen in der Originalsprache mit deutschen Zwischentexten/Dialogen weitergeführt. Der neu gegründete Verein Zürcher Kammeroper führt die Tradition nun mit zwei Perlen aus dem Offenbachschen Oeuvre weiter.

Die Orchesterarrangements von «Pépito – Das Mädchen von Elizondo» (1853) und «Pomme d’Api» (1873) stammen von Wolfgang Drechsler. Wer die Texte übersetzt, bearbeitet und arrangiert hat, ist leider nicht ausgewiesen. Beide Handlungen sind jeweils um eine Gesangspartie, zwei fast stumme Partien und den Conferencier ergänzt. Die Regie liegt in den bewährten Händen von Paul Suter, das sparsame, aber in beiden Fällen sehr aussagekräftige Bühnenbild stammt von Gaston Humbert Divan Tapis. Die Lichtgestaltung stammt von Markus Brunn, die Kostümberatung besorgte Monika Schmoll und die Korrepetition und musikalische Assistenz Kelly Thomas. Das Resultat ist ein Abend, der nahtlos an die Leistungen der Pocket Opera Company anschliesst und eine würdige Bereicherung des Zürcher Musiklebens ist.

«Pépito – Das Mädchen von Elizondo» ist Offenbachs erstes Werk, das an einer ernstzunehmenden Bühne aufgeführt wurde. Die Opéra-comique en un acte mit dem Libretto von Léon Battu und Jules Moinaux nach einem Vaudeville von Eugène Scribe wurde am 28. Oktober 1853 im Théâtre des Variétés in Paris uraufgeführt. Offenbach, der sich seit den 1840er-Jahren bemühte im heiteren Musiktheater Paris Fuss zu fassen, bot (vermutlich) auch «Pépito» erfolglos der Opéra comique an (Brief Offenbachs an Emile Perrin vom 12. Januar 1853). «Pépito», geprägt vom Esprit Adolphe Adams, dem Brio Rossinis und der Sentimentalität der Salon-Romanze, steht auch für die Kontinuität von Opéra comique und Opéra bouffe, denn sie konnte 1856 ohne grosse Änderungen ins Repertoire des Théâtre des Bouffes-Parisiens übernommen werden.

Zu «Pépito – Das Mädchen von Elizondo» gibt das aufliegende Programmblatt die folgende Inhaltsangabe: «An einem heissen Spätsommerabend steigt in Elizondo ein Mann aus dem klapprigen Autobus. Er hat Durst, ist müde nach der langen, mühseligen Fahrt. Es sind kaum Menschen auf der staubigen Strasse. Er betritt den einfachen Gastgarten eines kleinen, Restaurante namens «EI cocodrilo». Im schattigen Hintergrund des Gartens sitzt ein alter Priester mit seiner Haushälterin. Man hat beinahe das Gefühl, die beiden sässen schon seit Jahrzehnten dort. Der Mann aus Madrid setzt sich, bestellt beim unwirschen Gastwirt etwas gegen den Durst, gibt sich seinen Erinnerungen hin und taucht ab in die Vergangenheit. Seine Gedanken kreisen um eine junge, schöne Gastwirtin namens Manuelita. Deren Lokal „Esperanza“ grenzt an jenes des draufgängerischen Vertigo. Dieser Hansdampf in allen Gassen ist ein Aufschneider, der die verschiedensten Berufe ausübt, ohne auch nur in einem einzigen Metier erfolgreich zu sein. Er begehrt Manuelita. Sie weist ihn schroff zurück. Beim Erscheinen eines gewissen Miguel taut sie allerdings etwas auf, ist der junge Mann doch ein Freund aus Kindheitstagen. Die beiden erinnern sich in heiterer Stimmung ihrer früheren Spielkameraden. Als ein Bursche mit Namen Pepito erwähnt wird, verdüstert sich das Gemüt Manuelitas, denn dieser Pepito ist ihr Verlobter, von dem sie seit Jahren kein Lebenszeichen, keinen Brief mehr erhalten hat. Mittlerweile hat Vertigo beobachtet, dass bei Manuelita ein junger Kerl aufgetaucht ist. Oh, den kennt er sogar, war Miguel damals doch auch mit ihm befreundet. Vertigo ist argwöhnisch, eifersüchtig und beschliesst, Miguel durch ein Schlafmittel, welches er in den von ihm offerierten Wein träufelt, ausser Gefecht zu setzen. Das Vorhaben scheitert allerdings da Miguel die Machenschaften Vertigos nicht entgangen sind. Er vertauscht die Becher und so wird Vertigo selbst Opfer seiner Heimtücke. Miguel ist hingerissen von Manuelita und bedrängt sie nun seinerseits was bei ihr Schock und Trauer auslösen. Der ältere Besucher aus Madrid kehrt mit seinen Gedanken wieder in die Gegenwart zurück, bestellt beim Gastwirt erneut vom selben Wein. Er spricht vor sich hin, berichtet von seiner Jugend, von seiner Ehe mit der vermögenden Teresita de Falla und deren Alkoholsucht Plötzlich fällt es ihm wie Schuppen von den Augen: Dieser Gastwirt, das ist doch Vertigo, der brutale Prahlhans. Es kommt zu einem heftigen Wortwechsel zwischen den beiden, da der Mann aus Madrid eine fatale Entdeckung gemacht hat.» Für das Bühnenbild genügen ein paar Palmen und Gartentische mit Stühlen. In warmer Beleuchtung wird mit den südländischen Kostümen, der alte Priester erinnert an Don Camillo in späteren Jahren, sofort die entsprechende Stimmung auf die Bühne gezaubert. Beat Gärtner führt als Mann aus Madrid ruhig und mit grosser Textverständlichkeit durch die kurze Geschichte. Nach einem Kaltstart gibt Julia Schiwowa mit klarem Sopran ein Manuelita, die mit beiden Beinen fest im Leben steht und weiss, was sie will. Christoph Waltle überzeugt mit herrlichem Charaktertenor als Miguel. Mit prächtigem Bariton überzeichnet Erich Bieri den Vertigo fast. Mit wohlklingendem, leicht dramatischem Sopran gibt Susannah Haberfeld die Teresita de Falla. Flavio Corazza und Denise Johansen sind der Priester Don Francisco und seine Haushälterin Imelda.

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Foto © Dennis Yulov

Die Operette en un acte «Pomme d’api» auf ein Libretto von Ludovic Halévy und William Busnach ist, am 4. September 1873 im Théâtre de la Renaissance uraufgeführt, gut 20 Jahre jünger und enthält als Konzentrat des Offenbachschen Genies all das, was für seine Kompositionen charakteristisch ist: eine zauberhafte, sinnliche Musik und herrlich kontrastierende Solo-Passagen und Ensembles. Trotz einer erfolgreichen Uraufführung und positiver Presse war dem Stück keine breite Rezeption beschieden: Mit der nach dem deutsch-französischen Krieg beginnenden Offenbach-Renaissance lag der Akzent auf abendfüllenden Stücken. Einakter galten nur noch als Lückenfüller.

Zum Stück vermerkt das Programmblatt: «Ort: Die kleine Villa von Monsieur Rabastens in Neuilly bei Paris. Zeit: Siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. In verdankenswerter Weise wird man durch einen soignierten Herrn- es ist der weitherum bekannte Celestin lnconnu- ins Geschehen dieser aufwühlenden Geschichte eingeführt. Im Hause des äusserst vermögenden Monsieur Amilcar Rabastens leben in seltsamer Wohngemeinschaft folgende Personen: Da ist zunächst der Hausherr zu nennen, der unverheiratete Rabastens, ein schrulliger Haustyrann. In einem Fauteuil sitzt sein Grossvater, der frühere Honorarkonsul von San Marino, 107 Jahre alt und grundsätzlich mit allem, was um ihn herum geschieht, einverstanden. An seiner Seite erkennt man eine resolute Dame, sie wird nur „La Tante“ genannt. Von wem sie Tante sein soll, ob sie es überhaupt jemals war und ob nicht möglicherweise andere, «Beziehungen» sie an die Wohngemeinschaft binden- wer weiss es?? Aus seinem kleinen Schlafzimmer vernimmt man die Klagelaute eines weiteren Bewohners der Villa. Es ist Gustave, der leidende Neffe von Rabastens. Aber was schmerzt ihn derart, dass sein andauerndes Jammern den Onkel beinahe zum Wahnsinn treibt? Der Grund liegt in seinem feigen Verhalten seiner Geliebten gegenüber. Auf Drängen des Onkels, der Gustave mit seinen 31 Jahren noch nicht für alt und reif genug hält, eine Liebesbeziehung einzugehen, hat Gustav diese Liaison abgebrochen, einfach so, ohne Erklärung. Nun quälen ihn Gewissensbisse und auch die Sehnsucht nach der Verlorenen. So herrscht denn in der Villa ein merkwürdiges Gemisch von Jammern und Keifen. Letzteres ereignet sich vorwiegend zwischen Rabastens und seiner Haushälterin Amelie. Und dies seit Jahren!! Nun hat er genug und wirft sie raus. Aber wird sie wirklich dem Rausschmiss Folge leisten?? Kaum. Rabastens hat sich umgehend eine neue Haushalthilfe kommen lassen. Sie klingelt bereits. Der Hausherr öffnet- und ist geblendet von der strahlenden Schönheit der jungen Dame namens Catherine.  oll, die muss es sein. Natürlich knistert in Rabastens‘ Kopf der Hintergedanke nach mehr. Catherine soll nicht nur waschen, bügeln, kochen, putzen, … sondern auch … Na ja, schaun wir mal. Als der Neffe Gustave nun Catherine begegnet, löst sich ein Schrei aus seiner Brust! Catherine ist seine von ihm verlassene Pomme d‘ Api, dies ihr Kosename. Es macht ihn rasend zu sehen, wie nun der Onkel sich seiner ehemaligen Liebe zu nähern versucht. Ob es zu einem guten Ende kommt … das ist nicht so sicher… wahrscheinlich könnte … aber dann müsste … es wäre allerdings … und schliesslich dürfte … Aber kann man’s wissen??»

Mit zahlreichen Sesseln, Lampen und Grünpflanzen ist auf der Bühne Rabastens Salon angedeutet. Die Solisten wissen dies zu nutzen und laufen zu grosser Form auf. Beat Gärtner führt nun als Celestin Inconnu durchs Stück. Mit wunderbar klarem Sopran gibt Julia Schiwowa die Cathérine, genannt «Pomme d’api» (rotes Äpfelchen, genau: Böhmischer Roter Jungfernapfel, in Österreich auch Chrysofsker). Christoph Waltle ist ein herrlich lyrischer Gustave. Erich Bieri ist Monsieur Amilcar Rabastens, ein «Alter» (im Vergleich zum jungen Paar Gustave und Cathérine) ganz im Sinne der traditionellen Liebesgeschichte der Commedia dell’arte. Susannah Haberfeld wird von ihm vor die Türe gesetzt und findet sich damit natürlich nicht ab. Flavio Corazza und Denise Johansen sind Le Grand-Père und La Tante.

Andres Joho dirigiert vom Klavier aus das Orchester der Zürcher Kammeroper (Konzertmeister: Branko Simic, Viola: Dominique Polich, Violincello: Solme Hong, Klarinette: Carolina Segui, Querflöte: Ivan Denes, Horn: Melissa Danas), das Offenbachs Musik in kleiner Besetzung grossartig umsetzt.

Grossartige Unterhaltung, die bald Kult wird!

Weitere Aufführungen: 31.12.2021, 16.00 und 20.00; 02.01.2022, 19.00; 07.01.2022, 19.00; 08.01.2022, 19.00;

15.01.2022, 19.00 und 16.01.2022, 15.00

30.12.2021, Jan Krobot/Zürich

 

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