Gaëtano Donizetti: Don Gregorio • Kammeroper Zürich im Gemeindesaal Zollikon ZH • Premiere: 31.12.2025
Beste Unterhaltung bei herrlicher Musik
In diesem Winter hält die Kammeroper Zürich für den Donizetti-Fan sein Melodramma giocoso in zwei Akten «Don Gregorio» (1826; für Neapel revidierte Fassung von «L’ajo nell’imbarazzo»/«Der Erzieher in Verlegenheit», Rom 1824) bereit. Und wer noch kein Donizetti-Fan ist, wird es mit dieser Aufführung werden.

Foto © Denis Yulov
Das für die Karnevals-Saison des römischen Teatro Valle im Jahr 1824 entstandene melo-dramma giocoso in due atti a sette voci «L’ajo nell’imbarazzo» war ein so deutlicher Erfolg (07.02.1824), dass es nicht nur in Italien, sondern, als erstes Werk des Bergamasker Meisters auch im Ausland (z.B. Dresden 1828 oder Berlin 1841), nachgespielt wurde. Zwei Jahre später entstand für eine Aufführungs-Serie am Neapolitaner Teatro Nuovo (11.06.1826), der dortigen Heimstatt der Opera buffa, eine überarbeitete Fassung unter dem Titel «Don Gregorio». Dafür komponierte Donizetti zusätzliche Musik, wandelte die Rezitative in Sprechtexte um und die Partie des Don Gregorio wurde auf Neapolitanisch übersetzt. In der Musik beider Versionen ist Rossini noch immer präsent und der Einfluss seines Lehrers und Mentors Giovanni Simone Mayr, der ihn mit den Komponisten der Wiener Klassik vertraut gemacht hatte, erkennbar, aber Donizetti geht eigene Wege: die Melodien sind von unerhörter Leichtigkeit und Vielfalt, voller Kreativität geprägt von einem Streben nach Originalität und verweisen für uns später Geborene auf «L’elisir d’amore» und «Don Pasquale». Mit ihrem enormen Spektrum an musikalischem Ausdruck ist die Musik ein Meilenstein der Entwicklung des frühen Donizetti. Von beiden Werken sind mittlerweile kritische Editionen erschienen.
Aus dem Material der beiden Fassungen hat sich die Zürcher Kammeroper unter dem Gesichtspunkt des musikalischen und dramatischen Eindrucks eine eigene Spielfassung erstellt und als Titel, weil eingänglicher, den der zweiten Fassung, «Don Gregorio», gewählt. Den Chor der Bediensteten des Marchese Giulio, vier Diener, zwei Kellner und zwei Laien, hat man hat man behutsam mit der Statisterie der Kammeroper Zürich verstärkt. Da Gemahlinnen in diesen Werken nur selten vorkommen, befand man es für reizvoll eine solche, ergänzt, wie es im 19. Jahrhundert häufiger vorkam, um ein lebensuntüchtiges Geschwister, das sie zu versorgen hat, einzuführen. Diese Ergänzung des Personals um Giulios Gattin Donna Wanda und deren Bruder und zweiten Sekretär Don Giulios mit Namen Eriprando mag im ersten Moment reizvoll sein und dem Zeitgeist entsprechen, lässt aber die Charaktere der Hauptrollen weniger einleuchtend erscheinen. Die Frauenfeindlichkeit des Don Giulio, ausgelöst durch frühere schlechte Erfahrungen mit der Ehe, und die nicht nur emotionale Fixierung des Sohnes Pippetto auf die Köchin Leonarda im ansonsten frauenfreien Haushalt werden so weniger plausibel.
Paul Suter (Regie; Regieassistenz: Nina Debrunner), Doyen der freien Musiktheater‐Szene der Schweiz, lässt die Handlung in einem Einheitsbühnenbild (Gaston Humbert Divan-Tapis) spielen. Etwas erhöht findet sich auf der rechten Seite Don Giulios Büro, links erhöht das Zimmer des älteren Sohns Enrico; davor ist jeweils ein weiteres Zimmer angedeutet. Hier führt Suter souverän die Figuren und erzählt unterhaltsam die Geschichte. Die Kostüme von Monika Schmoll und die Lichtgestaltung durch Markus Brunn sorgen für die mehr als stimmige Atmosphäre.
Erich Bieri gibt den Marchese Giulio Antiquati mit souverän geführtem, herrlich wohlklingendem Bass-Buffo und gewinnt nicht nur mit seiner finalen Zustimmung zur Heirat seiner Söhne die Sympathien des Publikums. Niklaus Rüegg führt in der Rolle von dessen Schwager Eriprando und zweiten Sekretärs als Conférencier souverän durchs Stück. Christoph Waltle gibt Don Giulios älteren Sohn Marchese Enrico mit klar fokussiertem, höhensicheren Tenor. Die Krone des Abends gebührt Anna Gitschthaler in der Rolle von dessen heimlicher Gattin Gilda Tallemanni. Was für eine Stimme! Perfekt fokussiert, souverän geführt mit kristallklaren, virtuos vorgetragenen Höhen. Und was für eine Bühnenpräsenz! Sie steuert das Geschehen, sie kämpft wie ein Mann und weiss, wie sie die Waffen einer Frau einsetzen muss, um die Zustimmung von Marchese Giulio zur Heirat zu bekommen. Valérian Bitschnau gibt den Marchese Pippetto mit agilem, sauber geführtem Tenor. Judith Lüpold macht als Köchin Leonarda mit vollem, rundem Mezzo klar, warum sich Pippetto in sie verliebt. Yves Brühwiler als Hauslehrer Gregorio Cordebono begeistert mit herrlich kernigem, perfekt geführtem Bassbariton das Publikum. Hartmut Kriszun ergänzt als Butler Simone das Septett.
Der Herrenchor der Zürcher Kammeroper mit Andreas Schiller als Don Romano, Petrik Thomann als Chauffeur Matteo, Daniel Wirz als Musiklehrer Maestro Tullio, Marcel Lutz als Pâtissier Checcho, Deniz Tokdemir als Hauskellner Luca, Balthazar Mühlemann als Buchhalter Girolamo, Nicola Dittli als Heizer Fausto, Beat Kneubühler als Chefkoch Pietro und Dieter Werner als Gärtner Bartolomeo und die Statisterie der Zürcher Kammeroper mit Denise Johansen als Don Giulios Tante Chiara, Rebecca Künzli als Küchenhilfe Olga und Domenica Patak-Christen als Don Giulios Gattin Wanda tragen ganz wesentlich zum Gelingen des Abends bei!
Das Orchester der Zürcher Kammeroper (Katarina Gavrilovic, Flöte; Renato Bizzotto, Oboe; Matteo Genini, Klarinette; Alessandro Damele, Fagott; Johannes Platz, Horn; Ronny Spiegel, Konzertmeister; Claudia Troxler, Violine II; Anouk Obschlager, Viola; Sarah Cohen, Violoncello; Daniel Sailer, Kontrabass) unter musikalischer Leitung von Caspar Dechmann spielt einen luftig leichten, warmen Donizetti. Diese Instrumentalisten bringen Farben und Rhythmen zu Gehör wie ein grosses Orchester. Kompliment!
Beste Unterhaltung bei herrlicher Musik!
Weitere Aufführungen:
Sonntag, 04.01.2026 um 15:00; Freitag, 09.01.2026 um 19:00; Samstag, 10.01.2026 um 18:00;
Sonntag, 11.01.2026 um 15:00; Freitag, 16.01.2026 um 19:00; Samstag, 17. 01.2026 um 18:00;
Sonntag, 18.01.2026 um 15:00.
01.01.2026, Jan Krobot/Zürich

