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ZÜRICH: I CAPULETI E I MONTECCHI – und Giulietta stirbt nicht… Wiederaufnahme

05.11.2016 | Oper

Zürich: I CAPULETI E I MONTECCHI – Wiederaufnahme, besuchte Aufführung 4.11.2016

Und Giulietta stirbt nicht…

Wenn bei der Bebilderung der Ouvertüre – eine heutige Untugend – das Leben Giuliettas im Flashback als übermässige Bindung an den Vater (wobei in dieser Betrachtung der angedeutete Kindesmissbrauch mal aussen vor bleiben soll) und Giulietta nicht im Tod, sondern im Wahnsinn ihr Ende findet, so kann man das als Regiekonzept Christof Loys wohl oder übel akzeptieren, zumal die Geschichte eigentlich ganz linear erzählt wird. Die Adaptierung des Renaissance-Stoffes und Verpflanzung in die Mussolini-Zeit mag angehen. Dass dabei dauernd die Drehbühne mit den düsteren Bühnenbildern (von Christian Schmidt inkl. Kostüme) in Aktion ist, wirkt auf die Dauer doch bemühend.

Credit: Marco Borggreve
Anna Stephany. Copyright: Marco Borggreve

Umso mehr ist die Besetzung des Romeo mit der jungen Anna Stephany als Glücksfall zu bezeichnen. Schon von der äusseren Erscheinung höchst glaubhaft, besitzt diese junge Künstlerin eine beachtliche szenische Präsenz. Die lange und anspruchsvolle Gesangspartie meistert die Mezzo-Sopranistin mit guter Technik und gesunder Musikalität. Mag ihr noch – es ist ja ein Rollendebut! – noch hie und da etwas an Farbgebung, an technischer Virtuosität fehlen, so kann doch von einer höchst beeindruckenden Leistung gesprochen werden. Vor allem vermochte sie sich gegen Schluss immer mehr zu steigern und stellte somit einen Romeo dar, mit dem in Zukunft voll zu rechnen ist. Ihre Partnerin als Giulietta, die junge Urkainerin Olga Kulchsynska hat sich gegenüber der Premiere vor anderthalb Jahren gewaltig gesteigert. Sie hat zu einer sicheren Technik gefunden, die sie alle Schwierigkeiten dieser Partie meistern lässt. Ihre Stimme hat an Körper und Ausgewogenheit gewonnen und nennt ein schönes Timbre ihr Eigen. Ausserdem passt sie in ihrer mädchenhaften Erscheinung perfekt zum edlen Romeo von Anna Stephany. Als Tebaldo hörten wir wiederum Benjamin Bernheim, dessen Tenor an Volumen (volle Höhe!) gewonnen hat, aber der Tenor hat wohl noch nicht die letzten Finesssen des Bellini’schen Melos erlickt. Auch schien er als der kämpferische Rivale Romeos doch um einiges zu passiv. Als Vater ist Krysztof Baczyk mit schön getönten Bass hervorzuheben, ebenso wie Roberto Lorenzi mit flexiblem Bariton als Padre Lorenzo gefallen konnte. Beide gerieten durch die szenische Präsenz des Liebespaars etwas in den Hintergrund, was aber durchaus vertreten werden kann. Der Chor der Oper Zürich sang seine Einsätze tadellos (Einstudierung: Jürg Hämmerli) und die Philharmonia akzentuierte vor allem nach der Pause unter dem kundigen Dirigat von Maurizio Benini das ganz eigene Orchester-Kololorit Bellinis auf schönste Weise. Ein wunderschöner Abend in Belcanto-Wonnen.

John H. Mueller      

 

 

 

 

 

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