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Yannick Grannec: DIE GÖTTIN DER KLEINEN SIEGE

08.02.2013 | buch

Yannick Grannec: 
DIE GÖTTIN DER KLEINEN SIEGE
Roman
480 Seiten, Verlag Lessingstraße / Ecowin, 2013 

Der „tragische“ Held zuerst: Kurt Gödel (1906-1978), Mathematik-Genie, aber bei weitem nicht so bekannt wie sein Freund Albert Einstein. Naturwissenschaftler kommen nur selten zu großer, breiter Popularität – besagter Einstein war eine  Ausnahme, Hawking ist wohl eine. Die anderen Denker, die auf dieser Ebene funktionieren, haben nicht die geringste Chance, vom Normalmenschen auch nur annähernd verstanden werden. Schon das entrückt sie aus dem Bewusstsein der Allgemeinheit.

Dennoch hat Kurt Gödel immer wieder dazu „inspiriert“, ihn künstlerisch zu bewältigen. 1979 machte ihn der amerikanische Physiker und Psychologe Douglas R. Hofstadter zu einem der drei Helden von „Gödel, Escher, Bach“, wo er versuchte, aus Gödels Mathematik, M. C. Eschers seltsamen künstlerischen Formen und Bachs strukturierter Musik ein komplexes Gedankensystem zu entwickeln. Kürzlich erst hatte Daniel Kehlmann mit seinem Stück „Geister in Princeton“ Gödel und seinen Freund Einstein auf die Bühne gebracht. Und nun der Roman der Französin Yannick Grannec, von Beruf Graphik-Designerin mit ausgesprochener Liebe zur Mathematik. Die braucht man auch, wenn man über Kurt Gödel schreibt.

Allerdings ist es nur indirekt ein Roman über ihn, vielmehr einer über dessen Frau Adele, mit der ein halbes Jahrhundert verheiratet war. Eine seltsame Ehe, wie allgemein konstatiert wurde: Er, der Intellektuelle, der Großbürgersohn, sie, die Frau aus einfachen Verhältnissen, geschieden, sieben Jahre älter als er, alles andere als schön (mit einem Feuermal im Gesicht, später unförmig dick geworden). Es muss ein ähnlicher Fall gewesen sein wie zwischen Heinrich und Nelly Mann, wo sich zwischen dem bedeutenden Mann und der mehr als unbedeutenden Frau Welten auftaten – und sie zur Missbilligung und dem Unverständnis der Umwelt dennoch zusammen blieben. Man hat über Nelly viel die Nase gerümpft und über Adele Gödel wohl auch. Dennoch ist sie es, die die französische Autorin in den Mittelpunkt ihres Romans stellt.

Dabei ist die Rahmenhandlung gänzlich erfunden. Tatsache daran ist nur, dass Adele Gödel nach dem Tod des Gatten (1978) in eine Seniorenresidenz ging, in der sie 1981 starb. Hier führt die Autorin nun eine ambitionierte jüdische Studentin namens Anna Roth ein, die im Auftrag eines Instituts zur alten Dame kommt, um ihr Gödels Nachlass zu „entreißen“. Das Buch läuft nun konsequent auf zwei Ebenen: Jeweils einem Kapitel, in dem sich die junge und die alte Frau auseinandersetzen, von Adeles Seite her immer kämpferisch und nicht selten unfreundlich, folgt ein Kapitel, in dem Adele in Ich-Form ihre Beziehung zu Kurt Gödel schildert. Von 1928 an, als Adele Porkert, die als „Mädchen für alles“ in dem Wiener Nachtclub „Nachtfalter“ arbeitete, den Studenten Kurt Gödel kennenlernte, der damals gerade seine Dissertation über formale Logik vorbereitete. Bis zu seinem Tod in Princeton – und dann führt die Rahmenhandlung die Geschichte bis zu Adeles Ableben  zu Ende.

In den Szenen um (die erfundene) Anna Roth kann die Autorin frei „dichten“, und sie tut es gern: Es ist die Geschichte einer aus vielen Gründen verkomplexten jungen Frau, die schließlich von den Ratschlägen einer mürrischen Alten lernt und am Ende vielleicht in ein Leben mit Risiko eingeht.

Dennoch sind diese Kapitel nicht annähernd so faszinierend wie die „echte“ Geschichte der echten Adele, wenn auch hier neben der Verarbeitung von vorhandenem Material die dichterische Freiheit herrscht. Aber es ist schon faszinierend, wie Yannick Grannec diese Adele erzählen lässt – mit dem Selbstbewusstsein der einfachen Frau, die sich von dem Überintellektuellen nicht unterkriegen lässt. Sonst hätte sie ja nicht ihre Aufgabe in seinem Leben erfüllen können. Denn daran lässt die Autorin keinen Zweifel: Es war Adele, die den überempfindlichen, paranoiden, ebenso egozentrischen wie genialen Gödel überhaupt am Leben hielt. Er ging aus den Armen der starken Mutter in die Arme der starken Unterschichts-Frau (die von der Mutter natürlich gehasst wurde) – und hatte ihr wahrlich wenig zu bieten. Zumindest in Adeles Augen.

Die Erzählung verläuft chronologisch: Gödel in jenem „Wiener Kreis“, der dann – allein dadurch, das die meisten seiner Mitglieder Juden waren – von den Nazis gesprengt wurde. (Man hat Gödel übrigens immer für einen Juden gehalten, der er nicht war, er emigrierte, weil er die Freiheit seiner Arbeit nicht mehr gewährleistet fand.) Adele hatte den ziemlich lebensunfähigen jungen Mann, der zu seinem Glück aus einer wohlhabenden Familie kam, „eingefangen“, ohne dass ihm die Sexualität je viel bedeutet hätte. „Ich hatte mich mit viel zu wenig Waffen in den Kampf gestürzt: Einen metaphysischen Abgrund kann man nicht mit Apfelstrudel füllen.“

Schon in den dreißiger Jahren erlitt Gödel seine ersten Nervenzusammenbrüche und landete im eleganten Sanatorium in Purkersdorf. Doch schon damals erkannte die Fachwelt seinen Rang – die erste Einladung nach Princeton für Vorlesungen kam 1933, und er reiste ohne Adele. Nach seiner Rückkehr kamen die Depressionen wieder, Obsessionen verfolgten ihn sein ganzes Leben, Krankheiten desgleichen. So wie die Autorin Gödel durch Adeles Augen schilderte, war er ein schwächliches, unausstehliches, forderndes Bündel aus Selbstmitleid und Paranoia – aber eben ein mathematisches Genie.

1937 kam es (wenn es nicht wahr ist, ist es gut erfunden) zu einer Begegnung von Gödels Mutter mit der verhassten Adele – am Grinziger Friedhof, an Mahlers Grab. Die Aussprache ergab, dass die Mutter den Sohn in die Hände der starken Frau legte. Zur Hochzeit mit der „Tingel Tangel-Tänzerin“ („Außerhalb seiner Arbeit hatte Kurt immer schon einen bescheidenen Geschmack“, ätzte die Mutter) kam sie allerdings nicht. Die Auswanderung wurde den Gödels nach der Machtübernahme der Nazis nicht leicht gemacht – es war nahezu eine Flucht, 1940 über Moskau mit der Transsibirischen Eisenbahn nach Japan und dann per Schiff in die USA zu gelangen. Sie schafften es. Princeton wurde Gödels Heimat, Albert Einstein sein bester Freund.

Von da an kämpfte sich Adele – kämpft sich das Buch – durch die mehr oder minder ereignislosen Jahre in den USA, wobei Adele die bunte, irrwitzige Wissenschaftler-Kolonie mit mehr Verstand schildern darf, als es das Wiener Original wohl imstande gewesen wäre. Auch muss die Autorin ihr eigenes mathematisches Wissen zeigen und versuchen, für einen normalen Leser doch einigermaßen darzustellen, worum es in den Diskussionen der dortigen Geistesgrößen ging. Adele darf berichten – wieder zweifelt man, ob sie es gekonnt hätte. Aber der Leser braucht diese Passagen. Wenn Kurt Gödel nur ein unerträglicher Nervenkranker mit unbeherrschbaren Komplexen gewesen wäre – weder er noch Adele hätten Berechtigung zwischen Buchdeckeln. Hier jedoch erwachen beide legitim zum Leben, so dass man das Buch am Ende mit dem Gefühl aus der Hand legen kann, um einiges mehr über Gödel zu wissen als zuvor.

Schade und ärgerlich nur Irrtümer, die nicht sein müssten, beweist die Autorin doch in so vielen Fällen wahrlich ihre Kompetenz (wohl auch in der Recherche). Da gibt es rein fachliche Fehler – es ist nicht die „Langen Gasse“, sondern die Lange Gasse im 8. Bezirk, wo Adele und Gödel angeblich gewohnt haben. Und keine Wienerin der Welt würde sagen, sie habe Kurt Gödels „Krone gewienert“ – auf Wienerisch putzt man eine Krone (oder einen Boden), aber man „wienert“ hier nicht… Den Wert des Romans mindert dergleichen natürlich nicht. Diese auf so vielen Ebenen anregende Geschichte sollte man sich geben.

Renate Wagner

 

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